16. Juni 2016

Fast vergessen


Manchmal bin ich ehrlich ein bissken verpeilt.

Es gibt seit dem 15. März ein eBook von mir.
Facebook weiß es, amazon weiß es, diverse Literaturblogs wissen es.
Das Naheliegendste, nämlich in meinem Blog darüber zu schreiben, ist mir völlig durchgegangen.

Besonders nachlässig ist das, weil es sich bei dem eBook um ein Best of meiner Bloggeschichten handelt, Würde es da nicht Sinn machen, auch in meinem Blog davon zu berichten? Ich sag ja: Verpeilt.
 
Es fing damit an, dass eine Freundin, Ursula Kollritsch, die gemeinsam mit ihrer Freundin Stephanie Jana einen sehr unterhaltsamen Email-Roman geschrieben hat (Das Jahr des Rehs), ihrer Literaturagentin Gabi Strobel meine Texte ans Herz gelegt hat. Und jene Literaturagentin mich unter ihre Fittiche genommen und meine Blogtexte Marc Hiller, dem Geschäftsführer vom Verlag dp digital publishers empfohlen hat. Kommen Sie noch mit? Netzwerken ist alles.

dp digital publishers empfand die Texte als veröffentlichenswert, was mich über alle Maßen freute. Die Lektorin Daniela Höhne war extrem geduldig mit mir, meine Formatierung brachte sie, glaube ich, an den Rand des Wahnsinns, ihre Korrekturen begannen mit "Ich mag Ihre Geschichten, ehrlich, aber...".
"Ich gelobe Besserung bei meinem nächsten Buch", antwortete ich. In Hoffnung darauf, dass es ein nächstes Buch geben wird. :-)
Zwischen dp-Programmleiterin Stephanie Schönemann und mir flogen die Emails hin und her, Ideen, Änderungen, Verbesserungen, irgendwann nahm das Projekt Form an. 
Besonders spannend war für mich das Thema Covergestaltung. Vom Ergebnis bin ich begeistert. Danke, Birgit Stolze, dass Sie meine Idee Ein Sofa, auf dem Freunde Platz nehmen würden, denen ich von meinen Erlebnissen erzähle so grandios umgesetzt haben. Ich bin schon einige Male auf die hübsche Gestaltung angesprochen worden. 

Noch nicht bestellt? Dann aber los!

Mit den Rezensionen auf amazon, lovelybooks und in diversen Blogs wie Willkommen im Kremplinghaus oder Samtpfoten mit Krallen kann meine Autorenseele wunderbar leben. Ich danke allen, die sich mit meinem eBook auseinander gesetzt haben, wo doch der Alltagswahnsinn einen von so vielen Dingen abhält.

Für alle, die ihren Kindle oder Tolino noch mit unterhaltsamen Kurzgeschichten und Alltagsbeobachtungen für ihren Urlaub bestücken möchten, empfehle ich mein Buch.
Und allen, die viel in Bussen und Bahnen unterwegs sind und an Haltestellen herumhängen müssen, lege ich es ebenfalls ans Herz. Und jenen, denen beim Lesen in der Badewanne dauernd die Seiten von der Gala und Brigitte nass werden, sowieso.

Ich wünsche viel Vergnügen und freue mich über eure Kommentare und Rezensionen!







5. Juni 2016

Zugsauna (ohne Minzaufguss, aber mit Musik)

"Das Wochenende bei Mama war so schön, das leckere Essen, die Spaziergänge, die Radtour, das Schwimmen, jetzt nur noch mal eben mit dem Zug zurück nach Düsseldorf.". Wenn ich so etwas denke, dann müsste eigentlich sofort ein kleiner Gummihammer auf meinen Kopf niedersausen und eine Stimme aus dem Off verlautbaren: "Frau Meyer, du bist doch nun wirklich oft genug mit der Bahn gefahren und kannst unmöglich so naiv sein."

Die Uhr auf meinem Smartphone zeigt 15:42 an. 15:26 sollte mein ICE fahren.
ICE gönne ich mir nicht oft, nur wenn er - wie in diesem Fall - tatsächlich günstiger ist als der Regionalbummelzug. Und weil er so günstig war, der ICE, reserviere ich mir außerdem einen kostenpflichtigen Sitzplatz. Auf Gleis 1 des Bahnhofes Lippstadt erscheinen weder der Schnellzug noch der Sitzplatz. Kurz befürchte ich, dass ich vor lauter Smartphoneglotzerei den Zug verpasst habe und frage einen Mann mit Zigarette und einer Dose Bier, ob er weiß, was mit dem ICE los ist. "Der um kurz vor halb hier sein sollte?" Ich nicke. "Der fällt aus. Stand da gerade." Er zeigt auf die Anzeige. Da wird nun der Regionalexpress angeschlagen, den ich nicht nehmen wollte, weil er unkomfortabler ist und das Ticket teurer war.

Ich mag mich nicht aufregen. Mein Vorsatz für den Sommer ist ja: Nicht mehr so viel aufregen. Zen-Buddhistin werden. Alles weglächeln. Das Leben ist zu kurz und wertvoll für trübe Gedanken. Hauptsache, ich sitze im Zug Richtung Düsseldorf. Nachdem mir am Gleis die Sonne auf mein Hirn gebrutzelt hat (nee, nee, ich reg mich nicht auf darüber, wäre ja noch schöner, erst meckern, dass es dauernd regnet, und wenn die Sonne scheint rumjammern), freue ich mich über eine leichte Kühle im Großraumwagen und höre, wie ein Reisender zu einem anderen Reisenden sagt: "Schön, dass die Klimaanlage wieder funktioniert, gerade tat sie es nicht." Na, wunderbar

In Hamm steigen einige Leute zu. Es wird voll. Und warm. Die Klimaanlage hatte in Soest keine Lust mehr zu funktionieren. Die will ja auch mal Wochenende haben. Kurz vor Kamen bleibt der Zug mitten auf der Strecke stehen. Ich schaue nach rechts auf ein Feld, auf dem sich ganze Familien nach saftigen roten Erdbeeren bücken. Der Regionalexpress ruckelt ein bisschen vorwärts und bleibt wieder stehen. Hach ja, was soll es, dann lese ich eben in meinem Buch. Langsam fährt der Zug weiter. Zwei Jugendliche, ich tippe auf Nordafrikaner, lästern ein bisschen. "Die Deutsche Bahn. Wie viele Stundenkilometer fahren wir gerade, was denkst du, Alter?" "Vierzig, höchstens fünfzig. Ist das warm, ey. In Marokko kann man wenigstens die Fenster im Zug öffnen, Mann."

In Kamen steigt ein Pärchen zu. Der Mann ist ziemlich groß und setzt sich auf den Platz, der meinem gegenüber liegt. Wir wissen beide nicht, wohin mit den Beinen, würde ich regelmäßig zum Yoga gehen, könnte ich meine im Nacken verschränken. Aber so.
Meinen Platz wechseln mag ich nicht, weil ich eine 1a-Unterbringungsmöglichkeit für meine Reisetasche gefunden habe, die ich von hier aus im Auge behalten kann. Mein männliches Gegenüber und ich setzen uns schräg und stellen unsere Beine unbequem nebeneinander. Den Mann stört es offenbar nicht, er küsst mehrfach seine Frau. Bei der Hitze!

In Dortmund wird der Zug noch voller. Zwei hochgewachsene bildschöne schwarze Frauen stehen im Gang und beschweren sich in lupenreinem Ruhrpottdeutsch über die Wärme im Großraumwagen. "Meine Güte, is dat heiß und muffich hier. Dat is ja nich zum Aushalten. So viel zu Deutsche Bahn, ne? Bei uns in Afrika gibt et wenichstens Ventilatoren in den Zügen." Gerade will ich anfangen, mich für die Deutsche Bahn zu schämen, da ertönt Musik hinter mir. Eine dieser 3-Mann-Combos mit goldbezahnten fröhlichen Herren, die ein Potpourri verschiedener, für mich nicht unter einen Hut zu bringender Weisen darbieten.

Oh, when the Saints go marchin´in geht nahtlos über in den Ententanz.
Ich bekomme einen nervösen Lachkrampf, weil neulich in Polen das einheimische Unterhaltungsduo auch den Ententanz angestimmt hatte. Da braucht man Jahrzehnte, um dieses Musikstück erfolgreich zu verdrängen und dann hört man es unter verwirrenden Umständen zweimal in zwei Monaten.

Ich schnaufe. Diese Zugsauna macht mich fertig. Bin mir nicht sicher, ob die flotte Zugband uns nun alle erfrischen möchte. Sie spielt Jingle Bells. 
Jingle Bells im Juni.

Ich stehe kurz vor einem Zusammenbruch, als einer der Musiker mir einen Hut unter die Nase hält. Nein, ich gebe nichts. Mein Körper ist inzwischen von einem klebrigen Schweißfilm überzogen, das Kleingeld würde mir aus den Händen flitschen. Kurze Zeit später bewegt sich ein Mann durch den Wagon, der laut wehklagt, dass er Hilfe braucht. Er benötigt nur noch 2,20 Euro, um sich eine Fahrkarte kaufen zu können. Ich höre, wie Leute Kleingeld sammeln, davon aber wohl nicht genug, denn die 2,20 Euro-Geschichte für ein Ticket erzählt er auch im nächsten Wagen. Mir egal, mir ist es einfach nur warm, ich habe einen schrecklichen Durst und das Gefühl, in meiner Skinny Jeans eine Thrombose zu bekommen.

Könnte heulen.

Eine Stunde später als geplant steige ich am Hauptbahnhof aus der Zugsauna (ohne Minzaufguss, aber mit Musik) aus und bin fix und fertig. Ich möchte fast den Boden meiner Pempelforter U-Bahn-Station küssen, so sehr freue ich mich, endlich daheim zu sein.

Okay, die Rolltreppe funktioniert nicht.
Ich sehe, wie jemand aus dem gläsernen Fahrstuhl steigt.
Gute Idee, ich nehme den Fahrstuhl. Halte natürlich dem asiatischen Pärchen, das mit mir nach oben fahren will, die Tür auf. Wir drücken die 1. Nichts passiert. Wir drücken den Tür zu-Knopf. Nichts passiert. Wir drücken noch einmal die 1.

"It´s not working?" fragt der asiatische Mann.
"Obviously not", knurre ich.
Wir verlassen den Fahrstuhl, das Pärchen geht auf die Rolltreppe zu.
"It´s not working either", rufe ich. "It´s not working, because we are in Germany."
Die Asiaten schauen mir bestimmt sehr erstaunt hinterher, als ich wütend die Treppe mit meiner Reisetasche hochstapfe.

Das ist doch gemein vom Leben, dass es mich mit solch einer doofen Zugreise provoziert, wo ich gerade dabei bin, alles relaxter sehen zu wollen und mich nicht mehr verrückt zu machen.

Frau Meyer formerly known as Sommer-Zen-Buddhistin schließt die Wohnungstür auf und wirft ihre Reisetasche in die Ecke.

Das mit dem Ärger Weglächeln übt sie noch.

Morgen





25. Mai 2016

Kindergarten


Morgens gehe ich auf dem Weg zur U-Bahn an einer Kirche und dem dazugehörigen Kindergarten vorbei. Die Väter und Mütter bringen ihre Kinder zu Fuß, manchmal mit dem Rad und meistens mit dem Auto. Da fällt mir ein, das rothaarige Rasseweib mit den Reitstiefeln und dem SUV habe ich lange nicht gesehen, vielleicht ist sie umgezogen, vielleicht ist das Kind in der Schule. Diese Dame war immer spät dran und schob keuchend ihren Nachwuchs durch das Eisentor. Andere Eltern beruhigen ihre Sprösslinge, die die Beine der Erwachsenen umklammern und laut und lauter weinen, so als wäre die Kindertagesstätte der Vorhof zur Hölle.

Was den unterschiedlichen Enthusiasmus der Kleinen angeht, hat sich seit meiner Kindergartenzeit offenbar nicht viel geändert. Nur dass die Mütter in meinem hochsauerlän-dischen Heimatort keinen SUV fuhren und kein oliv-beiges Landlust-Abonnementinnen-Outfit trugen. Sie fuhren Kombis und trugen Kittel. Die meisten Mütter waren Hausfrauen und der Kittel sagte aus, dass man eigentlich gar keine Zeit hatte, das Kind abzuliefern, da gab es zuhause noch sooo viel zu tun. Meine Mutter lieferte mich ebenfalls im Kittel ab, denn sie arbeitete im Hotelbetrieb als Bedienung, Küchenhilfe, Sekretärin und Transferservice in einem.

Ich liebte den Kindergarten, öffnete voller Vorfreude das in den Jägerzaun integrierte Türchen und rannte los, denn es erwartete mich aus meiner Sicht das echte Paradies. Die Bauecke, die Rutsche, die Schaukel, die Verkleidungskiste, Malstifte ohne Ende, Spielkameraden, Tante Anni und Tante Gisela, die aufgrund einer Lautschwäche von vielen Disela gerufen wurde. Ich rannte eigentlich immer rein in den Kindergarten und drehte mich nicht um. Da musste also gar nicht gewunken werden, weder beidarmig noch sonstwie. 


Meine Mutter wusste, dass ich im modernen evangelischen Kindergarten gut aufgehoben war. Dieser wurde von der alleinerziehenden Frau K. geleitet, die später, so meine ich mich zu erinnern, Vorsitzende der Grünen wurde und sich stark machte für die Installation einer Frauengruppe (jeder Punkt für sich stellte im Sauerland damals ein Skandälchen dar). Vermutlich war meine Mama froh, dass sie wieder schnell zurück in unsere Hotel-Pension zur Arbeit kam, während andere Mütter die Fingerchen ihrer Kinder einzeln vom Jägerzauntürchen lösen mussten, so wenig gelüstete es ihnen nach einem Vormittag in der Erziehungsstätte.

Dennoch denke ich im Nachhinein, ich hätte mich ruhig einmal kurz umdrehen und meiner Mutter winken können. Ich hätte mir nie verziehen, wenn ihr auf dem Weg nach Hause etwas zugestoßen wäre, ohne dass ich mich ordentlich verabschiedet hatte. 

Heute Morgen blieb mein Blick an einem Mann, einem jungen Vater, haften, der sich rückwärts gehend vom Kindergartengebäude St. Adolfus entfernte. Dabei winkte er wild, fast dramatisch, mit beiden Armen von rechts nach links, von rechts nach links. Dieses Winken war meiner Ansicht nach ein wenig übertrieben, ich kannte es bisher nur aus Schwarz-Weiß-Dokumentationen aus dem Jahre 1912. Damals legte die Titanic in Southampton Richtung New York ab. Die Menschen winkten so, als ginge es um Leben und Tod, und das ging es ja auch, nur wusste es da noch keiner. Eine ähnliche Wink-Dramaturgie legte also der Vater hin.
Ich schüttelte innerlich den Kopf. Welches Szenario würde er seinem Nachwuchs bieten, wenn das Kind nach einem Highschool-Jahr in den USA wieder zurückkehrt? Einen Flieger, der über dem Rhein Loopings dreht und mit rotem Rauch Willkommen zurück, Torben-Hendrik in die Luft malt? Das war doch nicht normal, dieses Winken, dieses Überbehüten. Bekloppt war das...
...dachte ich, bis der Vater aus dem Sichtfeld des Kindes geriet. Dann drehte er sich wieder in Laufrichtung, also in meine, und zündete sich sogleich eine Zigarette an. Inhalierte tief und blies den Rauch wieder in die Luft. Weißen Rauch, der folgende Worte bildete: ENDLICH RUHE

Zumindest schien es mir so.


15. Mai 2016

Leichtes Gepäck

Eines Tages fällt dir auf,
dass du 99 Prozent nicht brauchst.
Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg,
Denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck.*


Die Tüte war weg.

Ich wunderte mich, dass ich beide Hände frei hatte, um meine schwere Reisetasche in die überhitzte U-Bahn zu wuchten. Mit einer Hand hätte ich eigentlich mein zweites Gepäckstück, eine Plastiktüte, tragen müssen. Eigentlich.

Die Erkenntnis in der U79 brachte mich fast zum Heulen (später zuhause heulte ich auch, aber nur ein bisschen). Ich hatte die Tüte im Zug vergessen. Wenn ich genauer nachdachte, wahrscheinlich schon in der ersten Bahn, aus der ich in Schwerte ausgestiegen war. In der zweiten Bahn hatte ich nur meinen Reisekoffer zwischen zwei Sitzreihen geschoben und da war die Tüte schon...ja, wo war sie denn? Entweder auf dem Gleis im Bahnhof Brilon-Wald (übrigens ein durchaus geeigneter  Drehort für Filme, die in der Nachkriegszeit spielen), weil ich per Smartphone versucht hatte herauszufinden, auf welchem der unkrautbewachsenen Bahnsteige mein Zug abfahren sollte. Da hatte ich die Tüte abgestellt. Oder vielleicht bei Kamps im Bahnhof Schwerte, wo ich mir einen Cappuccino holte, um ein bisschen wach zu werden. Man lässt bei solch einer Gelegenheit gern mal eine Tasche stehen, während man den Kaffee zahlt. Wenn man Frau Meyer heißt. 
 
Ich googelte Kamps Filiale Schwerte Bahnhof und telefonierte sogleich mit einem netten Fräulein, das mir sagte, dass keine Tüte gefunden worden sei. Dann heulte ich ein bisschen. Mehr aus Wut über mich selbst. Es war meine ureigene Dämlichkeit, die mich die Tüte hatte vergessen lassen. Und die Tüte brauchte ich nur, weil ich wieder viel zu viele Klamotten in meine Reisetasche gepackt hatte.
 
Geplant waren nur zwei Nächte in meinem hochsauerländischen Heimatort.
Die Kleidung hätte für sieben Nächte ausgereicht und es fanden dort auch keine Filmfestspiele statt, sondern ein wunderbares Treffen mit meinen Freundinnen Inga, Marijke und Nicole, die ich zum Teil viele Jahre nicht gesehen hatte. Ein Spaziergang, intensive Gespräche über damals und heute, Lustiges und Trauriges, abends Essen bei Enzo, der unsere Wiedersehensfreude mit  einem Zitronensorbet krönte.

Heimat, ja doch, irgendwie schon

Obwohl ich oft auf Reisen bin, habe ich bisher keine sinnvolle Kofferpacktechnik entwickelt, denn ich will doch für alle Fälle (starker Sonnenschein, Sturm, Regen, plötzlicher Schneeeinfall oder Spontan-Date mit Bradley Cooper) gewappnet sein. Ebenso gern hätte ich den Wunsch, vor bösen Überraschungen sicher zu sein, auch auf mein Leben übertragen. Als Jugendliche dachte ich ja, das Schlimmste, was mir zustoßen konnte, wäre, dass ich in denselben jungen Herrn wie meine Freundin verliebt war. Ha. Wie gut, dass ich damals nicht wusste, welche Widrigkeiten sich mir im Lauf der Jahre noch in den Weg stellen sollten.

Also, viel zu viele Klamotten im Koffer, dann noch verqualmte Sachen (das Nichtraucherschutzgesetz wurde 2010 in Hessen aufgelockert), die ich nicht zu den frischen, komplett ungetragenen Kleidungsstücken legen wollte. Ich fluchte beim Versuch, den Reißverschluss der Reisetasche zu schließen und packte noch ein komplett ungetragenes Paar Schuhe aus und in die Plastiktüte einer Willinger Boutique mit der Aufschrift CRUSE.
 
Diese Tüte war weg und mit ihr

Ein Paar Stiefeletten, grau-braun metallic
Ein schwarzbuntes T-Shirt
Ein hellgrauer Sommer-Poncho
Mein LieblingsBH (rosé-schwarz aus der 50 Shades of Grey-Ecke bei Hunkemöller)
Ein Schmuckkästchen mit Modeschmuck, an dem trotzdem mein Herz hängt

sowie

eine Tortenform, die sich seit 1998 im Haushalt der Familie meiner Freundin Inga befand, weil ich in selbiger zum 10jährigen Abi-Treffen einen Gemüsekuchen gebacken hatte

und darüber hinaus

eine Flasche Büffelgraswodka von Grasovka, die Inga mir extra aus einem gut sortierten Supermarkt besorgt hatte, nachdem sie durch meinen Blog-Text Büffelgraswodka auf den Verlust dieses Mitbringsels aus Polen aufmerksam wurde.

Alles weg.

Das mit dem Wodka tat mir besonders leid, ich hatte mich über alle Maßen über das gut durchdachte Geschenk gefreut (ich hab´s dir noch gar nicht erzählt, Inga, jetzt weißt du´s).

Selbstverständlich rief ich sofort bei der Fundstelle der deutschen Bahn an und betonte den Verlust des Wodkas mit viel Nachdruck, bis ich bemerkte, wie stutzig die Dame am anderen Ende der Leitung wurde. Ich hatte aber keine Lust, ihr mein Wodka-Dilemma zu erklären. "Den Wodka konnte bestimmt jemand gut gebrauchen", jammerte ich in Erinnerung an die anheimelnde Atmosphäre am Bahnhof Schwerte.

Ich mit Koffer, ohne Tüte

"Bleiben Sie bitte ganz ruhig", versuchte die Mitarbeiterin der Deutschen Bahn mich mit ihrer Therapeutenstimme zu besänftigen. "Tatsächlich tauchen in sechzig bis siebzig Prozent der Fälle verlorengegangene Gepäckstücke wieder auf." Ich versprach, mich in Geduld zu üben.

Zwei Tage später rief ich wieder an, hatte dieselbe Mitarbeiterin am Telefon und nannte meine Auftragsnummer.

"Sie müssen sich bitte gedulden, Frau Meyer. Wenn im Zug oder am Bahnhof Taschen gefunden werden, werden die ja nicht sofort zur Sammelstelle gebracht." Ach so.

Ich harre also der Dinge und wische Visionen von Jugendlichen, die meinen Wodka saufen, meinen LieblingsBH reihum tragen und Fotos davon machen, beiseite. Vielleicht hat sich irgendeine Mama über meinen Sommerponcho zum Muttertag gefreut.

Allerdings ist nun genau eine Woche rum, da könnte ich vielleicht doch nochmal beim Fundservice der DB anrufen

Geduld war noch nie meine Stärke.
Mich beim Kofferpacken auf das Wesentliche zu beschränken, auch nicht..

Und zum Thema Wodka sag ich gar nichts mehr.



* Textauszug aus Leichtes Gepäck von Silbermond

26. April 2016

Büffelgraswodka

"Da, da ist ein Supermarkt. Können wir nicht kurz anhalten, damit wir uns Kuhbonbons kaufen können?"

"Und Büffelgraswodka!"

Darko, der Leiter unserer Gruppe während einer fünftägigen Reise von Danzig über Masuren in den Bialowieski-Urwald an der weißrussische Grenze und weiter nach Warschau, vertröstete uns wieder einmal. "Wir werden noch an vielen Supermärkten vorbeikommen."

Wir wollten aber nicht vorbei, wir wollten rein in den Supermarkt.

Mein Mitreisender Michael wollte seinen Lieben Kuhbonbons mitbringen, die süßen leckeren Dinger aus Weichkaramell, die unser Polyglott-Reiseführer als Souvenir empfahl. Eine weitere Empfehlung war: Büffelgraswodka.

Sie können das nicht wissen, aber meine Freunde und ich machen im Mai oder Juni ein traditionelles Spargelessen mit begleitetem Weißwein (was sonst?) und danach Wodka (aaaah!). Für mich war der Erwerb des Original Büffelgraswodka also sehr wichtig.

Wir schaukelten bis an die fünf Stunden über Landstraßen mit Feldwegcharakter und guckten ins Grün. Felder, Wiesen, Birkenwälder mit Buschwindröschenteppich. Und immer, wenn die Zivilisation in Form einer kleinen Ortschaft auftauchte, rief Michael: "Ein Supermarkt. Können wir nicht aussteigen und eben kurz Kuhbonbons kaufen?" Und ich rief: "Und Büffelgraswodka!" Darko, ansonsten ein wunderbarer Reiseführer, ignorierte weiter diese Bitte. Mit Geschichte und Natur kannte er sich bestens aus, leider verstand er nicht die Dringlichkeit unserer Kaufwünsche.

Die höfliche Bitte, doch einmal anzuhalten, verkümmerte zu einem pubertären Quengeln:

"Kuhbonbons!"
"Büffelgraswodka. Menno!"

Ich vermute, dass die Reisegruppe inzwischen von meiner Forderung ein wenig genervt war. War mir egal, ich dachte an das Spargelessen.

Da wir zwei Nächte in Hotels an pittoresken Plätzen mitten im Fastnichts unsere Häupter niederlegten und/oder einen straffen Zeitplan hatten, ergab sich die Shoppinggelegenheit erst am letzten Tag in Warschau. Immerhin. Wir hatten eine Stunde Zeit, uns im "Arcadia" auszutoben, und meine Füße trugen mich geradewegs ins Carrefour. Ich wunderte mich, dass es neben ALDI, LIDL, Deichmann, Rossmann, Obi, Praktiker, Media Markt und SATURN auch französische Supermarktketten wie Intermarché, Leclerc und eben Carrefour gab. Darko erzählte, dass nach der Wende 1989 die Franzosen die ersten waren, die ihre Geschäfte in Polen eröffneten.

Zurück in die Spirituosenabteilung. Wodka links, Wodka rechts. Viel Wodka.
Da, da stand er: Mein Büffelgraswodka! Nicht der empfohlene von Grasovka, aber immerhin der von Zubrowka. Ich war nach tagelanger Quengelei genügsam geworden und kaufte die teurere Variante von Zubrowka sowie einen wilden Bonbon-Mix, natürlich auch Kuhbonbons.
Yeah, ich hatte meine Mitbringsel für die Lieben daheim. Beide packte ich eine Tüte, die ich fest verknotete und in meinem Koffer verstaute, da Flüssigkeiten über 100 ml nicht ins Handgepäck dürfen. Diese Regelung dient der Terrorabwehr.

Mit dem Verstauen gab ich mir besondere Mühe, mein flüssiges Mitbringsel sollte nicht kaputt gehen. Obwohl Wodka keine Rotweinflecken machen konnte, wäre ich untröstlich gewesen.

Zuhause in Düsseldorf stieg ich aus dem Flughafenbus und hatte sofort schlechte Laune.

1. Es regnete.
2. Es war saukalt.
3. Ich musste den megaschweren Koffer hinter mir herziehen.
4. Ich musste den megaschweren Koffer in den 3. Stock (Altbau, also gefühlt 4. Stock)   schleppen.

Ich räumte die Schmutzwäsche und den Beutel mit den Schuhen bereits unten im Flur aus. Vorsichtshalber wollte ich die Carrefour-Tüte ebenfalls aus dem Koffer holen.

Die Tüte war gerissen, an der Seite befand sich ein großes Loch.
Die Bonbontüten waren darin.
Die Flasche mit dem Zubrowka-Büffelgraswodka war weg.

Auch wenn mir klar war, dass jemand diese Flasche gestohlen haben musste, durchwühlte ich wild meinen Koffer und warf alle Kleidungsstücke in den Hausflur. Es blieb dabei: Die Flasche war weg.

Wo ist mein Wodka?
Ich fluchte.
Diese blöde Antiterror-Regelung. Hätte ich den Wodka im Rucksack gehabt, wäre das nicht passiert. Ich erinnerte mich, dass ich vor der Abreise überlegt hatte, das Schloss für den Koffer zu benutzen. Und mich blöd fand, weil ich mir bisher nie Gedanken darüber gemacht hatte, dass jemand etwas aus meinem Koffer klaut. Kaum gestohlen, schon in Polen. Haha, nee, kein Schloss. Ich wusste ehrlich gesagt auch nicht mehr, wie es funktioniert und stellte mir vor, wie ich vor Ort nicht in der Lage sein würde, es zu öffnen und als Folge dessen fünf Tage in derselben Unterhose herumlaufen müsste.

Ich war politisch korrekt und bekam nun einen Tritt in den Hintern für meine Gutgläubigkeit. Dziekuje bardzo! Danke sehr!

Nun weiß ich nicht, ob sich ein polnischer oder deutscher Gepäckkontrolleur über meinen Büffelgraswodka gefreut hat. Bei Ankunft auf dem Gepäckband in Düsseldorf war mein Koffer nass und die meiner Mitreisenden nicht. Es ist durchaus möglich, dass ich mich über einen Jens statt über einen Stanislaw aufregen sollte.

Ich war so sauer, dass ich drei Kuhbonbons essen musste.
Alle auf einmal.



Beruhigungsmittel

Und den Wodka, den bestelle ich mir jetzt online.
Auch wenn das ganz und gar nicht dasselbe ist.