2. März 2016

Vorsätze, rückblickend




Hallihallo."
„Hallo. Frohes neues."
„Wünsch ich dir auch, Gisela. Wie isset denn?"
„Ja, muss." (Gisela seufzt und geht ab.)

 Diesen Dialog zweier Damen im letzten Lebensdrittel erfasste ich gerade im Vorübergehen vor einem REWE-Markt. Und ich dachte Ja, muss ... das könnte ich mir auf ein T-Shirt drucken lassen, damit ich es nicht jedes Mal vor mich hinbrummeln muss, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht. Mein Leben war mehr so Ja, muss ... in den letzten Wochen.Gestern am Neujahrstag, dem The day after, spazierte ich mit etwas Kreislauf und Kopfschmerzen, ansonsten aber allein die Rheinuferpromenade entlang, schaute auf den Fluss und die Skyline hinter der Rheinkniebrücke und verliebte mich wieder mal in meine Stadt.Neben der Treppe vor dem Schlossturm spielte ein älterer osteuropäischer Mann im Schneidersitz auf seinem Akkordeon. Erst einen Strauss-Walzer, Frühlingsstimmen, danach We are the world von Michael Jackson und im Anschluss La Paloma, das mir zusammen mit der üblichen Neujahrssentimentalität, endgültig die Tränen in die Augen trieb. Vielleicht lag das aber auch am beißenden Uringeruch aus dem Toilettenhäuschen.

Softeis. Auf ein Softeis mit einem knackigen Schokoladenüberzug, das früher als "Eisneger" vor Woolworth verkauft wurde, überkam mich - der aufsteigenden Säure in meiner Speiseröhre zum Trotz - eine unstillbare Lust. Ich hätte mir bei McDonalds einen Mc Sundae mit Schokosauce kaufen können. Aber das war einfach nicht dasselbe.

Und während ich mit einem Gefühlskater weiterschlenderte, sinnierte ich über meine Vorsätze für das neue Jahr. Halt. Bevor ich versuchen würde, mit meinen Vorhaben dem noch jungfräulichen 2016 ein wenig mehr Glanz zu verleihen, musste ich 2015 bilanzieren. Was war mir im letzten Jahr gelungen und was nicht?Hier das Ergebnis nach einem vier-Kilometer-Spaziergang:
   
ES IST MIR GELUNGEN

- mich an Kleinigkeiten zu erfreuen, wie zum Beispiel an der sanft nach Zitrusfrüchten riechenden Hotelseife aus Portugal. Hab mich direkt mit mehreren eingedeckt. Im Gegensatz zu, aus Reiseländern mitgebrachten, Alkoholika ist die Wirkung der Seife auch zu Hause noch dieselbe

- über mich und meine Ungeschicke zu lachen (Humor ist, wenn man trotzdem ...)

- alle Weihnachtsgeschenke bis zum 20.12. zu besorgen

- den Keller von Profis entrümpeln zu lassen

- mir Stempel für mein Bonusheftchen zu holen und es an meine Krankenkasse zu schicken


      ES IST MIR MANCHMAL GELUNGEN

- denen, die mir wichtig sind, zu sagen, dass ich sie lieb habe

- mich mit meinem Vater zu "unterhalten" (manche würden es beten nennen)

- meiner Mutter zu sagen, wie stolz ich auf sie bin, wie sie ihr Leben hinbekommt (und seit neuestem die Sache mit den E-Mails)

- mich gesund zu ernähren

- Sport zu treiben (na ja "Sport", schwimmen und walken halt)

- mich, statt im Internet herumzusurfen, auf richtig gute Bücher zu konzentrieren.

- mich mit einigen Freunden zu treffen

- bei "Frauentausch" sofort wegzuschalten

- bei "Vermisst" nicht zu weinen, wenn der US-Amerikaner, der seine Tochter dreißig Jahre nicht gesehen, aber jeden Tag (!) an sie gedacht hat, diese in Bad Kreuznach in die Arme schließt

- Katzenvideos auf Facebook lustig zu finden


       
ES IST MIR NICHT GELUNGEN

- die eine Wohnzimmerwand hellgrau mit einem Hauch von blau oder petrol oder flieder zu streichen

- die eine Wohnzimmerwand streichen zu lassen

- meine Spülmaschine wirklich effizient einzuräumen

- alle Freunde zu treffen

- auf Facebook-Entzug zu gehen

- Gespräche in Bus und Bahnen zu verfolgen und nicht durchzudrehen

- Nachrichten zu gucken und zu denken: "Was geht mich das an?"


- den Turm aus Wäsche (aka Burj al Khalifa von Pempelfort) komplett wegzubügeln

- jede Woche einen Text für meinen Blog zu verfassen

- endlich meinen Roman fertigzuschreiben (aber der 1. Satz steht, und der ist bekanntlich der schwierigste)


Für das neue Jahr wünsche ich mir Verschiebungen von nicht gelungen zu manchmal gelungen.In jeder Frauenzeitschrift steht, dass man sich nicht zu viel vornehmen soll. Sonst ist man am Ende wieder enttäuscht und rennt mit seinem Ja, muss ... T-Shirt durch die Gegend.

Wie viel besser wäre ein T-Shirt, auf dem Gut! steht.

Für mich. Und auch für Gisela.
:-)                             





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