25. Mai 2016

Kindergarten


Morgens gehe ich auf dem Weg zur U-Bahn an einer Kirche und dem dazugehörigen Kindergarten vorbei. Die Väter und Mütter bringen ihre Kinder zu Fuß, manchmal mit dem Rad und meistens mit dem Auto. Da fällt mir ein, das rothaarige Rasseweib mit den Reitstiefeln und dem SUV habe ich lange nicht gesehen, vielleicht ist sie umgezogen, vielleicht ist das Kind in der Schule. Diese Dame war immer spät dran und schob keuchend ihren Nachwuchs durch das Eisentor. Andere Eltern beruhigen ihre Sprösslinge, die die Beine der Erwachsenen umklammern und laut und lauter weinen, so als wäre die Kindertagesstätte der Vorhof zur Hölle.

Was den unterschiedlichen Enthusiasmus der Kleinen angeht, hat sich seit meiner Kindergartenzeit offenbar nicht viel geändert. Nur dass die Mütter in meinem Hochsauerländischen Heimatort keinen SUV fuhren, sondern einen praktischen Kombi, und, statt eines oliv-beigen Landlust-Abonnementinnen-Outfits der Großstädterinnen, einen Kittel trugen. Die meisten Mütter waren Hausfrauen und der Kittel sagte aus, dass man eigentlich gar keine Zeit hatte, das Kind abzuliefern, da gab es zuhause noch sooo viel zu tun. Meine Mutter lieferte mich ebenfalls im Kittel ab, denn sie arbeitete im Hotelbetrieb als Bedienung, Küchenhilfe, Sekretärin und Transferservice in einem.

Ich liebte den Kindergarten, öffnete voller Vorfreude das in den Jägerzaun integrierte Türchen und rannte los, denn es erwartete mich aus meiner Sicht das echte Paradies. Die Bauecke, die Rutsche, die Schaukel, die Verkleidungskiste, Malstifte ohne Ende, Spielkameraden, Tante Anni und Tante Gisela, die aufgrund einer Lautschwäche von vielen Disela gerufen wurde. Ich rannte eigentlich immer rein in den Kindergarten und drehte mich nicht um. Da musste also gar nicht gewunken werden, weder beidarmig noch sonstwie. 
Meine Mutter wusste, dass ich im modernen evangelischen Kindergarten gut aufgehoben war. Dieser wurde von der alleinerziehenden Frau K. geleitet, die später, so meine ich mich zu erinnern, Vorsitzende der Grünen wurde und sich stark machte für die Installation einer Frauengruppe (jeder Punkt für sich stellte im Sauerl damals ein Skandälchen dar). Vermutlich war meine Mama froh, dass sie wieder schnell zurück in unsere Hotel-Pension zur Arbeit kam, während andere Mütter die Fingerchen ihrer Kinder einzeln vom Jägerzauntürchen lösen mussten, so wenig gelüstete es ihnen nach einem Vormittag in der Erziehungsstätte.

Dennoch denke ich im Nachhinein, ich hätte mich ruhig einmal kurz umdrehen und meiner Mutter winken können. Ich hätte mir nie verziehen, wenn ihr auf dem Weg nach Hause etwas zugestoßen wäre, ohne dass ich mich ordentlich verabschiedet hatte. 

Heute Morgen blieb mein Blick an einem Mann, einem jungen Vater, haften, der sich rückwärts gehend vom Kindergartengebäude St. Adolfus entfernte. Dabei winkte er wild, fast dramatisch, mit beiden Armen von rechts nach links, von rechts nach links. Dieses Winken war meiner Ansicht nach ein wenig übertrieben, ich kannte es bisher nur aus Schwarz-Weiß-Dokumentationen aus dem Jahre 1912. Damals legte die Titanic in Southampton Richtung New York ab. Die Menschen winkten so, als ginge es um Leben und Tod, und das ging es ja auch, nur wusste es da noch keiner. Eine ähnliche Wink-Dramaturgie legte also der Vater hin.
Ich schüttelte innerlich den Kopf. Welches Szenario würde er seinem Nachwuchs bieten, wenn das Kind nach einem Highschool-Jahr in den USA wieder zurückkehrt? Einen Flieger, der über dem Rhein Loopings dreht und mit rotem Rauch Willkommen zurück, Torben-Hendrik in die Luft malt? Das war doch nicht normal, dieses Winken, dieses Überbehüten. Bekloppt war das...
...dachte ich, bis der Vater aus dem Sichtfeld des Kindes geriet. Dann drehte er sich wieder in Laufrichtung, also in meine, und zündete sich sogleich eine Zigarette an. Inhalierte tief und blies den Rauch wieder in die Luft. Weißen Rauch, der folgende Worte bildete: ENDLICH RUHE

Zumindest schien es mir so.


15. Mai 2016

Leichtes Gepäck

Eines Tages fällt dir auf,
dass du 99 Prozent nicht brauchst.
Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg,
Denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck.*


Die Tüte war weg.

Ich wunderte mich, dass ich beide Hände frei hatte, um meine schwere Reisetasche in die überhitzte U-Bahn zu wuchten. Mit einer Hand hätte ich eigentlich mein zweites Gepäckstück, eine Plastiktüte, tragen müssen. Eigentlich.

Die Erkenntnis in der U79 brachte mich fast zum Heulen (später zuhause heulte ich auch, aber nur ein bisschen). Ich hatte die Tüte im Zug vergessen. Wenn ich genauer nachdachte, wahrscheinlich schon in der ersten Bahn, aus der ich in Schwerte ausgestiegen war. In der zweiten Bahn hatte ich nur meinen Reisekoffer zwischen zwei Sitzreihen geschoben und da war die Tüte schon...ja, wo war sie denn? Entweder auf dem Gleis im Bahnhof Brilon-Wald (übrigens ein durchaus geeigneter  Drehort für Filme, die in der Nachkriegszeit spielen), weil ich per Smartphone versucht hatte herauszufinden, auf welchem der unkrautbewachsenen Bahnsteige mein Zug abfahren sollte. Da hatte ich die Tüte abgestellt. Oder vielleicht bei Kamps im Bahnhof Schwerte, wo ich mir einen Cappuccino holte, um ein bisschen wach zu werden. Man lässt bei solch einer Gelegenheit gern mal eine Tasche stehen, während man den Kaffee zahlt. Wenn man Frau Meyer heißt. 
 
Ich googelte Kamps Filiale Schwerte Bahnhof und telefonierte sogleich mit einem netten Fräulein, das mir sagte, dass keine Tüte gefunden worden sei. Dann heulte ich ein bisschen. Mehr aus Wut über mich selbst. Es war meine ureigene Dämlichkeit, die mich die Tüte hatte vergessen lassen. Und die Tüte brauchte ich nur, weil ich wieder viel zu viele Klamotten in meine Reisetasche gepackt hatte.
 
Geplant waren nur zwei Nächte in meinem Hochsauerländischen Heimatort.
Die Kleidung hätte für sieben Nächte ausgereicht, dabei fanden dort keine Filmfestspiele statt, sondern ein wunderbares Treffen mit meinen Freundinnen Inga, Marijke und Nicole, die ich zum Teil viele Jahre nicht gesehen hatte. Ein Spaziergang, intensive Gespräche über damals und heute, Lustiges und Trauriges, abends Essen bei Enzo, der die Wiedersehensfreude mit Zitronensorbet krönte.

Heimat, ja doch, irgendwie schon

Obwohl ich oft auf Reisen bin, habe ich bisher keine sinnvolle Kofferpacktechnik entwickelt, denn ich will doch für alle Fälle (starker Sonnenschein, Sturm, Regen, plötzlicher Schneeeinfall oder Spontan-Date mit Bradley Cooper) gewappnet sein. Ebenso gern hätte ich den Wunsch, vor bösen Überraschungen sicher zu sein, auch auf mein Leben übertragen. Als Jugendliche dachte ich ja, das Schlimmste, was mir zustoßen konnte, wäre, dass ich in denselben jungen Herrn wie meine Freundin verliebt war. Ha. Wie gut, dass ich damals nicht wusste, welche Widrigkeiten sich mir im Lauf der Jahre noch in den Weg stellen sollten.

Also, viel zu viele Klamotten im Koffer, dann noch verqualmte Sachen (das Nichtraucherschutzgesetz wurde 2010 in Hessen aufgelockert), die ich nicht zu den frischen, komplett ungetragenen Kleidungsstücken legen wollte. Ich fluchte beim Versuch, den Reißverschluss der Reisetasche zu schließen und packte noch ein komplett ungetragenes Paar Schuhe aus und in die Plastiktüte einer Willinger Boutique mit der Aufschrift CRUSE.
 
Diese Tüte war weg und mit ihr

Ein Paar Stiefeletten, grau-braun metallic
Ein schwarzbuntes T-Shirt
Ein hellgrauer Sommer-Poncho
Mein LieblingsBH (rosé-schwarz aus der 50 Shades of Grey-Ecke bei Hunkemöller)
Ein Schmuckkästchen mit Modeschmuck, an dem trotzdem mein Herz hängt

sowie

eine Tortenform, die sich seit 1998 im Haushalt der Familie meiner Freundin Inga befand, weil ich in selbiger zum 10jährigen Abi-Treffen einen Gemüsekuchen gebacken hatte

und darüber hinaus

eine Flasche Büffelgraswodka von Grasovka, die Inga mir extra aus einem gut sortierten Supermarkt besorgt hatte, nachdem sie durch meinen Blog-Text Büffelgraswodka auf den Verlust dieses Mitbringsels aus Polen aufmerksam wurde.

Alles weg.

Das mit dem Wodka tat mir besonders leid, ich hatte mich über alle Maßen über das gut durchdachte Geschenk gefreut (ich hab´s dir noch gar nicht erzählt, Inga, jetzt weißt du´s).

Selbstverständlich rief ich sofort bei der Fundstelle der deutschen Bahn an und betonte den Verlust des Wodkas mit viel Nachdruck, bis ich bemerkte, wie stutzig die Dame am anderen Ende der Leitung wurde. Ich hatte aber keine Lust, ihr mein Wodka-Dilemma zu erklären. "Den Wodka konnte bestimmt jemand gut gebrauchen", jammerte ich in Erinnerung an die anheimelnde Atmosphäre am Bahnhof Schwerte.

Ich mit Koffer, ohne Tüte

"Bleiben Sie bitte ganz ruhig", versuchte die Mitarbeiterin der Deutschen Bahn mich mit ihrer Therapeutenstimme zu beruhigen. "Tatsächlich tauchen in sechzig bis siebzig Prozent der Fälle verlorengegangene Gepäckstücke wieder auf." Ich versprach, mich in Geduld zu üben.

Zwei Tage später rief ich wieder an, hatte dieselbe Mitarbeiterin am Telefon und nannte meine Auftragsnummer.

"Sie müssen sich bitte gedulden, Frau Meyer. Wenn im Zug oder am Bahnhof Taschen gefunden werden, werden die ja nicht sofort zur Sammelstelle gebracht." Ach so.

Ich harre also der Dinge und wische Visionen von Jugendlichen, die meinen Wodka saufen, meinen LieblingsBH reihum tragen und Fotos davon machen, beiseite. Vielleicht hat sich irgendeine Mama über meinen Sommerponcho zum Muttertag gefreut.

Allerdings ist nun genau eine Woche rum, da könnte ich vielleicht doch nochmal beim Fundservice der DB anrufen

Geduld war noch nie meine Stärke.
Mich beim Kofferpacken auf das Wesentliche zu beschränken, auch nicht..

Und zum Thema Wodka sag ich gar nichts mehr.



* Textauszug aus Leichtes Gepäck von Silbermond

26. April 2016

Büffelgraswodka

"Da, da ist ein Supermarkt. Können wir nicht kurz anhalten, damit wir uns Kuhbonbons kaufen können?"

"Und Büffelgraswodka!"

Darko, der Leiter unserer Gruppe während einer fünftägigen Reise von Danzig über Masuren in den Biatowieska-Urwald an der weißrussische Grenze und weiter nach Warschau, vertröstete uns wieder einmal. "Wir werden noch an vielen Supermärkten vorbeikommen."

Wir wollten aber nicht vorbei, wir wollten rein in den Supermarkt.

Mein Mitreisender Michael wollte seinen Lieben Kuhbonbons mitbringen, die süßen leckeren Dinger aus Weichkaramell, die unser Polyglott-Reiseführer als Souvenir empfahl. Eine weitere Empfehlung war: Büffelgraswodka.

Sie können das nicht wissen, aber meine Freunde und ich machen im Mai oder Juni ein traditionelles Spargelessen mit begleitetem Weißwein (was sonst?) und danach Wodka (aaaah!). Für mich war der Erwerb des Original Büffelgraswodka also sehr wichtig.

Wir schaukelten bis an die fünf Stunden über Landstraßen mit Feldwegcharakter und guckten ins Grün. Felder, Wiesen, Birkenwälder mit Buschwindröschenteppich. Und immer, wenn die Zivilisation in Form einer kleinen Ortschaft auftauchte, rief Michael: "Ein Supermarkt. Können wir nicht aussteigen und eben kurz Kuhbonbons kaufen?" Und ich rief: "Und Büffelgraswodka!" Darko, ansonsten ein wunderbarer Reiseführer, ignorierte weiter diese Bitte. Mit Geschichte und Natur kannte er sich bestens aus, leider verstand er nicht die Dringlichkeit unserer Kaufwünsche.

Die höfliche Bitte, doch einmal anzuhalten, verkümmerte zu einem pubertären Quengeln:

"Kuhbonbons!"
"Büffelgraswodka. Menno!"

Ich vermute, dass die Reisegruppe inzwischen von meiner Forderung ein wenig genervt war. War mir egal, ich dachte an das Spargelessen.

Da wir zwei Nächte in Hotels an pittoresken Plätzen mitten im Fastnichts unsere Häupter niederlegten und/oder einen straffen Zeitplan hatten, ergab sich die Shoppinggelegenheit erst am letzten Tag in Warschau. Immerhin. Wir hatten eine Stunde Zeit, uns im "Arcadia" auszutoben, und meine Füße trugen mich geradewegs ins Carrefour. Ich wunderte mich, dass es neben ALDI, LIDL, Deichmann, Rossmann, Obi, Praktiker, Media Markt und SATURN auch französische Supermarktketten wie Intermarché, Leclerc und eben Carrefour gab. Darko erzählte, dass nach der Wende 1989 die Franzosen die ersten waren, die ihre Geschäfte in Polen eröffneten.

Zurück in die Spirituosenabteilung. Wodka links, Wodka rechts. Viel Wodka.
Da, da stand er: Mein Büffelgraswodka! Nicht der empfohlene von Grasowa, aber der von Zubrowka. Ich war nach tagelanger Quengelei genügsam geworden und kaufte die teurere Variante von Zubrowka sowie einen wilden Bonbon-Mix, natürlich auch Kuhbonbons.
Yeah, ich hatte meine Mitbringsel für die Lieben daheim. Beide packte ich eine Tüte, die ich fest verknotete und in meinem Koffer verstaute, da Flüssigkeiten über 100 ml nicht ins Handgepäck dürfen. Diese Regelung dient der Terrorabwehr.

Mit dem Verstauen gab ich mir besondere Mühe, mein flüssiges Mitbringsel sollte nicht kaputt gehen. Obwohl Wodka keine Rotweinflecken machen konnte, wäre ich untröstlich gewesen.

Zuhause in Düsseldorf stieg ich aus dem Flughafenbus und hatte sofort schlechte Laune.

1. Es regnete.
2. Es war saukalt.
3. Ich musste den megaschweren Koffer hinter mir herziehen.
4. Ich musste den megaschweren Koffer in den 3. Stock (Altbau, also gefühlt 4. Stock)   schleppen.

Ich räumte die Schmutzwäsche und den Beutel mit den Schuhen bereits unten im Flur aus. Vorsichtshalber wollte ich die Carrefour-Tüte ebenfalls aus dem Koffer holen.

Die Tüte war gerissen, an der Seite befand sich ein großes Loch.
Die Bonbontüten waren darin.
Die Flasche mit dem Zubrowka-Büffelgraswodka war weg.

Auch wenn mir klar war, dass jemand diese Flasche gestohlen haben musste, durchwühlte ich wild meinen Koffer und warf alle Kleidungsstücke in den Hausflur. Es blieb dabei: Die Flasche war weg.

Wo ist mein Wodka?
Ich fluchte.
Diese blöde Antiterror-Regelung. Hätte ich den Wodka im Rucksack gehabt, wäre das nicht passiert. Ich erinnerte mich, dass ich vor der Abreise überlegt hatte, das Schloss für den Koffer zu benutzen. Und mich blöd fand, weil ich mir bisher nie Gedanken darüber gemacht hatte, dass jemand etwas aus meinem Koffer klaut. Kaum gestohlen, schon in Polen. Haha, nee, kein Schloss. Ich wusste ehrlich gesagt auch nicht mehr, wie es funktioniert und stellte mir vor, wie ich vor Ort nicht in der Lage sein würde, es zu öffnen und als Folge dessen fünf Tage in derselben Unterhose herumlaufen müsste.

Ich war politisch korrekt und bekam nun einen Tritt in den Hintern für meine Gutgläubigkeit. Dziekuje bardzo! Danke sehr!

Nun weiß ich nicht, ob sich ein polnischer oder deutscher Gepäckkontrolleur über meinen Büffelgraswodka gefreut hat. Bei Ankunft auf dem Gepäckband in Düsseldorf war mein Koffer nass und die meiner Mitreisenden nicht. Es ist durchaus möglich, dass ich mich über einen Jens statt über einen Stanislaw aufregen sollte.

Ich war so sauer, dass ich drei Kuhbonbons essen musste.
Alle auf einmal.
Beruhigungsmittel

Und den Wodka, den bestelle ich mir jetzt online.
Auch wenn das ganz und gar nicht dasselbe ist.









 




10. April 2016

Ich kann diese Tasche nicht ernst nehmen

Ich bin angenehm überrascht. 

Am Samstagmorgen um 08:21 Uhr gibt es noch einige freie Plätze im NRW-Express nach Paderborn. Eine Vierersitzkombination steht ganz für mich allein zur Verfügung. Hurra, ich setze mich ans Fenster und freue mich auf eine ruhige Fahrt.

Ein naiver Trugschluss. Ich hätte es besser wissen müssen, denn natürlich steigen schon am Flughafen Düsseldorf jede Menge Leute ein. Und in Duisburg erst. 
Da ist es vorbei mit der morgendlichen Idylle, der Großraumwagen füllt sich. Ein besonders kleiner Inder setzt sich neben mich an den Gang. Dann folgen zwei junge, für einen Samstagmorgen sehr aufwendig gestylte Damen mit sehr viel Gepäck. Da es kaum Stauraum gibt und in das Fach über unseren Sitzen nur Jacken und winzige Einkaufstüten passen, verteilen sie ihre Reisetaschen unter ihrem Sitz und zwischen ihren Beinen. Auch eine Frau, deren Beinlänge nicht der von Ex-Topmodel Nadja Auermann gleichkommt, gerät unwillkürlich in eine ungewohnte Sitzhaltung, die der eines Affen auf einem Schleifstein entspricht. Sogar der ca. 1,52 m kleine Mann rechts neben mir muss eine neue Position einnehmen. Weil seine Füßchen auf dem Boden keinen Platz mehr finden (da steht ein Karton mit der Aufschrift ESPRIT), setzt er sich schräg, Beinchen in den Gang, Popöchen auf meinen Sitz, also mehr so auf meinem Schoß.

Habe ich Ihnen schon erzählt, dass ich mit zunehmendem Alter verstärkt unter Klaustrophobie leide? Leider gibt es gerade keine Ausweichmöglichkeit, der ganze Wagen ist voll.

Ich versuche, den Frauen Anfang zwanzig einen strengen Blick zuzuwerfen, denn ich mache immer mehr Zugeständnisse, was die Bequemlichkeit angeht, dabei bin ich die größte (und vermutlich auch schwerste) Person in dieser Viererkonstellation. Und überhaupt: Ich saß ZUERST hier!

Innerlich grummele ich über den zunehmenden Egoismus in unserer Gesellschaft. Nimmt denn niemand mehr Rücksicht auf den anderen? Die Pumps der Frau gegenüber machen es sich auf meinen Boots bequem. Die stark geschminkte und mit dem Glätteisen bearbeitete Dame interessiert sich nicht für mich und mein Wohlbefinden, sie hat mit ihrer Freundin etwas Wichtiges zu bereden.

"Deine Nägel sehen total schön aus!" ruft sie begeistert. Meine Neugier zwingt mich kurz herüberzuschielen, und ich schaue auf künstliche Fingernägel, die mit unterschiedlichen Mustern und Farben bepinselt sind. "Nee, ich bin total nicht zufrieden. Ich habe der gesagt, dass ich mehr gold drauf haben will." Ich blicke kurz auf meine Nägel, die normalerweise hübsch aussehen und in natürlichen Rosétönen lackiert sind. Gestern habe ich aber mit Scheuermittel und ohne Handschuhe das Bad geputzt. Naja.

Ich versuche mich, auf den Inhalt des von mir sehr geschätzten Bahnmagazins mobil zu konzentrieren, was mir erstens nicht gelingt, weil ich vom Titel mit Florian David Fitz davon abgehalten werde, die Zeitschrift überhaupt erst zu öffnen. 
 
Was genau ist hier mit "alles" gemeint?





Zweitens muss ich mir die Mädchen, die mir gegenüber sitzen, genauer begucken. Sie tragen ihr Haar perfekt frisiert, beide ein professionelles Make Up, sehr enge und kurze Röcke und figurbetonende Blusen. Die aus meiner Sicht attraktivere von beiden hat kilometerlange Wimpern, die sogar echt sind oder aus Nerz, ein bildhübsches Gesicht und sehr stramme Oberschenkel, das kennt man ja. Fast bin ich geneigt, meiner Kommentiersucht zu frönen und etwas wie "Holla, Sie trauen sich was!" von mir zu geben. Stattdessen schaue ich auf meine Oberschenkel, die ebenfalls stramm in einer uralten Jeans stecken, und lausche einem Dialog aufstrebender Karrierefrauen, denen ihre Optik nicht einerlei ist.

"Wenn ich gewusst hätte, dass ich dieses Kleid anziehe, hätte ich meine schönen Ohrringe getragen." Zwischendurch reden sie türkisch. Leider. Wenn sich die beiden schon so breit machen und den Inder zwingen, sich quasi auf meinen Schoß zu setzen, dann darf ich wohl erwarten, dass ihr Dialog in meiner Muttersprache geführt wird. Oder meinetwegen ganz auf türkisch. Dann würde ich mein Bahnmagazin lesen, den Florian David vollsabbern und fertig.

Die jungen Frauen reden über ihre jeweilige Arbeit. Ich höre Storemanager und KPMG, es wird über Jahresgehälter direkt nach dem Studium diskutiert (Bachelor 32.000 Euro, Master 42.000 Euro) und wie lächerlich wenig das ist. Eine Kollegin ist doof, eine Chefin lässt einen jedes Wochenende arbeiten, dann wird wieder türkisch gequasselt. Das Mädchen, das die schönen Ohrringe getragen hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie dieses Kleid anzieht, tuscht sich die Wimpern, wobei sie ihr Iphone als Spiegel nutzt, und zieht sich den Lippenstift nach. "Zeig mal, ist der von Mac?" Es geht immer noch um den Lippenstift, liebe Herren, nicht um das Notebook von Apple. "Der ist toll! Komm, wir machen Selfies." Beide machen Knutschmünder und knipsen sich.

"Mädels, Duckfaces sind out!" hätte ich nun gern eingeworfen. Das habe ich neulich in irgendeiner Zeitschrift beim Friseur gelesen. Der neue Trend heißt Faux-Surprised, wobei die sich selbst fotografierende Person den Mund freudig-überrascht öffnet, als hätte sie gerade erfahren, dass sie für den OSCAR nominiert ist. Ich sage das natürlich nicht. Ich bringe mir nämlich gerade selber bei, mich nicht überall einzumischen und nicht alles zu kommentieren. 
Auch beim nächsten Thema halte ich mich zurück. Nachdem einige Selfies als nicht versandtauglich beurteilt wurden ("iihh, guck mal, wie ich hier gucke, du siehst gut aus, aber ich, voll bescheuert"), wird nun über eine weitere Freundin geredet. Halb auf türkisch, halb auf deutsch. Ich verstehe nur Louis Vuitton.

Freundin 1 regt sich auf. "Wie kann die sich nur diese Tasche kaufen? Ich kann diese Tasche nicht ernst nehmen!"

Manchmal glaube ich, ich bin ein Mann.
Ich kann Hysterien um Handtaschen nicht verstehen. 
Die muss gut aussehen und strapazierfähig sein. So. 
Würde ich gern sagen, mach ich aber nicht.

Der kleine Inder steigt in Dortmund aus und Freundin 2 setzt sich neben mich, springt aber für weitere Selfie-Versuche immer wieder rüber. Das Gewicht von Freundin 1 ruht nun ganz auf meinen Füßen. Ich schnaufe ein wenig und ziehe meine Füße unter ihren weg. Dass Freundin 2 neben mir sitzt, ist doof, weil ich nun nicht mehr auf der Rückseite der mobil Gesprächsnotizen machen kann, die ich für einen Blogtext verwenden will. Eventuell liest der Feind mit.




Beim nächsten Thema kann ich aber nun wirklich nicht weghören. 
Es geht um Reisen über Weihnachten. Auf jeden Fall in die Sonne, auf jeden Fall in die Ferne. 
Thailand, oh ja Thailand. 
Oder Mauritius, da war der XY.
Sehr gern auch Vietnam oder besser noch Bali.

Ich kneife sehr fest die Lippen zusammen. Ich sag nicht, dass unser Winter nicht die beste Reisezeit für Bali ist und dass man auf Mauritius einen wunderbaren Monsun erleben kann. Dann merken die Frauen gleich, dass ich sie belauscht habe. Und obwohl ihnen das vermutlich total egal ist, mir wäre es peinlich.

Erleichtert bemerke ich, dass eine Zweierreihe gegenüber frei wird.

"Entschuldigung, ich sehe gerade, dass da drüben ein Platz frei geworden ist", erkläre ich den Mädchen, "ich muss nur kurz an meine Tasche und meine Jacke und gehe dann rüber."
"Haben wir Sie genervt?" fragt das Mädchen mit den strammen Schenkeln.
"Aber wie!" sage ich. 

Also ich sage das wieder nur in meinem Kopf. Tatsächlich erkläre ich:
"Nein, aber dann haben Sie mehr Platz und ich auch. Da hätten wir alle was davon."

Ganz toll, Frau Meyer, immer schön in die Defensive. 

Auf dem Zweiersitz strecke ich erst einmal meine Beine aus.
Und dann sind wir schon in Soest.
Und dann muss ich superdringend aufs Klo.
Packe alle meine Sachen zusammen und suche das nächste WC auf. 
Es ist geschlossen wegen eines Defektes.
Ich gehe in den nächsten Wagon und dort Richtung WC.
Es ist geschlossen wegen eines Defektes.
Im nächsten Wagen auch.
Im übernächsten frage ich einen Zugbegleiter, ob alle WCs defekt seien.
"Nein, eines funktioniert noch, Das ganz vorn hinter der Lok."
Er zeigt in die Richtung, aus der ich gerade komme.

Ich eile durch alle Wagons und erreiche die einzige Zugtoilette, an der kein gelber Zettel mit "Defekt" klebt. Sie ist besetzt. 
Durch die Tür höre ich mir wohlvertraute Stimmen.
"Probier den mal."
"Coole Farbe. Ist der auch von Mac?"



2. März 2016

Vorsätze, rückblickend



„Hallihallo."
„Hallo. Frohes neues."
„Wünsch ich dir auch, Gisela. Wie isset denn?"
„Ja, muss." (Gisela seufzt und geht ab.)

 Diesen Dialog zweier Damen im letzten Lebensdrittel erfasste ich gerade im Vorübergehen vor einem REWE-Markt. Und ich dachte Ja, muss ... das könnte ich mir auf ein T-Shirt drucken lassen, damit ich es nicht jedes Mal vor mich hinbrummeln muss, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht. Mein Leben war mehr so Ja, muss ... in den letzten Wochen.Gestern am Neujahrstag, dem The day after, spazierte ich mit etwas Kreislauf und Kopfschmerzen, ansonsten aber allein die Rheinuferpromenade entlang, schaute auf den Fluss und die Skyline hinter der Rheinkniebrücke und verliebte mich wieder mal in meine Stadt.Neben der Treppe vor dem Schlossturm spielte ein älterer osteuropäischer Mann im Schneidersitz auf seinem Akkordeon. Erst einen Strauss-Walzer, Frühlingsstimmen, danach We are the world von Michael Jackson und im Anschluss La Paloma, das mir zusammen mit der üblichen Neujahrssentimentalität, endgültig die Tränen in die Augen trieb. Vielleicht lag das aber auch am beißenden Uringeruch aus dem Toilettenhäuschen.

Softeis. Auf ein Softeis mit einem knackigen Schokoladenüberzug, das früher als "Eisneger" vor Woolworth verkauft wurde, überkam mich - der aufsteigenden Säure in meiner Speiseröhre zum Trotz - eine unstillbare Lust. Ich hätte mir bei McDonalds einen Mc Sundae mit Schokosauce kaufen können. Aber das war einfach nicht dasselbe.

Und während ich mit einem Gefühlskater weiterschlenderte, sinnierte ich über meine Vorsätze für das neue Jahr. Halt. Bevor ich versuchen würde, mit meinen Vorhaben dem noch jungfräulichen 2016 ein wenig mehr Glanz zu verleihen, musste ich 2015 bilanzieren. Was war mir im letzten Jahr gelungen und was nicht?Hier das Ergebnis nach einem vier-Kilometer-Spaziergang:
   
ES IST MIR GELUNGEN

- mich an Kleinigkeiten zu erfreuen, wie zum Beispiel an der sanft nach Zitrusfrüchten riechenden Hotelseife aus Portugal. Hab mich direkt mit mehreren eingedeckt. Im Gegensatz zu, aus Reiseländern mitgebrachten, Alkoholika ist die Wirkung der Seife auch zu Hause noch dieselbe

- über mich und meine Ungeschicke zu lachen (Humor ist, wenn man trotzdem ...)

- alle Weihnachtsgeschenke bis zum 20.12. zu besorgen

- den Keller von Profis entrümpeln zu lassen

- mir Stempel für mein Bonusheftchen zu holen und es an meine Krankenkasse zu schicken


      ES IST MIR MANCHMAL GELUNGEN

- denen, die mir wichtig sind, zu sagen, dass ich sie lieb habe

- mich mit meinem Vater zu "unterhalten" (manche würden es beten nennen)

- meiner Mutter zu sagen, wie stolz ich auf sie bin, wie sie ihr Leben hinbekommt (und seit neuestem die Sache mit den E-Mails)

- mich gesund zu ernähren

- Sport zu treiben (na ja "Sport", schwimmen und walken halt)

- mich, statt im Internet herumzusurfen, auf richtig gute Bücher zu konzentrieren.

- mich mit einigen Freunden zu treffen

- bei "Frauentausch" sofort wegzuschalten

- bei "Vermisst" nicht zu weinen, wenn der US-Amerikaner, der seine Tochter dreißig Jahre nicht gesehen, aber jeden Tag (!) an sie gedacht hat, diese in Bad Kreuznach in die Arme schließt

- Katzenvideos auf Facebook lustig zu finden


       
ES IST MIR NICHT GELUNGEN

- die eine Wohnzimmerwand hellgrau mit einem Hauch von blau oder petrol oder flieder zu streichen

- die eine Wohnzimmerwand streichen zu lassen

- meine Spülmaschine wirklich effizient einzuräumen

- alle Freunde zu treffen

- auf Facebook-Entzug zu gehen

- Gespräche in Bus und Bahnen zu verfolgen und nicht durchzudrehen

- Nachrichten zu gucken und zu denken: "Was geht mich das an?"


- den Turm aus Wäsche (aka Burj al Khalifa von Pempelfort) komplett wegzubügeln

- jede Woche einen Text für meinen Blog zu verfassen

- endlich meinen Roman fertigzuschreiben (aber der 1. Satz steht, und der ist bekanntlich der schwierigste)


Für das neue Jahr wünsche ich mir Verschiebungen von nicht gelungen zu manchmal gelungen.In jeder Frauenzeitschrift steht, dass man sich nicht zu viel vornehmen soll. Sonst ist man am Ende wieder enttäuscht und rennt mit seinem Ja, muss ... T-Shirt durch die Gegend.

Wie viel besser wäre ein T-Shirt, auf dem Gut! steht.
Für mich. Und auch für Gisela.
:-)