21. April 2017

Systemausfall

Gestern.

Frau Meyer hetzt in der Mittagspause mit der U-Bahn ins Stadtzentrum.
Wobei hetzen gar nicht geht, weil die U-Bahn nicht kommt. Es gibt einen düsseldorfweiten Systemausfall der elektronischen Anzeigen an den Gleisen und den Bahnen und sonst läuft auch nichts so richtig.

Am Gleis stehen viele Menschen, die wie ich auf das Eintreffen eines Zuges in die Innenstadt warten, es werden immer mehr. Ich schreibe eine Whatsapp an den Liebsten. Meine Kopfschmerzen vom Morgen sind immer noch nicht weg. Und als wäre das noch nicht genug, geht eine Frau in meiner Nähe recht hektisch auf und ab. So nah und so hektisch, dass ich aufschauen muss.

Das Alter der Frau ist schlecht einzuschätzen. Der Gelbstich ihrer miniplierten Haare und der dunkle Schatten eines Damenbartes verraten die unechte Blondine. Das Gesicht ziemlich faltig, hellblauer Lidschatten, silberne Brille. Der Körper ziemlich schlank, dabei ein recht beachtlicher Bauch. Bei einer jüngeren Dame hätte ich auf den fünften Schwangerschaftsmonat getippt. Die Kleidung ist sehr 80er. Knallblaue Pumps, eine verwaschene helle Jeans mit hoher Taille, darunter ein blauer sehr enger Body (für die Herren: eine Art Turnanzug mit Druckknöpfen im Schritt). Insgesamt eine auffällige Erscheinung. Deshalb verweilt mein Blick vielleicht ein paar Sekunden länger, als dass man von einem Streifen meines Blickes reden könnte.
Die Frau mit der filzigen Dauerwelle (ich will nicht mehr sofort bewerten, sondern wahrnehmen, aber bei dieser Trulla geht das nun wirklich nicht) geht weiter auf und ab und während ich mich wieder dem Liebsten per Whatsapp zuwende, bleibt sie auf meiner Höhe stehen und zischt:

"When I call the CIA, they will immediately come and kill you. They will kill you, I swear." 

Ich stutze und bin der Meinung, dass diese 'Agentin' doch unmöglich mich meinen kann, wo ich immer so nett zu allen bin, dass mir mein Ex-Freund schon vor 20 Jahren mit der Äußerung "Du bist die uneheliche Tochter von Mutter Teresa und Adolph Kolping" mein Gutmenschentum bescheinigte. Dennoch gucke ich mir die Frau noch einmal genauer an, überlege, ob ich nicht was Lustiges antworten soll ("I will call the fashion police and they will put you immediately into jail!"), doch das wäre nicht nett und fällt mir auch erst später ein, nämlich jetzt, wo ich diesen Text schreibe. Die Blonde geht - langsamer nun - rechts ab. Ich blicke auf die Bahnanzeige. Da steht aber nichts. Systemausfall.

Die Frau mit der verwaschenen Jeans dreht sich um und schlendert in meine Richtung. Ich fühle mich unwohl. Auf dem Bahnsteig wird es voller. Vielleicht ist der 5.-Monat-Bauch aus Dynamit. In der heutigen Zeit des Terrors, der Messerstecher und Äxteschwinger fällt es mir schwer, sorglos pfeifend irgendwo herumstehen. Außer vielleicht im heimischen Wohnzimmer.

Nun bleibt die dauergewellte Agentin vor mir stehen, ich schaue angestrengt auf meine Schuhe, ein Blick in ihre Augen könnte sie provozieren. Im Tempo von Schwarzeneggers "Hasta la vista, baby!" sagt sie

"Thank you, CIA!" 

Just in diesem Moment fährt die U-Bahn ein. Thank you, Rheinbahn!
Jetzt hetze ich, und zwar in einen anderen Wagen als die unheimliche Frau, die offenbar auch an einem Systemausfall leidet.

Ich habe sie trotzdem ausführlich beschrieben (siehe oben).

Man weiß ja nie.








13. April 2017

Literaturcamp Bonn 2017 - My very first barcamp


„Mein Name ist …“

„Literatur interessiert mich, weil …“

„Ich lese gerade …“

„Mich beschäftigt gerade …“
 

Diese Sätze sind unser Leitfaden für die Vorstellungsrunde.

Kurz und knackig soll sie sein, denn es nehmen 120 Menschen am Literaturcamp Bonn 2017 teil. Autorinnen/Autoren, Journalistinnen/Journalisten, BloggerInnen, ÜbersetzerInnen, KommunikationstrainerInnen, VerlagsmitarbeiterInnen, BuchhändelerInnen, eine bunt gemischte Meute Schreibender, Lesender und Schaffender, die neugierig auf die Erfahrungen und die Ideen der anderen ist.

Hashtag nicht vergessen!

Überall, wo sozialmedial über das Literaturcamp berichtet wird, ist #LitcampBN17 das Erkennungsmerkmal, auch für Nichtteilnehmer des Barcamps.

Barcamp, was ist das?

Als mich Kommunikationstrainerin und Moderatorin Ute Lange im Februar bei unserem Netzwerktreffen mit Bloggerinnen-Lesung fragte, ob ich Lust hätte, an einem Barcamp teilzunehmen, stellte ich - wieder einmal – fest, dass das Leben da draußen an mir vorbeigeht.

Es gab drei Möglichkeiten, auf Utes Einladung zu reagieren:

1.Wissend gucken, Kopf hin- und herwiegen und „Muss mal meine Termine checken“ murmeln.


2.Mit glänzenden Augen aufgeregt nicken und „Barcamp, klasse! Lerne ich da auch, wie man einen ordentlichen White Russian mixt?“ ausrufen.

3.Ehrlich bleiben und fragen: „Barcamp? Was ist ein Barcamp?“

Ehrlich währt am längsten. Ich entschied mich für 3 und wurde freundlich aufgeklärt, dass es sich bei einem Barcamp um eine Un-Konferenz handelt, bei der die Teilnehmer die Themen für die Sessions/Workshops selber vorschlagen und entwickeln, in diesem Fall Themen rund um das Thema Literatur / Literaturbetrieb. Das klang gut für mich, befand ich mich doch in einer Blockade, nein, in einer Blogkade. Es ging nicht so richtig voran in letzter Zeit. Also machte ich mich auf den Weg von Düsseldorf nach Bonn, wo ich in der Volkshochschule auf kaffeetassentragende, aufgeregt plappernde Barcamper traf, darunter auch - zu meiner Freude - zwei, drei bekannte Gesichter.


Early morning doping am Bahnhof Düsseldorf

Zurück zu den Leitfragen und zur Vorstellungsrunde im Großen Saal der VHS Bonn.

Das Mikrofon ging von Teilnehmer zu Teilnehmer.

Je mehr Menschen sich mittels Leitfragen vorstellten, desto mehr überdachte ich meine eigenen Antworten, die ich auf meinem Namensschild notiert hatte. Ich war recht beeindruckt von dem, was meine neue Camp-Familie so von sich gab (Wiedergabe ohne Garantie, aus dem Gedächtnis protokolliert):

„Mein Name ist XY, in Twitter bekannt unter …, mein Autorenname ist …“

„Literatur interessiert mich, weil ich lesen und schreiben kann/ich mir eine Leben ohne nicht vorstellen kann/sie brauche, wie die Luft zum Atmen.“

„Ich lese gerade Spieltrieb von Juli Zeh/Atemschaukel von Herta Müller/Salt Water von Shreyas Rajagopal/(denken Sie sich hier Buchtitel osteuropäisch klingender Autoren, die ich gerade nicht parat habe).“

„Mich beschäftigt gerade das Literaturcamp Bonn/mein dritter Fantasy-Romans/die Fertigstelltung meines zweiten Krimis/die Übersetzung des Romans … aus dem Hebräischen ins Deutsche.“

Wow. Ich rutschte auf meinem Stuhl ein wenig tiefer. War ich hier richtig? Literaturcamp. Was hatte ich denn gedacht?

Vor allem die Ergänzung zu „Ich lese gerade…“ musste ich gaaanz schnell ändern. Als ein junger Mann zwei Reihen hinter mir erzählte, dass er gerade Ulysses im Original und parallel noch irgendetwas Anderes liest, nahm mein Hirn Fahrt auf. Und als ich schwitzend überlegte, ob ich einfach Krieg und Frieden in den Raum werfen sollte oder lieber Seethalers Der Trafikant, drückte mir die Dame neben mir das Mikro in die Hand. Ich stand auf und hörte mich Folgendes sagen:

„Mein Name ist Britta Meyer. Literatur interessiert mich, weil es mich fasziniert, was Worte auszulösen vermögen. Ich lese gerade… (komm, sach ehrlich, Frau Meyer) Risiko Bauchfett von Dr. Nicole Schaenzler (ein paar lachen, immerhin) und mich beschäftigt gerade Twitter, weil ohne geht´s ja wohl nicht mehr.“

Ich bin beeindruckt, welche Ideen einige Camp-Teilnehmer für die Sessions (Diskussionsrunden) haben und habe direkt wieder ein Problem: Ich kann mich nicht entscheiden und hebe bei fast jedem Vorschlag die Hand, um mein Interesse zu bekunden, lege mich dann schließlich auf Komplexitätsreduktion / Zeitmanagement von Edda Klepp, Netzwerken im Literaturbetrieb von Jasmin „Zippi“ Zipperling, Kreatives Schreiben von Beate Fuhrmann und Bloggen für Autoren, ebenfalls durchgeführt von Edda Klepp.

Den ganzen wertvollen Input, den ich durch die Sessions und die Gespräche mit den anderen Campteilnehmern erhalten habe, wiederzugeben, würde ehrlich den Rahmen sprengen. Meine wichtigsten Erkenntnisse sind folgende:

Aufgaben beenden (Multitasking führt dazu, mich zu verzetteln).
 

Auf meinem Blog Persönlichkeit zeigen, die Regeln auf meinem Blog bestimme ich. Danke, Edda!

Twitter nicht unbedingt als Selfmarketing-Tool sehen, sondern zum Netzwerken nutzen.

In Social Media nicht nur quengeln und verurteilen, sondern loben und Positives hervorheben. Federwelt lesen, bei Autorenwelt anmelden.
Danke, Zippi!

Ruhig schreiben um des Schreibens willen, mit der Hand schreiben, da viel bessere Verknüpfung mit dem Hirn. Wenn mir nichts einfällt, Kringel malen, um die Hand in Bewegung zu halten.
Danke, Beate!

Neues wagen, neugierig bleiben, weitere Barcamps zwecks Austausch besuchen. Barcamps machen einen auf keinen Fall dümmer, sie inspirieren und motivieren. Danke, Ute!

Und: Ehrlich bleiben, Frau Meyer.
Risiko Bauchfett ist Literatur.
Sachliteratur.

:-)

8. März 2017

So. Jetzt aber.

Frohes neues Jahr

Ja, so mancher von Ihnen wird einen Blick auf den Kalender werfen, den Kopf schütteln und denken, dass das der Frau Meyer aber früh einfällt mit den guten Wünschen zum neuen Jahr. Was so neu nicht mehr ist. Es ist zwei Monate, eine Woche und einen Tag alt. Dennoch ist es mir ein Anliegen, Ihnen allen ein frohes neues Jahr zu wünschen. Und Gesundheit, die vor allem.

Wie so oft bin ich spät dran.

Ich habe es noch nicht einmal geschafft, das volle Glas, in dem ich im letzten Jahr Zettel sammelte, auf denen ich besonders schöne Momente notiert hatte, zu leeren und Platz für neue schöne Momente zu machen. Neben traurigen Ereignissen, die Teile meiner Familie und die Familie einer lieben Kollegin erschütterten (Krebs ist ein heimtückisches Arschloch. Punkt.), gibt es immer wieder Augenblicke der Freude. Und auch hier macht Kleinvieh manchmal Mist. 


Ein besonders gelungener Abend mit Freunden.
Ein Spaziergang in der Sonne.
Eine lustige Email deines Bruders.
Ein Lied, das du schon ewig nicht mehr gehört hast und das dich direkt in eine Zeitmaschine setzt und ins Jahr 1987 bringt.
Eine Diskussion über Dinos mit einem Fünfjährigen.
Eine Whatsapp von einer Freundin, für die sich ein lang gehegter Wunsch erfüllt.
Eishockey mit Martina (auch wenn wir gegen die Haie verloren haben)

Dies alles sind nur ein paar Beispiele für Dinge, die auf einen Zettel und ins Glas mit den schönen Momenten gehören. 

Und Jürgen Marcus mag ein wenig übertreiben, wenn er singt, dass eine neue Liebe wie ein neues Leben ist (nanananananaaa). Sie tut auf jeden Fall verdammt gut. (Karl aus Füssen, wenn du diesen Blogpost liest: Frau Meyer ist vom Markt und wird dich auch im nächsten Sommer nicht auf deiner Alm besuchen).  

Manche Dinge ändern sich, manche nicht

Auch in 2017 sitzen Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln am liebsten am Gang, gern und besonders während der Rush Hour. "Wie, ich soll meinen Rucksack/Einkaufstüte/Laptop vom Nachbarsitz nehmen, damit Mitreisende Platz nehmen können?" *augenrollundschnauf*

Alle paar Monate begegnet mir in der U79 dieser Wichtigtuer. In 2017 hatte ich wieder das Vergnügen, dem 1,63 m-Mann im Anzug, dessen fast kahlrasierter Schädel ein wuchtiges Headset schmückt, in der Bahn zu treffen. Er bellt Drohungen in seinen Kopfhörer. 

"Wenn man mir da nicht entgegenkommt, kündige ich den Vertrag." 
"Noch so eine Aktion und die werden mich mal richtig kennenlernen."
"So geht das nicht, Herr XY, sooo nicht

Ich vermute, am anderen Ende der Leitung ist gar keiner. Der Mann, der während seiner Ansagen den Blick umherschweifen lässt und schaut, dass ihm auch ja alle zuhören, ist als Kind nicht gestillt worden oder kriegt dauernd einen vom Chef drüber. Er braucht Aufmerksamkeit.  

Ohne Weiteres könnte er als Trumps Bodyguard oder eiskalter Bond-Gegenspieler durchgehen (dass er Sport macht, sieht man), zöge er nicht einen Trolley mit fettem KMPG-Aufkleber hinter sich her. Für die nächste Begegnung mit dem KMPG-Männeken habe ich ein launiges Lied auf mein Smartphone downgeloaded, das ich laut neben ihm abspielen werde. Hoffe, er versteht die Messag

Glücklicherweise gäbe es im aktuellen Jahr schon einige mit schönen Ereignissen zu beschriftende Zettel (muss nur das Glas leeren, siehe oben). Einen besonders großen würde ich dem Blog-Marathon anlässlich eines Neujahrstreffens des Netzwerks stilsicher (das ab sofort Kreativ am Fluss heißt) am 10. Februar in Karlottas Café in Bad Honnef widmen. Mann, war das toll! Eine wunderschöne Location, vier sehr unterschiedliche Bloggerinnen, ein interessiertes und begeisterungsfähiges Publikum, alles organisiert und initiiert von Ursula Kollritsch und unterstützt von Netzwerkgründerin Stephanie Jana. Autorinnenherz, was willste mehr? 

Foto: Ursula Kollritsch www.sommer-frisch.de

Foto: Simone Blaschke www.blaschke-pr.de

      Karin Wilhelm, Michèle Lichte, Britta Meyer, Sabine Anne          Lück                                          Foto: Simone Blaschke


Entsprechend positiv fiel der Artikel des Bonner Generalanzeiger aus. 

Ich habe wieder gemerkt, wie wichtig der Austausch, neudeutsch Networking, ist. Das "Wie machst du das?", "Was ist dir wichtig?", "Wie kriegste das hin?" statt im stillen Kämmerlein vor sich hinzupuzzeln (und ich habe ja leider nicht viel gepuzzelt in den letzten Monaten, für diese 'Blogkade' gibt es diverse Gründe). Meine Begeisterung nach unserer Lesung hat mich veranlasst, mich zwecks weiterem Networking zum Literaturcamp NRW in Bonn am 08. April anzumelden. Das gibt wieder einen Zettel für das Schöne Momente - Glas, da bin ich sicher!

Das Jahr ist noch (ziemlich) jung, die Vorsätze überschaubar:


Regelmäßiger schreiben und wahnsinnige Autorenkarriere ankurbeln
Netzwerken mit anderen Bloggern und Autoren
Mehr Bewegung (der Rücken, die Schulter!)
Horizont erweitern  
Lachen
Mutig sein 

Und die Blogs meiner Kolleginnen verfolgen:

kwerdenkerin  (Karin Wilhelm)

Lichte Momente  (Michèle Lichte)

Tage im Garten  (Sabine Anne Lück)


Bis bald, 


Ihre Frau Meyer

28. Januar 2017

Von Payback-Punkten und Passwörtern

Die Welt wird immer bekloppter.
Um das zu begreifen, muss man keine Nachrichten schauen und über das große Ganze sinnieren, da guckt man einfach mal in seinen eigenen persönlichen Alltag.
Voilà:
„Haben Sie Ihre Payback-Karte dabei?"
Ich wühle in meinem Portemonnaie und irgendwo zwischen EC- und Visa-Karte, dem Weight-Watchers-Mitgliedsausweis, der Friseur-Bonuskarte, dem Gildepass für die Düsseldorfer Programmkinos, dem Abholzettel für die Reinigung und dem Ticket für die Rheinbahn finde ich die blaue Karte, mit der ich Punkte sammeln kann und halte sie der Frau an der Kasse hin.
Ich habe 45 Minuten Mittagspause und habe mich ausgerechnet an der Kasse mit der langsamsten Kassiererin angestellt, weil ich nicht aufgebe, ihr eine Chance zu geben. Freundlich ist sie ja. Und als ich endlich am Zug bin und die Waren über den Scanner gezogen werden, fragt mich die Kassiererin: „Möchten Sie Ihre Payback-Punkte direkt  einlösen?"
„Ach nö", sage ich. "Ich sammle lieber noch ein bisschen."
„Wenn Sie die Payback-Punkte heute einlösen, erhalten Sie Samstag zwischen 10:00 und 10:35 Uhr fünf Prozent Rabatt auf unser Weihnachtsgebäck mit Haltbarkeitsdatum bis Ende des Jahres."
Legen Sie mich nicht auf diese Aussage fest, jedenfalls sagt sie etwas ähnlich Kompliziertes, während ich meine Waren einpacke, damit das hier mal voran geht. Die Suche nach der Payback-Karte hat mich wertvolle fünf Minuten gekostet, die Schlange hinter mir ist not amused.
„Nein, danke schön."
„Aber wenn Sie einen Großeinkauf für Weihnachten machen, das lohnt sich doch!"
Herrje. Kein Wunder, dass das so lange dauert, wenn ich mittags einkaufe, nun müssen die Frauen und Männer an der Kasse einem mitten im Zahlvorgang noch irgendwelche Deals unterjubeln und fragen, ob man Punkte sammelt für die WMF-Kochtöpfe. Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, welche Vorteile diese Aktionen haben. Und Lust sowieso nicht.

Ich will bei McPaper
an der Kasse auch keinen Glitzerstift oder No-Name-Klebestifte oder Klebebänder, die zwar preiswerter sind als die Markenprodukte, mich aber später zu Hause in den Wahnsinn treiben, weil sie nicht ordentlich kleben. Ich will das alles nicht. Weil es mich und meine Mitmenschen Zeit und somit Nerven kostet. Immerhin bekomme ich auch hier ein höfliches „Nein, danke" hin. Darauf bin ich ein bisschen stolz.
Nach der Mittagspause geht es weiter mit dem Wahnsinn.
Die PCs arbeiten sehr langsam oder gar nicht. Leider kommt es so oft vor, dass die Kunden dies mit „Ach, schon wieder?" oder „Liegt das an mir, jedes Mal, wenn ich bei Ihnen bin, haben Sie technische Probleme?" kommentieren. Server runter- und hochfahren ist in Fleisch und Blut übergegangen wie Atmen. Der Zugang zum Server geht nur mit einem persönlichen Passwort, das wir aus Sicherheitsgründen sehr häufig ändern müssen.
Das mit den Passwörtern ist schwierig.
Es begann mit Lieblingsreisezielen, stimmungserhellenden Nomen wie Sonnenschein, Urlaub, Strand oder eigenen Spitznamen oder denen des Partners.
Das reichte aber nicht aus, um sicher zu sein.
Bitte nutzen Sie eine Buchstaben-Zahlen-Kombi mit mindestens 8 Zeichen, mindestens einem Großbuchstaben und einem Sonderzeichen.
Also benutzen wir den Vornamen der Mutter, plus der Schuhgröße des Bruders, plus einem Fragezeichen.
Oder den Ort in der Bretagne, der uns im Sommer so gut gefallen hat, plus dem Alter des ältesten Kindes der Kollegin, plus einem Ausrufezeichen.
Oder den Namen des Ortes, in dem man aufgewachsen ist, plus das Todesjahr von Steve McQueen, plus Dollarzeichen.
Oder das Kennzeichen des Wagens, den man von 1991 bis 1994 gefahren hat, plus die letzten sechs Stellen der Sozialversicherungsnummer.
Je abstruser, desto sicherer, desto besser.
Nun ist das Ende der Kreativitätsfahnenstange allmählich erreicht. Denn:
Bitte nutzen Sie keines der letzten 10 genutzten Passwörter. Geben Sie das Passwort erneut ein.

Es gibt Tage, da komme ich vor lauter Haareraufen nicht zum Tippen.
Wir brauchen Passwörter für den Server, das Midoffice-System, in dem wir die Vorgänge verwalten, und eines für die Zeiterfassung. Mal abgesehen von Passwörtern für das Extranet und das Bestellwesen.
Ohne den Zugang zum Server läuft gar nichts, logisch.
Fluchen, jammern, mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte hauen, bringt nichts, wie wir nach mehreren Selbstversuchen feststellen konnten.
Manchmal hat man den Server hochfahren können, kommt aber nicht ins Verwaltungssystem, hat dann keinen Zugriff auf die Kundendaten.
 
Die Kollegin, deren PC reibungslos läuft, wird gleichermaßen gehasst und bewundert. Gern wird mal ein „also, meiner läuft" in die Runde geflötet und ein „schön für dich" zurückgeknurrt.
Eigentlich haben wir Kolleginnen uns aber sehr lieb.

Deshalb helfen wir uns, wenn gar nichts mehr geht.
Neulich sagt Kollegin 1 zu Kollegin 2: „Ich komme hier nicht weiter. Kannst du mir mal dein Passwort sagen?"
Kollegin 2, die gerade eine Kundin bedient, wird ein bisschen rot und windet sich.
„Bitte, ich kann sonst nicht weiterarbeiten, du kannst dir doch sofort ein neues holen!"
(Passwörter an die Kollegin weitergeben ist bei Todesstrafe verboten: der Datenschutz!)
„Das geht jetzt nicht", zischt Kollegin 2 durch die geschlossenen Zähne Kollegin 1 zu.
„Ich komme beim HelpDesk nicht durch, nun hilf du mir doch bitte."
Kollegin 2 schreibt etwas auf einen Notizzettel und reicht ihn der verzweifelten Kollegin 1. Kollegin 1 grinst und zeigt mir den Zettel.
Darauf steht: AmArsch3!
Kein Sonnenschein15?, kein Hasimaus75%.
AmArsch3!
Ein rüder Ton hat Einzug in unsere Passwörterwelt gehalten.
Mich wundert das nicht.
In AmArsch3! steckt der ganze Frust der Userin. Die Systeme laufen nicht und dann sollst du dir dauernd leicht zu merkende, aber trotzdem unverwechselbare Log-ins ausdenken.
 
Als die Kundin das Büro verlässt, sagt Kollegin 2: „Ich konnte dir doch nicht das Passwort zurufen!" Kollegin 3 sagt: „Meines kann ich dir auch nicht laut sagen."
Kollegin 2 ändert ihr Passwort sofort.
Ich möchte nicht wissen, wie das neue heißt. Darf ich auch gar nicht.
Aber feststellen, dass die Welt immer bekloppter wird, das darf ich.

11. Dezember 2016

Toiletten-Jesus

Sonntagnachmittag auf dem Weihnachtsmarkt einer westdeutschen Großstadt.

Frau Meyer ist mit ihrer Freundin Frau Hanselmann mit dem Zug angereist, wohl wissend, dass es hier keine freien Parkplätze in der Nähe des bunten Treibens geben wird.

Der Regional-Express spuckt die Weihnachtsmarktbesucher aus, die direkt weiter ins Zentrum und zu den Buden ziehen. Es sind die üblichen Düfte, die einem eben nur zu dieser Jahreszeit in dieser Mischung in deutschen Städten in die Nase steigen. Anisbonbons, gebrannte Mandeln, Bratwürste, Glühwein. Wir bummeln in gemütlichem Tempo, schauen hier und da und gucken, was wir unbedingt kaufen müssen.

Wir fragen uns, wer unbedingt dieses Mitbringsel für seine Begleitung oder seine(n) Liebe(n) zuhause kauft?


Gibt es irgend jemanden, dem diese drüschen Lebkuchenherzen mit dem bröseligen Zuckerguss schmecken und würde sich überhaupt jemand über den Kosenamen Sexmaschine freuen? Dies stelle ich gern meinen Leserinnen und Lesern zur Diskussion. :-)

Es wird dunkel. Die Lichterdeko an den Geschäften, den Marktständen und den Bäumen funkeln bunt, besonders schön leuchtet das Herz auf dem Riesenrad. Ich liebe Kitsch!


Hunger. Nachdem wir mehrere Imbisse im Vorbeigehen inspiziert haben, entscheiden wir uns für eine Bratwurst. Die ist wirklich lecker gewürzt. Jetzt etwas trinken. Frau Hanselmann nimmt eine Cola, weil sie gleich noch fahren muss. Ich entscheide mich für weißen Glühwein. Und noch einen. Dass später unsere Gesichtsfarbe ins Grünliche changiert, hat kein bisschen mit der Qualität von Speisen und Getränken zu tun.


Nach ein paar Stunden auf dem Weihnachtsmarkt sind wir satt und zufrieden und mit ein paar Geschenken für uns selbst eingedeckt. Ab nach Hause!

Unser Zug fährt gleich. Den Zustand der meisten Nah- verkehrszugtoiletten im Hinterkopf, steuern wir vorsichtshalber das Bezahlklo im Hauptbahnhof an. Frauen gehen gern vorsichtshalber aufs Klo. Aber das wissen Sie sicher. Sie sind sogar bereit für ein halbwegs reinliches Umfeld den Wahnsinnspreis von einem Euro zu bezahlen. Man bekommt ja einen Gutschein in Höhe von fünfzig Cent zurück, den man in einigen Geschäften am Bahnhof ab einem Mindestverzehr von zwei Euro fünfzig einlösen. Mit diesen Gutscheinen kann ich mittlerweile meinen Flur tapezieren.

Wir gehen also hinunter zum Bezahlklo, da sehen wir schon die Schlange. Interessanterweise auch vor dem Herren-WC, das übrigens nur fünfzig Cent Eintritt kostet. Vielleicht lag es am günstigeren Preis, dass eine Frau dort ein Ticket gelöst hat. Versehentlich. Ihre Freundinnen stehen auf der Frauenseite und diskutieren. Die Frau, die sich vertan hat, muss mal, will und kann aber nicht bei den Männern. Die Herren, die hinter ihr eine mit Schlange mit gefüllter Blase bilden, werden unruhig. Der Mann direkt hinter ihr verlagert sein Gewicht von einem Bein auf das andere und zurück. Die Begleiterinnen warten vor dem Damen-WC, da geht es also auch nicht weiter. Eine hat eine Idee und spricht den unruhigen Mann an, der anfängt zu moppern. Ob es denn nicht mal endlich voran gehe. 

"Geben Sie meiner Freundin doch die fünfzig Cent und gehen Sie dann durch."
Dem Mann ist das Blut aus dem Hirn irgendwo anders hin gerutscht. Er kapiert nur Bahnhof.
"Na klar. Sie schmeißen das Geld in den falschen Automaten und ich soll Ihnen das wiedergeben."
"Ja", sagt die Falschbezahlerin, "aber Sie müssten doch sowieso zahlen."
"Ja", rufe ich, weil ich mich gern einmische, vor allem dann, wenn sich dadurch auch meine Situation verbessert, "Sie müssten die fünfzig Cent doch eh zahlen."
Auch die Freundinnen reden mit glühweingetränkten Stimmen auf den Mann ein. 

Es erscheint die Klofrau, die eigentlich ein Mann von wohl südosteuropäischer oder arabischer Herkunft ist und fragt, was denn hier los sei. Ziemlich laut fragt er das. Inzwischen entsteht ein kleiner Tumult auf der Herrenseite des Bezahlklos. Der Mann, dem sein eigener Urin inzwischen in den Augen steht, rückt erst die fünfzig Cent raus, nachdem ihm seine Geschlechtsgenossen aus der Schlange versichert haben, dass er hier nicht gnadenlos über den Tisch gezogen wird.
Es geht vorwärts.

Der Klowart lässt einen für mich fast schon als historisch zu bewertenden Satz los:
"Ihr Frauen seid alle Bestien!" 
Jetzt wird die Damenschlange unruhig.
"Wie bitte?"
"Was haben Sie da gesagt?"
Und ich so: "Das ist ja wohl ein Scherz. Die, die gemeckert haben, waren die Herren hier nebenan. Und der eine hat nicht kapiert, dass er auch zahlen muss. Ach so, wieso zahlen die Männer eigentlich nur fünfzig Cent?" (Habe keine Zeit für diese Diskussion, der Zug fährt gleich und ich verlagere inzwischen auch mein Gewicht von einem Bein auf das andere)
"Ihr Frauen seid wirklich alle Bestien! Das hat meine Mama mir schon gesagt, als ich noch ein kleiner Junge war. Dass ihr Frauen alle Bestien seid!"
Der Klomann rennt auf und ab, als müsste er selbst mal dringend. Dabei steht er auf der Innenseite.

Nun würde ich die Mutti vom Klomann gern zur Rede stellen, ihr sagen, dass sie keinen wirklich glücklichen Beitrag zum Miteinander von Mann und Frau und auch zum Miteinander von Deutschen und Einwanderern geleistet hat. Leider ist sie gerade nicht hier, sondern macht wahrscheinlich etwas Sinnvolles. Putzen, kochen oder ihrem Mann die Füße. 

Endlich geht es voran. Frau Hanselmann und ich dürfen durch die Schranke zu den WCs gehen. Als wir den Toilettenwart passieren, ruft er: "Ich bin der Toiletten-Jesus. Ich bin hier der Toiletten-Jesus." Ob es sich um eine plötzliche Erleuchtung oder eine Machtdemonstration des Herrn im weißen Kittel handelt, vermag ich nicht zu sagen.

Ich bin, was selten vorkommt, sprachlos, verspüre jedoch, während ich die Klobrille mit diesem Desinfektionszeug abwiener, einen als Lachkrampf einzuordnendes Beben in der Zwerchfellgegend. 

Vielleicht ist in den Reinigungsmitteln doch irgend etwas drin und auf den Flaschen steht ein mit einem Totenkopf gekennzeichneter Hinweis:

"Das Einatmen der Dämpfe, die dieser Flüssigkeit entsteigen, führt unweigerlich zu Größenwahn."

Auf der Rückfahrt bin ich höchst zufrieden mit dem Weihnachtsmarkt-Erlebnis. Die Frau Hanselmann auch. Düfte, Lichter, Bratwurst, Glühwein, selbstgekaufte Gewürze. Und ein durchgeknallter Jesus auf dem Bezahlklo.

Es ist immer gut, wenn etwas Unerwartetes passiert.

Worüber sollte ich sonst schreiben?

:-)