22. August 2016

Allein (fast allein) vom Kloster in die Weinstube

Der Innenhof des Klosters St. Mang leert sich.
Das Konzert ist vorbei.

Andreas Kümmert hat Rocket Man als Zugabe nach einem grandiosen neunzigminütigen Auftritt mit seiner Band gespielt, den Song, mit dem er bei The Voice die Jury beeindruckt hat. Ich bin mit mir sehr zufrieden, weil ich an meinem ersten Urlaubstag trotz Müdigkeit den Weg ins abendlich verträumte Füssen eingeschlagen habe. Menschen auf den Straßen, in den Cafés, offene Weinhandlungen, Stimmen, Musik. Jazzfestival, welch glückliche Fügung.


Die Musik ist verklungen. Freundeskreise, angetrunkene Jugendliche, händchenhaltende Pärchen machen sich auf den Nachhauseweg und ich stehe allein in einer der Gassen, die mir noch nicht vertraut sind. Ich bin ja heute erst angereist und tue mir gerade ein bisschen leid. Wenn ich nicht allein und wenn ich mit Freunden oder einem Mann unterwegs wäre, dann würde ich mich noch in eine der wenigen geöffneten Kneipen setzen und die laue Allgäuer Sommernachtsluft genießen. Aber so...mache ich mich auf dem Weg Richtung Taxistand am Bahnhof.

"Entschuldigung, wie spät ischt es?" Ein großer kräftiger Mann steht vor mir. Um einiges jünger als ich. Tapsig.  "Mitternacht", sage ich und versuche, mich zu verdrücken wie Aschenputtel, das dringend noch die Kutsche kriegen muss. Einen Prinzen habe ich beim Konzert im Innenhof des Klosters nicht kennengelernt. Ab und zu lächelte mal einer (mit Prinzessin im Arm) rüber. Ich hatte mich dann auf die Bühne und die wunderbare Musik konzentriert und jetzt brauchte ich ein Taxi.

Der junge Mann, der keine Uhr hat, geht neben mir und erkundigt sich nach einer Kneipe, die ich nicht kenne. "Ich bin neu hier, ich suche ein Taxi zum Hotel."
Fünf Minuten später stehen wir vor einer Weinstube. Der junge Mann hat mich gefragt, ob er mich auf ein Glas Wein einladen darf. "Ja, okay", höre ich mich sagen. Weil der Abend und die beleuchtete Stadt so schön sind.

Da ich keine Bedienung ausmachen kann, frage ich die Gesellschaft, die an den Tischen in der Gasse sitzt, ob es noch etwas zu trinken gibt. Drinnen ist es nämlich ziemlich dunkel. Der Wirt sitzt ebenfalls draußen. Es ist kompliziert mit ihm. Er war heute Abend offenbar selbst sein bester Gast und will die Getränke nicht so recht rausrücken. "Um diese Zeit bedient man sich selbst", sagt ein Herr, der wohl ein Stammgast ist. Ich mag nicht einfach hinter die Theke gehen, das gehört sich doch nicht. Der Stammgast nimmt mich an die Hand und zieht mich hinter sich her ins Innere. Der junge Mann, der mich einladen will, kommt direkt hinterher.

Wir bekommen ein Glas Grauburgunder (hurra) und ein Bier, nehmen an einem Tisch auf der Terrasse Platz und stoßen an.
"I bin der Karl."
"Britta."
"Proscht."
"Danke für den Wein."

Der Junge freut sich und gibt gleich ein bisschen Gas.
"Bischt du allein hier?"
"Ja."
"Lass uns morgen in die Therme in Schwangau gehen."
"Moooment. Wir kennen uns erst fünfzehn Minuten."
"Na und? Es ischt schön do."
"Nein. Ich mache allein Urlaub und will mich erholen und nur machen, was ich will."

Karl scheint ein wenig enttäuscht, er wirkt wie ein schmollendes Riesenbaby. Jetzt hat er in einen Wein investiert und die Eingeladene stellt sich stur. Wir unterhalten uns, ich erzähle ihm, dass ich hier Urlaub mache und aus Düsseldorf komme. Das findet er super, Düsseldorf findet er ganz toll, er war schon mal da.

Am Nachbartisch sitzen drei ältere Herren,  Sie stammen aus der Schweiz, Sie hören Düsseldorf und einer singt "Ach, wärst du doch in Düsseldorf geblieben."

Ich fühle mich gerade ganz wohl in der Füssener Sommernacht.

Wir reden über Zürich und Düsseldorf und der eine sagt:
"Du siehst aus wie die..also, wie die...ja, wie heißt die denn noch mal? Wie die..."
Naaaaaa?
"Jetzt hab ich´s. Du siehst aus wie die Hannelore Kraft."
Ich nehme einen ordentlichen Hub aus meinem Weinglas.

Die Ähnlichkeit mit der von mir durchaus geschätzten NRW-Ministerpräsidentin hat mir eine Bekannte schon einmal bescheinigt. 

Irgendwann hat mir ein Mann gesagt, dass ich aussähe wie Kim Basinger. Irgendwann vor dreißig Jahren.
Da war ich jung, trug gern einen Trenchcoat (mit normaler Kleidung darunter) und mochte meinen Wackelpudding ohne verbundene Augen. Der Mann damals war zugegebenermaßen ein bisschen angedüdelt und wurde später mein Freund.

Was ist zwischen Kim Basinger und Hannelore Kraft passiert? Ach ja, das Altwerden. 

Karl möchte noch einmal darauf hinweisen, wie erholsam ein Besuch der Schwangauer Kristall-Therme ist. 
"Seid ihr zusammen?" fragt der Nachbartisch.
"NEIN!!! Wir kennen uns erst dreißig Minuten!!!" Das sage ich sehr nachdrücklich und laut. Als ich in Karls Gesicht sehe, tut er mir ein bisschen leid. Sooo viele Frauen hat er noch nicht kennengelernt, vermute ich.
"Jetzt hör mal, ich bin zur Zeit einfach platt, ich finde es total nett, dass du mich auf einen Wein eingeladen hast, aber mehr läuft da nicht. Im übrigen könnte ich vom Alter her fast deine Mutter sein."
"I bin sechsendreißick!" 
Hatte ihn auf achtundzwanzig geschätzt.
"Und du bischt doch högschtens fuffzick."
Möööööp. Therme ist jetzt endgültig gestrichen.
"Nicht ganz."
"Neunenvierzick." 
"Nein."
"Achtenvierzick."
Clever, der Karl. Er zählt einfach runter.
"Siebenundvierzig", seufze ich.

Er probiert es weiter.

"Du könntescht mich morgen auf meiner Alm besuchen."
"Karl..."
"Warum denn nicht?"
So langsam kommt mir der Verdacht, ich werde heimlich gefilmt.
Bauer sucht Frau meets Versteckte Kamera.

 "Ich glaube, ich fahre nehme jetzt am besten ins Hotel. Ich bin heute morgen um halb fünf aufgestanden."
"Okay, ich fahre dich."
"Nein."
"Warum denn nicht, du könntest dir das Taxigeld sparen."
"Ich kenne dich überhaupt nicht. Vielleicht wurdest du schon bei Aktenzeichen XY zur Fahndung ausgerufen."
"Bestimmt nicht."
"Das würde ein echter Straftäter auch nicht zugeben." 
Herrje, was rede ich hier eigentlich?

Wir verlassen die Weinstube und verabschieden uns freundlich von den netten Gästen.
Gehen wortlos durch das fast ausgestorbene nächtliche Füssen. Kein Taxi in Sicht, ich rufe mir eines. Vom Karl kriege ich zum Abschied einen schüchternen Handkuss. Kurze Zeit später fährt er mit seinem Auto an mir vorbei und hupt zweimal freundlich.

"Wann bist du eigentlich so eine garstige Zicke geworden, Frau Meyer? (Wenn ich einen distanzierten Blick auf mich brauche, sage ich wie ein Kind zu seiner Grundschullehrerin Frau Meyer und du) Vielleicht wollte der Junge wirklich nur mit dir schwimmen gehen? Der kann doch auch nichts dafür, dass er nicht Viggo Mortensen oder Charly Hübner ist. Frau Meyer, demnächst bist du aber freundlicher zu deinen männlichen Mitmenschen."

Das Taxi kommt und bringt mich zum Hotel am See.
Hotelzimmer aufschließen, Zähneputzen, Bett.
Es ist zwanzig nach eins.
Hannelore Kraft muss jetzt schlafen.

Und ab morgen, ab morgen wird sich richtig erholt.


P.S. Karl heißt natürlich nicht Karl. Er hat einen Apostelnamen, wie es sich für einen ordentlichen bayerischen Mann gehört. :-)





Fotos ©  Britta Meyer




 
 




17. August 2016

Allein ins Allgäu


"Are you going to the castle?"

Zwei Amerikanerinnen um die dreißig, mit Shorts bekleidet und großen Rucksäcken auf den Rücken, erkennen am Bahnhof Lengenwang die Touristin in mir. Ich selber schleppe zwei Rucksäcke, den großen Koffer habe ich zum Glück in die Obhut der Firma Hermes gegeben.

Die beiden Damen sehen mich erwartungsvoll an. Sie sind die nicht die einzigen die zum castle, also dem Schloss aller Schlösser, nach Neuschwanstein fahren möchten. Der Bus, der von Lengenwang nach Füssen fahren wird,  ist zu achtzig Prozent mit Asiaten gefüllt. Die Frage nach dem richtigen Verkehrsmittel zum castle erübrigt sich eigentlich. 
Normalerweise fährt von Augsburg nach Füssen ein durchgehender Zug. Heute nicht. Heute müssen alle Allgäu- und Schloss-Fans in Lengenwang aus- und in den Schienenersatzverkehr einsteigen.

Ich will nicht reden, ich will in die Wiesen, auf die Kühe und die Berge gucken, stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren und wähle auf dem IPod, den mir meine Freundin für meinen Urlaub geliehen hat, ein Musikstück aus der abenteuerlichen Playlist aus.


Frida Gold - Verständlich sein.
"Ich hätt gern Sex zu dritt, das weißt du", singt Alina Süggeler
Der Bus fährt gerade an einer besonders grünen Wiese vorbei und ich denke, dass Sex zu zweit auch schon mal gar nicht so schlecht wäre. Es eilt aber nicht,  noch bin ich recht optimistisch, dass da irgendwann irgendwer kommt. Nicht nur für untenrum.  :-)

Gesehen bei VINTAGE, Nordstr. Düsseldorf

Die geneigte Leserschaft wird aktuell nur keine Geschichten mehr von mir geschrieben bekommen, in denen ich mich über einen unfähigen Fotografen an meiner Seite beschwere oder romantische Mettwurst verschenke.
Aus DMDMAHL, dem Mann, der mir am Herzen liegt, ist ein ZBEF, ziemlich bester Ex-Freund, geworden.

Ich war in den vergangenen Jahren einige Male allein auf Reisen, aber eben nicht als Single. Und dass ich genauso gut in einen Club mit hoher Kopulations- wahrscheinlichkeit hätte reisen können, anstatt in ein Wellnesshotel in Füssen, weiß ich auch. Mir war durchaus bewusst, dass es in den Sommerferien nicht allzu viele Alleinreisende in ein solches Hotel verschlägt.

Ich hatte Recht. Ich bin die einzige.
Was meiner Urlaubsfreude keinen Abbruch tut. Ich kann mich nämlich voll und ganz auf meine Bedürfnisse konzentrieren und machen was ich will. Wandern, radeln, schwimmen, im Ruheraum des wunderbaren Saunabereichs in Zeitschriften blättern.  All das.
Nur beim Abendessen, dem hervorragenden Menü, kann ich nicht viel mehr tun, außer eben essen und ein wenig auf dem Smartphone rumtippen und über lustige Whatsapps  schmunzeln (was meine Miturlauber hoffentlich als Freude über Liebesnachrichten meines nicht existierenden Lebensgefährten interpretieren, sie scheinen zu überlegen, was die Frau hier alleine will). Meinen Gedanken, dass es Schauspieler Viggo Mortensen, weil er die Nase voll hat vom Job, seiner Frau, seinen Kindern und den ganzen Pferden, zur Erholung ausgerechnet ins Allgäu und in mein Hotel verschlägt, verwerfe ich wieder. Er sitzt weder im Wintergarten noch auf der Außenterrasse.

Stattdessen überlege ich, in meinem Blog eine Single-Rubrik einzurichten.

Allein, allein.
Halbes Brot, geschnitten.
Singlelingeling.
Einzelzimmer, so what?

Statt eines Absackers an der Hotelbar stürze ich mich ins Füssener Nachtleben.
Es ist nämlich Jazzfestival, ausgerechnet heute, wo ich angereist bin.


Werde ich am lauen Sommerabend im Innenhof des Klosters St. Mang eine Flirtgelegenheit finden?

Fortsetzung folgt...






16. Juni 2016

Fast vergessen


Manchmal bin ich ehrlich ein bissken verpeilt.

Es gibt seit dem 15. März ein eBook von mir.
Facebook weiß es, amazon weiß es, diverse Literaturblogs wissen es.
Das Naheliegendste, nämlich in meinem Blog darüber zu schreiben, ist mir völlig durchgegangen.

Besonders nachlässig ist das, weil es sich bei dem eBook um ein Best of meiner Bloggeschichten handelt, Würde es da nicht Sinn machen, auch in meinem Blog davon zu berichten? Ich sag ja: Verpeilt.
 
Es fing damit an, dass eine Freundin, Ursula Kollritsch, die gemeinsam mit ihrer Freundin Stephanie Jana einen sehr unterhaltsamen Email-Roman geschrieben hat (Das Jahr des Rehs), ihrer Literaturagentin Gabi Strobel meine Texte ans Herz gelegt hat. Und jene Literaturagentin mich unter ihre Fittiche genommen und meine Blogtexte Marc Hiller, dem Geschäftsführer vom Verlag dp digital publishers empfohlen hat. Kommen Sie noch mit? Netzwerken ist alles.

dp digital publishers empfand die Texte als veröffentlichenswert, was mich über alle Maßen freute. Die Lektorin Daniela Höhne war extrem geduldig mit mir, meine Formatierung brachte sie, glaube ich, an den Rand des Wahnsinns, ihre Korrekturen begannen mit "Ich mag Ihre Geschichten, ehrlich, aber...".
"Ich gelobe Besserung bei meinem nächsten Buch", antwortete ich. In Hoffnung darauf, dass es ein nächstes Buch geben wird. :-)
Zwischen dp-Programmleiterin Stephanie Schönemann und mir flogen die Emails hin und her, Ideen, Änderungen, Verbesserungen, irgendwann nahm das Projekt Form an. 
Besonders spannend war für mich das Thema Covergestaltung. Vom Ergebnis bin ich begeistert. Danke, Birgit Stolze, dass Sie meine Idee Ein Sofa, auf dem Freunde Platz nehmen würden, denen ich von meinen Erlebnissen erzähle so grandios umgesetzt haben. Ich bin schon einige Male auf die hübsche Gestaltung angesprochen worden. 

Noch nicht bestellt? Dann aber los!

Mit den Rezensionen auf amazon, lovelybooks und in diversen Blogs wie Willkommen im Kremplinghaus oder Samtpfoten mit Krallen kann meine Autorenseele wunderbar leben. Ich danke allen, die sich mit meinem eBook auseinander gesetzt haben, wo doch der Alltagswahnsinn einen von so vielen Dingen abhält.

Für alle, die ihren Kindle oder Tolino noch mit unterhaltsamen Kurzgeschichten und Alltagsbeobachtungen für ihren Urlaub bestücken möchten, empfehle ich mein Buch.
Und allen, die viel in Bussen und Bahnen unterwegs sind und an Haltestellen herumhängen müssen, lege ich es ebenfalls ans Herz. Und jenen, denen beim Lesen in der Badewanne dauernd die Seiten von der Gala und Brigitte nass werden, sowieso.

Ich wünsche viel Vergnügen und freue mich über eure Kommentare und Rezensionen!







5. Juni 2016

Zugsauna (ohne Minzaufguss, aber mit Musik)

"Das Wochenende bei Mama war so schön, das leckere Essen, die Spaziergänge, die Radtour, das Schwimmen, jetzt nur noch mal eben mit dem Zug zurück nach Düsseldorf.". Wenn ich so etwas denke, dann müsste eigentlich sofort ein kleiner Gummihammer auf meinen Kopf niedersausen und eine Stimme aus dem Off verlautbaren: "Frau Meyer, du bist doch nun wirklich oft genug mit der Bahn gefahren und kannst unmöglich so naiv sein."

Die Uhr auf meinem Smartphone zeigt 15:42 an. 15:26 sollte mein ICE fahren.
ICE gönne ich mir nicht oft, nur wenn er - wie in diesem Fall - tatsächlich günstiger ist als der Regionalbummelzug. Und weil er so günstig war, der ICE, reserviere ich mir außerdem einen kostenpflichtigen Sitzplatz. Auf Gleis 1 des Bahnhofes Lippstadt erscheinen weder der Schnellzug noch der Sitzplatz. Kurz befürchte ich, dass ich vor lauter Smartphoneglotzerei den Zug verpasst habe und frage einen Mann mit Zigarette und einer Dose Bier, ob er weiß, was mit dem ICE los ist. "Der um kurz vor halb hier sein sollte?" Ich nicke. "Der fällt aus. Stand da gerade." Er zeigt auf die Anzeige. Da wird nun der Regionalexpress angeschlagen, den ich nicht nehmen wollte, weil er unkomfortabler ist und das Ticket teurer war.

Ich mag mich nicht aufregen. Mein Vorsatz für den Sommer ist ja: Nicht mehr so viel aufregen. Zen-Buddhistin werden. Alles weglächeln. Das Leben ist zu kurz und wertvoll für trübe Gedanken. Hauptsache, ich sitze im Zug Richtung Düsseldorf. Nachdem mir am Gleis die Sonne auf mein Hirn gebrutzelt hat (nee, nee, ich reg mich nicht auf darüber, wäre ja noch schöner, erst meckern, dass es dauernd regnet, und wenn die Sonne scheint rumjammern), freue ich mich über eine leichte Kühle im Großraumwagen und höre, wie ein Reisender zu einem anderen Reisenden sagt: "Schön, dass die Klimaanlage wieder funktioniert, gerade tat sie es nicht." Na, wunderbar

In Hamm steigen einige Leute zu. Es wird voll. Und warm. Die Klimaanlage hatte in Soest keine Lust mehr zu funktionieren. Die will ja auch mal Wochenende haben. Kurz vor Kamen bleibt der Zug mitten auf der Strecke stehen. Ich schaue nach rechts auf ein Feld, auf dem sich ganze Familien nach saftigen roten Erdbeeren bücken. Der Regionalexpress ruckelt ein bisschen vorwärts und bleibt wieder stehen. Hach ja, was soll es, dann lese ich eben in meinem Buch. Langsam fährt der Zug weiter. Zwei Jugendliche, ich tippe auf Nordafrikaner, lästern ein bisschen. "Die Deutsche Bahn. Wie viele Stundenkilometer fahren wir gerade, was denkst du, Alter?" "Vierzig, höchstens fünfzig. Ist das warm, ey. In Marokko kann man wenigstens die Fenster im Zug öffnen, Mann."

In Kamen steigt ein Pärchen zu. Der Mann ist ziemlich groß und setzt sich auf den Platz, der meinem gegenüber liegt. Wir wissen beide nicht, wohin mit den Beinen, würde ich regelmäßig zum Yoga gehen, könnte ich meine im Nacken verschränken. Aber so.
Meinen Platz wechseln mag ich nicht, weil ich eine 1a-Unterbringungsmöglichkeit für meine Reisetasche gefunden habe, die ich von hier aus im Auge behalten kann. Mein männliches Gegenüber und ich setzen uns schräg und stellen unsere Beine unbequem nebeneinander. Den Mann stört es offenbar nicht, er küsst mehrfach seine Frau. Bei der Hitze!

In Dortmund wird der Zug noch voller. Zwei hochgewachsene bildschöne schwarze Frauen stehen im Gang und beschweren sich in lupenreinem Ruhrpottdeutsch über die Wärme im Großraumwagen. "Meine Güte, is dat heiß und muffich hier. Dat is ja nich zum Aushalten. So viel zu Deutsche Bahn, ne? Bei uns in Afrika gibt et wenichstens Ventilatoren in den Zügen." Gerade will ich anfangen, mich für die Deutsche Bahn zu schämen, da ertönt Musik hinter mir. Eine dieser 3-Mann-Combos mit goldbezahnten fröhlichen Herren, die ein Potpourri verschiedener, für mich nicht unter einen Hut zu bringender Weisen darbieten.

Oh, when the Saints go marchin´in geht nahtlos über in den Ententanz.
Ich bekomme einen nervösen Lachkrampf, weil neulich in Polen das einheimische Unterhaltungsduo auch den Ententanz angestimmt hatte. Da braucht man Jahrzehnte, um dieses Musikstück erfolgreich zu verdrängen und dann hört man es unter verwirrenden Umständen zweimal in zwei Monaten.

Ich schnaufe. Diese Zugsauna macht mich fertig. Bin mir nicht sicher, ob die flotte Zugband uns nun alle erfrischen möchte. Sie spielt Jingle Bells. 
Jingle Bells im Juni.

Ich stehe kurz vor einem Zusammenbruch, als einer der Musiker mir einen Hut unter die Nase hält. Nein, ich gebe nichts. Mein Körper ist inzwischen von einem klebrigen Schweißfilm überzogen, das Kleingeld würde mir aus den Händen flitschen. Kurze Zeit später bewegt sich ein Mann durch den Wagon, der laut wehklagt, dass er Hilfe braucht. Er benötigt nur noch 2,20 Euro, um sich eine Fahrkarte kaufen zu können. Ich höre, wie Leute Kleingeld sammeln, davon aber wohl nicht genug, denn die 2,20 Euro-Geschichte für ein Ticket erzählt er auch im nächsten Wagen. Mir egal, mir ist es einfach nur warm, ich habe einen schrecklichen Durst und das Gefühl, in meiner Skinny Jeans eine Thrombose zu bekommen.

Könnte heulen.

Eine Stunde später als geplant steige ich am Hauptbahnhof aus der Zugsauna (ohne Minzaufguss, aber mit Musik) aus und bin fix und fertig. Ich möchte fast den Boden meiner Pempelforter U-Bahn-Station küssen, so sehr freue ich mich, endlich daheim zu sein.

Okay, die Rolltreppe funktioniert nicht.
Ich sehe, wie jemand aus dem gläsernen Fahrstuhl steigt.
Gute Idee, ich nehme den Fahrstuhl. Halte natürlich dem asiatischen Pärchen, das mit mir nach oben fahren will, die Tür auf. Wir drücken die 1. Nichts passiert. Wir drücken den Tür zu-Knopf. Nichts passiert. Wir drücken noch einmal die 1.

"It´s not working?" fragt der asiatische Mann.
"Obviously not", knurre ich.
Wir verlassen den Fahrstuhl, das Pärchen geht auf die Rolltreppe zu.
"It´s not working either", rufe ich. "It´s not working, because we are in Germany."
Die Asiaten schauen mir bestimmt sehr erstaunt hinterher, als ich wütend die Treppe mit meiner Reisetasche hochstapfe.

Das ist doch gemein vom Leben, dass es mich mit solch einer doofen Zugreise provoziert, wo ich gerade dabei bin, alles relaxter sehen zu wollen und mich nicht mehr verrückt zu machen.

Frau Meyer formerly known as Sommer-Zen-Buddhistin schließt die Wohnungstür auf und wirft ihre Reisetasche in die Ecke.

Das mit dem Ärger Weglächeln übt sie noch.

Morgen





25. Mai 2016

Kindergarten


Morgens gehe ich auf dem Weg zur U-Bahn an einer Kirche und dem dazugehörigen Kindergarten vorbei. Die Väter und Mütter bringen ihre Kinder zu Fuß, manchmal mit dem Rad und meistens mit dem Auto. Da fällt mir ein, das rothaarige Rasseweib mit den Reitstiefeln und dem SUV habe ich lange nicht gesehen, vielleicht ist sie umgezogen, vielleicht ist das Kind in der Schule. Diese Dame war immer spät dran und schob keuchend ihren Nachwuchs durch das Eisentor. Andere Eltern beruhigen ihre Sprösslinge, die die Beine der Erwachsenen umklammern und laut und lauter weinen, so als wäre die Kindertagesstätte der Vorhof zur Hölle.

Was den unterschiedlichen Enthusiasmus der Kleinen angeht, hat sich seit meiner Kindergartenzeit offenbar nicht viel geändert. Nur dass die Mütter in meinem hochsauerlän-dischen Heimatort keinen SUV fuhren und kein oliv-beiges Landlust-Abonnementinnen-Outfit trugen. Sie fuhren Kombis und trugen Kittel. Die meisten Mütter waren Hausfrauen und der Kittel sagte aus, dass man eigentlich gar keine Zeit hatte, das Kind abzuliefern, da gab es zuhause noch sooo viel zu tun. Meine Mutter lieferte mich ebenfalls im Kittel ab, denn sie arbeitete im Hotelbetrieb als Bedienung, Küchenhilfe, Sekretärin und Transferservice in einem.

Ich liebte den Kindergarten, öffnete voller Vorfreude das in den Jägerzaun integrierte Türchen und rannte los, denn es erwartete mich aus meiner Sicht das echte Paradies. Die Bauecke, die Rutsche, die Schaukel, die Verkleidungskiste, Malstifte ohne Ende, Spielkameraden, Tante Anni und Tante Gisela, die aufgrund einer Lautschwäche von vielen Disela gerufen wurde. Ich rannte eigentlich immer rein in den Kindergarten und drehte mich nicht um. Da musste also gar nicht gewunken werden, weder beidarmig noch sonstwie. 


Meine Mutter wusste, dass ich im modernen evangelischen Kindergarten gut aufgehoben war. Dieser wurde von der alleinerziehenden Frau K. geleitet, die später, so meine ich mich zu erinnern, Vorsitzende der Grünen wurde und sich stark machte für die Installation einer Frauengruppe (jeder Punkt für sich stellte im Sauerland damals ein Skandälchen dar). Vermutlich war meine Mama froh, dass sie wieder schnell zurück in unsere Hotel-Pension zur Arbeit kam, während andere Mütter die Fingerchen ihrer Kinder einzeln vom Jägerzauntürchen lösen mussten, so wenig gelüstete es ihnen nach einem Vormittag in der Erziehungsstätte.

Dennoch denke ich im Nachhinein, ich hätte mich ruhig einmal kurz umdrehen und meiner Mutter winken können. Ich hätte mir nie verziehen, wenn ihr auf dem Weg nach Hause etwas zugestoßen wäre, ohne dass ich mich ordentlich verabschiedet hatte. 

Heute Morgen blieb mein Blick an einem Mann, einem jungen Vater, haften, der sich rückwärts gehend vom Kindergartengebäude St. Adolfus entfernte. Dabei winkte er wild, fast dramatisch, mit beiden Armen von rechts nach links, von rechts nach links. Dieses Winken war meiner Ansicht nach ein wenig übertrieben, ich kannte es bisher nur aus Schwarz-Weiß-Dokumentationen aus dem Jahre 1912. Damals legte die Titanic in Southampton Richtung New York ab. Die Menschen winkten so, als ginge es um Leben und Tod, und das ging es ja auch, nur wusste es da noch keiner. Eine ähnliche Wink-Dramaturgie legte also der Vater hin.
Ich schüttelte innerlich den Kopf. Welches Szenario würde er seinem Nachwuchs bieten, wenn das Kind nach einem Highschool-Jahr in den USA wieder zurückkehrt? Einen Flieger, der über dem Rhein Loopings dreht und mit rotem Rauch Willkommen zurück, Torben-Hendrik in die Luft malt? Das war doch nicht normal, dieses Winken, dieses Überbehüten. Bekloppt war das...
...dachte ich, bis der Vater aus dem Sichtfeld des Kindes geriet. Dann drehte er sich wieder in Laufrichtung, also in meine, und zündete sich sogleich eine Zigarette an. Inhalierte tief und blies den Rauch wieder in die Luft. Weißen Rauch, der folgende Worte bildete: ENDLICH RUHE

Zumindest schien es mir so.