29. April 2014

Die Sassi von Matera


Auf meiner Studienreise durch Apulien machte unsere Reise- gruppe einen Abstecher in die Nachbarprovinz Basilikata, 63 Kilometer südlich von Bari. Von der Stadt Matera hatte ich noch nie gehört. Als wir mit dem Bus durch die gesichtslose Oberstadt fuhren und sahen, dass Matera 2019 Kulturhauptstadt Europas werden sollte, waren wir sehr erstaunt.
 
"Die müssen bis 2019 aber noch einiges tun", sagte ein Mit- reisender.

"Wartet mal. Hier ist es noch hässlich, aber gleich wird es schön", sagte Annette, unsere Reiseleiterin. Sie sagte das übrigens ziemlich oft, diese Aussage entwickelte sich zum running gag auf unsere leider viel zu kurzen Reise. Wir fuhren durch Gewerbegebiete und Annette versprach, dass es gleich schön würde. Die Gewerbegebiete in den Stadtrandlagen taten mir geradezu leid. Irgendwo hier im Mezzogiorno, dem armen Süden Italiens, mussten Menschen ihr Geld verdienen und Olivenöl-Fabriken und Hochhäuser mit bezahlbaren Mieten konnten nun einmal nicht aussehen wie die Schlösser der Staufer.
Annette hatte Recht, es wurde schöner, als wir die Altstadt Materas erreichten. Kleine Gassen, Plätze mit Cafés, flankiert von blühenden Judasbäumen, unter denen sich Männer nach dem sonntäglichen Kirchgang unterhielten.

Langsam bewegten wir uns auf den Belvedere, den Aussichts- punkt der Stadt, zu. Vor uns erschien eine riesige Schlucht, ein Labyrinth aus lauter Gebäuden in grau und beige, dicht an dicht, wie aufeinandergestapelt und zusammengewürfelt. Der Ausblick war atemberaubend, ich minutenlang sprachlos.

 

Oberhalb der Häuser konnten wir die ursprünglichen Höhlen sehen, in denen bereits in der Jungsteinzeit Menschen siedelten.

War ich in eine Filmkulisse geraten? Annette erklärte, dass tatsächlich einige Filme in den Sassi, den Höhlensiedlungen, Materas gedreht worden waren und immer noch werden. Vor allem "Sandalenfilme" über das Leben Jesu, wie der umstrittene Film von Mel Gibson Die Passion Christi. Bis in die 50er Jahre hatten in den Wohnungen Menschen unter erbarmungswürdigen Umständen gelebt. In feuchten Häusern ohne Licht, viele starben an Hunger oder Maleria.
Mit Veröffentlichung von Carlo Levis Roman Christus kam nur bis Eboli 1945 wurde die Öffentlichkeit auf die Lebensumstände in Matera aufmerksam gemacht. Man sprach von den Sassi als "nationale Schande". Heute können wir beim Betreten alter Kirchen und Wohnungen erahnen, wie die Einwohner der Sassi damals lebten.


Ab 1954 wurden 20.000 Bewohner der Sassi in Sozialwohnungen der Oberstadt umgesiedelt. Erst in den 80er Jahren entdeckten die Einwohner Materas die Möglichkeit in den Sassi wieder.
Als wir hinabstiegen in das Labyrinth, entdeckte ich kleine Werk- stätten und liebevoll gestaltete Bed & Breakfasts. Wir gingen berg- auf und bergab, die Treppen schienen im Nirgendwo zu enden, wie in einem Bild von M.C. Escher.



Matera ist eine Sehenswürdigkeit. Die Altstadt und die Sassi sind des Sehens würdig. Ich verließ die Kulturhauptstadt 2019 am frühen Nachmittag. Bedrückt und beeindruckt zugleich.



Informationsquelle:
Wikipedia

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