13. Januar 2016

Frau Meyer und die Sache mit den Brezeln

Neulich im ZAKK, dem Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation in Düsseldorf.

Vor der Veranstaltung müssten wir noch etwas zu uns nehmen. Die Zeit drängt ein bisschen. Ich stehe an der Theke des dem Veranstaltungsraum angegliederten Bistros und entscheide mich für die kulinarische Allzweckwaffe: Eine Brezel.

Eigentlich mag ich Brezel nicht besonders, aber die kann ich in der linken Hand halten, während ich mit der rechten mein Getränk an den Mund führe. Brezel sind praktisch und im ZAKK recht genießbar.

Ich stehe an der Theke und frage eine junge männliche Bedienung im blauen Karohemd: "Habt ihr Brezel?"
Er: "Ja."
Ich: "Was kosten die denn?" (überlege, zwei zu kaufen)
Er: "Die kosten 2,20 das Stück. Sind aber keine mehr da."
Ich: "Na, toll."
Er (sehr desinteressiert murmelnd): "Gleich gibt es aber wieder welche. So in fünf Minuten."
Ich: "Gut, dann warte ich."

Lehne mich an den Tresen und schaue mich um. Neben mir sitzt eine Frau in einer neongelben Sicherheitsweste, trinkt ein Bier und isst: Eine Brezel.

Mein Magen knurrt.

Der junge Mann im Karohemd fragt mich, was es denn sein darf.
Ich: "Ich bin die Frau mit den Brezeln." (habe ich erst vor zwei Minuten bei dir bestellt, Kleiner)
Er fragt eine andere weibliche Bedienung, wie lange das noch dauert mit den Brezeln.
"Fünf Minuten."

Ich schaue zu der ungefähr gleichaltrigen Frau, die gerade die letzte Brezel gefuttert hat und sich nun ein zweites Bier bestellt. Ich seufze: "Ab einem gewissen Alter wird man unsichtbar." Dabei schaue ich sehr auffällig auf ihre sehr auffällige Weste. Welchen Sinn sollte dieses neongelb leuchtende Teil hier im Bistro machen, wenn nicht den, die Aufmerksamkeit der Thekenkraft auf sich zu ziehen?

Während meiner Brezel-Wartezeit erinnere ich mich an einen Artikel auf brigitte.de, in dem Dr. Eva Wlodarek, die Haus- und Hofpsychologin des Frauenmagazins, Strategien für Frauen nennt, die nicht unsichtbar sein wollen.

1. Loslassen

Dies würde in meinem Brezel-Fall bedeuten, dass ich mir etwas Anderes bestelle. Denn die angekündigten fünf Minuten sind längst herum, die Vorstellung beginnt gleich und ich muss einfach in etwas hineinbeißen. Notfalls in den Tresen.

2. Stärken ausspielen

Ich kann ziemlich laut werden. Könnte fragen: "Hör mal, Männeken, wird das noch was mit den Brezeln? Ich muss wieder rein."

3. Aktiv werden

Links herum geht es in die Küche, soll ich mal gucken, was die Brezeln machen?

4. Erotisch bleiben

Hm, ich könnte mich lasziv über die Theke lehnen, fürchte aber, dass der Junge, der schon nach zwei Minuten vergessen hat, dass eine von zwei Ü40-Damen Brezel bei ihm bestellt hat, nicht zu denen gehört, deren Lieblingsfilm "Die Reifeprüfung" ist. Außerdem habe ich mein Negligé zuhause vergessen.

Das Karohemd geht in die Küche und kommt mit vier Brezeln, die an einem Ständer - also an einem aus Holz - hängen, heraus. Er stellt diesen hinter sich ins Regal und fängt in Aaaaalleeeerseeeeelenruuuuuhe damit an, Gläser zu spülen.


Foto: Tante Tati (pixabay)

Ich muss eine Tarnkappe auf dem Kopf haben.
Die Frau mit der gelben Weste lacht.
Ich zu ihr: "Er sieht mich nicht. Ich bin alt und hässlich."
Sie: "Neeeein."

Eine andere Thekenkraft nimmt mich wahr, ein Mann auf Augenhöhe. Altersmäßig.
"Was wolltest du denn?"
"Zwei Brezel, ich habe die vor über 10 Minuten bestellt und da (ich zeige drauf) sind sie. Ihr junger Kollege sieht mich einfach nicht."
"Ach, der." (wegwerfende Handbewegung)
"Ich bin alt und hässlich."
"Neeeein."

Kurz vor Beginn des Kulturprogramms lasse ich mich schnaufend auf meinem Platz nieder.
"Wo warst du denn?" fragt eine meiner Freundinnen.
"Ich habe uns Brezel besorgt."
"Oh, danke. Die sind ja noch warm, toll", sagt die andere Freundin.

Wir teilen uns die Brezeln schwesterlich.

Ja, und ich weiß jetzt, wie ich es zukünftig vermeide, als Frau über 40 übersehen zu werden.

Ich kaufe mir eine neongelbe Sicherheitsweste mit reflektierenden Streifen.

Zur Not tut es die auch zum Radfahren.










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