9. April 2020

Die Relaxhose


Ach, hätte ich mir doch die richtige Relaxhose bei Tchibo gekauft.

Dann wäre ich jetzt entspannter.


Neulich im Januar:


Ich stöberte in einer Filiale des großen deutschen Kaffeerösters und hielt ein Stück Wellnessbekleidung in meinen Händen: eine anthrazitfarbene Relaxhose. So stand es auf der Packung: Relaxhose.

Die fühlte sich kuschelig an und war so preiswert, dass ich lieber nicht über das Herkunftsland nachdenken wollte. Ich musste dringend herunterkommen, wie sollte mir das gelingen, wenn nicht mit dieser Hose. Die Kassiererin bestätigte mir meine Wahl mit den Worten: „Ja, die ist toll. So bequem, wir haben uns die auch alle gekauft.“


Da ich in Tchibo-Filialen niemals etwas anprobiere, entschied ich mich für Größe M. M wie müsste passen.

Zuhause zog ich die wollige Wohlfühlhose an und stellte fest, dass sie an mir wie Größe S saß. S wie spack.

Ich ging dann in eine andere Filiale, um die Hose umzutauschen.

Juchu, da hing sie in allen Größen. Mangels Brille kniff ich die Augen zusammen, griff nach L (L wie lässig) und zahlte.


In unserer Wohnung warf ich die Quittung und die Verpackung direkt in den Müll und die Hose in die Waschmaschine. Als ich Tage später ein dringendes Bedürfnis nach kuscheliger Homewear verspürte, zog ich die Relaxhose über. Die saß extreeem lässig. 


Ich stellte mich im Profil vor den Spiegel im Flur und hielt den labberigen Bund weit von meinem Bauch entfernt. So weit weg wie Günter Strack in der Slim Fast-Werbung. Ein entspanntes Gefühl stellte sich in dieser Relaxhose nicht ein. Wie konnte das denn sein, dass M so eng und L so weit saß? Ich schaute auf den Zettel in der Hose. XL. XL wie xtreme lose.


Kassenbon und Verpackung waren im Altpapiersack verschwunden, jener bereits entleert. Für die Altkleidersammlung war mir die Hose zu neu. Es gab nur eine Lösung: Verschenken.


Wie Sie hier sehen, erfreut die Hose einen hochzufriedenen Herrn, der in der Kuschelhose relaxt. Es ist K.*, der Ehemann meiner lieben Kollegin H.* (*Namen sind der Autorin bekannt)




Schön, nicht wahr?


Eine herrlich harmlose und doch irgendwie lustige Geschichte, die längst veröffentlicht werden sollte.


Doch dann kam der Virus dazwischen.


Als es losging, war ich – auch ohne Relaxhose – recht entspannt, empfand die Posts auf Facebook so einseitig wie panikartig. Ein Facebook-Freund schrieb: „Haben wir kein anderes Thema mehr, es nervt!“

Ich war kurz davor, die Tchibo-Geschichte per Entertaste der Leserschaft zur Verfügung zu stellen. Da stiegen die Zahlen der Infizierten und der Toten, vor allem in Italien und Spanien, aber auch hier bei uns in Deutschland. 


Der Ernst der Lage wurde mir so richtig bewusst, als alle meine geplanten Veranstaltungen, wie Konzertbesuche und Lesungen, abgesagt wurden. Die Fußballfans beklagten die Geisterspiele in den sozialen Medien, ohne zu wissen, was da noch alles auf uns zukommen sollte.


Kontaktsperre.

Klang sehr schlimm. 
Ist schlimm. 


Vor allem für die, die alt, krank und allein in Seniorenheimen, Krankenhäusern oder zuhause sind.

Das Abstandhalten von 1,5 Metern zum Nächsten bereitet bis heute vielen Menschen Probleme. Ich habe eine ungefähre Idee, woran das liegen könnte…




Die Themen Hamsterkäufe und Klopapiermangel möchte ich nur kurz anreißen. Sie sind in Whatsapp, GIFs und Filmchen mannigfaltig und mindestens vierlagig verarbeitet worden. Ich gebe aber zu, dass ich zuweilen doch noch lachen kann, wenn die Verarbeitung gelungen ist.

Im Rahmen der tagtäglichen medialen Hirndurchspülung mit dem C-Thema sah ich kürzlich eine WDR-Dokumentation über die Opfer der Krise. Ein Betreiber eines Imbisses in W. warb damit, dass er zum gelieferten Essen ab einem Bestellwert von 30 Euro statt der üblichen Lambrusco-Plörre 8 (in Worten acht) Rollen Klopapier verschenkt. Not(durft) macht erfinderisch.


In Anbetracht der Tatsache, dass sich in meinem Viertel Omas mit Rollator, Mundschutz und Einweghandschuhen in eine lange Schlange stellen müssen, um an wenigen Tagen in der Woche diesen begehrten Hygiene-Artikel zu erlangen, empfinde ich diesen Werbe-Gag einfach nur als Sch..ße.



Manchmal jammere ich auch einfach.


Darüber, dass ich nicht in den geplanten Urlaub fliegen kann.

Dass meine Mutter ihren 75. Geburtstag nicht im Kreis ihrer Familie feiern konnte und Ostern auch nicht besucht werden kann.


Über meinen Job. Hauptberuflich in der Touristik tätig zu sein, hat mir schon mal mehr Spaß gemacht. Dass unsere Kunden in ihren Urlaubsorten festhingen, die Telefonate mit nachvollziehbaren Sorgen und Fragen, die Unwägbarkeit der Situation – das habe ich in 29 Reisebürojahren so noch nicht erlebt.



Mein schon vor Jahren entwickelter Plan B, eine Comedy Pommesbude mit Kollegin H.* (*Name ist der Autorin bekannt), der Frau von dem Mann mit der Relaxhose, wäre derzeit auch kein Renner. Gastronomie zählt nicht zu den Top-Verdienern während der Krise.

Ja, manchmal jammere ich und hätte gern eine gut sitzende Relaxhose für mein Hirn.


Bis mir wieder einfällt, dass ich auch an einer Supermarktkasse sitzen könnte und mich von Kunden anblaffen lassen muss. So wie neulich bei EDEKA, wo eine schmallippige (es sind immer die schmallippigen, nicht wahr?) Frau um 08:05 Uhr ausflippte. 

„Wo ist der Ingwer? Nirgendwo ist Ingwer!!!“

„Entschuldigung“, sagte die beeindruckend freundlich gebliebene Kassiererin, „Sie sehen doch, dass vier meiner Kollegen gerade die Wagen mit den Waren abladen, das dauert noch ein bisschen.“

Ich sah die hysterische Kundin die Wagen absuchen.

Wie ein Junkie auf Entzug.

Ich fragte mich, auf welchem Rank der überlebenswichtigen Lebensmittel Ingwer wohl steht.


Kassiererin könnte man sein. Oder alleinerziehende Mutter von drei Kindern im Home Office. Oder chronisch krank.Oder Krankenschwester. Oder Altenpflegerin. Oder Arzt in Bergamo. Oder Erzieherin von Kindern in einer Notbetreuung.

Es hilft, sich das vor Augen zu führen, um festzustellen, dass die eigenen Herausforderungen machbar sind.


Hände waschen, Klinken und Schalter mit Desinfektionsmittel absprühen, Einkaufen mit Einmalhandschuhen und Mundschutz (mache ich inzwischen, obwohl ich mir immer noch behämmert vorkomme) – das alles geht doch.

Und was auch noch geht: Das schöne Wetter genießen, auf den sorglos dahinfließenden Fluß schauen, spazierengehen und radfahren, Gymnastik-Tutorials auf Youtube gucken und sogar mitturnen, meditieren, lesen, telefonieren, whatsappen, etwas Leckeres kochen…

Ich hatte neulich ausnahmsweise einmal keine Lust, das Essen selbst zuzubereiten, und aß die zweitschlechteste Currywurst mit Pommes meines Lebens. Den ersten Platz der schlechtesten Currywürste meines Lebens wird unangefochten und vermutlich auf ewig jene auf der Düsseldorfer Osterkirmes in 1995 innehaben.

Wie auch immer, ich koche wieder selber.


Ich habe darüber hinaus festgestellt, dass es dem Hirn gut tut abzuschalten, über einen sehr albernen Film mit Louis de Funès (fast alle auf Youtube zu finden) lauthals zu lachen oder für einen Moment einmal an fast gar nichts zu denken. Gerade dann entsteht Kreatives.

Mein Freund und ich haben, seitdem uns COVID-19 beschäftigt, eine feine „Wie nennt man/wie heißt…?“ Challenge ins Leben gerufen, zu der wir niemanden nominieren, außer vielleicht uns selbst.


  1Wie nennt man einen ausschließlich von Herren geführte Ladenkette für Pflanzen?



  2.Wie heißt die Heavy Metal-Band, die wegen COVID-19 nicht auf Tournee gehen kann, zuhause sitzt und zuviel Frittiertes und Süßes futtert?



  3.Wie heißt das Mittel, mit dem besonders Putzwütige während der Corona-Krise ihre Wohnung bearbeiten?



  4.Wie nennt man Literatur mit unglaubwürdigem Inhalt?



Na, haben Sie eine Idee?

Falls nicht, finden Sie die Antworten am Ende dieses Blogs. :-)



Ich vermisse Vieles aus meinem alten Leben ohne C., den direkten Kontakt zu meinen Freunden, meiner Familie, das Ausgehen, das Stöbern in Geschäften, das unter-Menschen-Sein, die albtraumlosen Nächte, das Reisen (ja, auch die Zugfahrten), die Museen, die Kinos.


Eines weiß ich ganz gewiss: Wenn es jemals wieder möglich ist, das alles wieder zu dürfen, dann freue ich mich wie ein Kind, das eine ganze Nacht bei Toys ´r us verbringt, dann freue ich mich wie Bolle, der jüngst zu Pfingsten (und hoffentlich spätestens dann) nach Pankow reist.

Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern ein wirklich schönes Osterfest, auch wenn es vielleicht nicht perfekt wird.

Auch nicht perfekt: Der Einohrhase



Und hier die Antworten auf die obigen Fragen:

1.  BLU MEN GROUP

2.  SPECKXON

3.  AGGROTAN

4.  HANEBÜCHER



25. November 2019

Backen mit Frau Meyer

Sagen Sie mal, geht es Ihnen auch so wie mir? 
Das Thema Backen interessiert mich während des Jahres nicht. In Sendungen mit Enie van de Meiklokjes, in denen aus zentimeterdickem Fondant und Unmengen Lebensmittelfarbe, Teig, Buttercreme und Fimo-Knete Torten gestaltet werden, die die Lebensgeschichte des Bäckers darstellen, zappe ich allerhöchstens mal kurz rein.
Ich kann nur Marmorkuchen, Käsekuchen und "Gestürzter Herbstapfel", mein all time favourite Kuchenrezept aus der BRIGITTE.

In der Vorweihnachtszeit allerdings, da versuche ich mich an selbstgebackenen Plätzchen, wühle mich on- und offline durch Rezepte, die möglichst nicht mehr als drei bis vier Zutaten aufweisen. Auf einer Low Carb Rezepte-Seite im Netz finde ich Plätzchen, die einfach und lecker klingen. Eine der Hauptzutaten ist Mandelmehl. Das bekomme ich im ganz normalen Supermarkt nicht. 

Im Backzutaten-Gang vom Bio-Supermarkt kneife ich die Augen mangels Brille zusammen, um mich zu vergewissern, dass der Preis, den ich auf Anhieb zu erkennen glaube, auch stimmt. Ich taumele. Low carb ist nicht low budget. Da kann ich mein Gebäck gleich bei Heinemann kaufen. Dann wäre aber kein Schweiß von Frau Meyer in den Plätzchen, und darum geht es ja. Ums Selbermachen.
Neben dem Mandelmehl steht Hanfmehl. Das kostet nur die Hälfte und ist laut Aufdruck  REICH AN PROTEIN, also auch low carb, das nehme ich.

Zuhause stelle ich fest, dass Hanf eine Pflanze ist. Der Teig wird graugrün. Und der Blaumohn macht das Ganze auch nicht appetitlicher. 
Ich hatte mir von Mohn und Hanf eine stimmungserhellende Wirkung versprochen. Meine Stimmung erhellt sich nicht. 
Das da vor mir auf dem Blech sieht aus wie der Inhalt einer Babywindel nach übermäßigem Verzehr von Rahmspinat. 
Und was reimt sich auf backen?

Hauptsache gesund!



Ich habe als Kind das Ausschlecken der Schüssel bei Tante Hedwig geliebt. Durch die Mühle quoll der Teig für das Spritzgebäck, wurde zum S geformt und später das eine Ende in dunkle Schokolade getaucht. Meine Patentante macht großartige Plätzchen, mehrstöckige mit Konfitüre, und Kipferl. Wenn ich Glück habe, bekomme ich auch in diesem Jahr wieder eine Dose mit einer "Best of Hedwig" Auswahl an Selbstgebackenem.
Aber erst einmal will ich meinen Keksen noch eine Chance geben. Ich schiebe das Blech in den vorgeheizten Ofen und stelle den Timer auf 20 Minuten. Bereits nach fünf Minuten schmilzt mein Vertrauen in mein Backerzeugnis dahin.

Mmmmmmh.

Meine Weihnachtsplätzchen erinnern mich an die Hinterlassenschaften von Almkühen, die ich im Sommer weiträumig umwandert hatte.
Und weitere zehn Minuten später wächst zusammen, was nicht zusammen gehört.


Jetzt sagen Sie völlig zu Recht: 
"Ist doch egal! Hauptsache, es schmeckt."
Ich habe gerade Teile dieses ausufernden Gebäcks probiert. 
Es schmeckt nicht. 
Gar nicht. 
Überhaupt nicht.

Das Rezept sollte wie folgt ergänzt werden:
Man nehme die Plätzchen aus dem Ofen, lasse Sie auf dem Blech abkühlen, wickele sie anschließend in das Backpapier und werfe sie in den Restmüll.
So habe ich es jedenfalls gemacht.

Um wirklich leckeres selbstgebackenes Weihnachtsgebäck genießen zu können, muss ich womöglich bis Anfang Dezember warten.
Dann überreicht mir meine Cousine an einem geheimen Ort in Köln ein Paket. 
Das Plätzchen-Care-Paket meiner Tante Hedwig. 

Auf irgend etwas im Leben muss man sich doch verlassen können.

:-)




 

29. August 2019

Mein erster Schultag



Noch wenige freie Plätze für das Einschulungsbuffet!

Ich dachte, mich haut es vom Fahrrad, als ich neulich mit meiner Mutter eine Tour machte und dieses Schild am Eingang eines Hotel-Restaurants las.

1975 gab es kein Einschulungsbuffet.
Auch nicht im Hotelbetrieb meiner Eltern.
Die waren im Dauerstress, mein Vater hatte noch nicht einmal Zeit, mich zu meiner Einschulung zu begleiten.
Der musste Zwiebeln schälen und Saucen ansetzen.
Meine Mutter war in der Lage, aus Ihrem Kittel in ein schickes blau-weiß gestreiftes Kleid zu hüpfen, mir meine mit vielen Süßigkeiten und Buntstiften gefüllte Schultüte in die Arme zu drücken und mit mir in das Evangelische Gemeindezentrum zur Einschulungsfeier zu gehen.

War das aufregend. 
Stolz trug ich meine Tüte herum, Trophäe und Zeichen, dass ich nun ein echtes Schulkind war. Ich winkte meinen Freundinnen zu. Zum Glück war ich nicht allein hier und kannte schon einige Kinder.

Die Großen, also die Zweitklässler, sangen ein schmissiges Lied zur Begrüßung. "Montags um 8, um 8, um 8, da sind wir in der Schule, dort rutschen wir um 8, um 8, um 8 auf unserem Wackelstuhle." Die großen Jungs hänselten uns die nächsten Tage noch und riefen  
"I-Männchen, Kaffeekännchen"
Ich bin aber diskret und werde hier nicht ihre Namen nennen. Ich bin nun wirklich nicht nachtragend.
Bernd S., Jens K. und Stefan D. werden sich bestimmt gar nicht mehr daran erinnern. 

Ein Foto von diesem wichtigen Tag wurde auch gemacht. Allerdings nicht mit meiner eigenen Schultüte (blauer Filz mit buntem Clown darauf). Fotograf Werner hatte eine rote Allround-Fotoschultüte für die Mädchen und eine blaue für die Jungen. Sommerferienbraun blinzelte ich gegen die Sonne und setze mein schönstes Ex-Kindergartenkind-Lächeln auf.

Frau Meyer im Sommer 1975

Ich war glücklich. Endlich ging es los mit dem Lesen und dem Schreiben. Meinen Namen, den meines kleinen Bruders und Mama und Papa konnte ich schon. 

Strümpfe hochziehen konnte ich offenbar nicht.

Die Kombi aus Blümchenkleid, blauen Socken und gelben Sandalen erscheint mir im Nachhinein als modisches Wagnis. Die gelben Sandalen sorgten im darauffolgenden Sommer für ein großes Hallo, als mein Vater sie mit seinem Aufsitzrasenmäher schredderte und dieser repariert werden musste.

Mein Schulranzen bestach in den Farben knallgrün und knallgelb. Einhörner, der Hase Felix, Elsa aus Frozen, Ninja Go gab es genauso wenig auf den Tornistern wie Buffets nach der Einschulung.

Stattdessen fragte ich mich den ganzen ersten Schultag lang, wann denn nun der Ernst des Lebens vorbeikommen würde, den die Erwachsenen angekündigt hatten.

Er kam aber nicht.

Allen Kindern, die heute in Nordrhein-Westfalen eingeschult wurden, wünsche ich viel Spaß beim Spielen und Lernen und Lehrer und Lehrerinnen, die euch zuhören, wenn euch etwas auf dem Herzen liegt.

Und auf diesen Ernst da braucht ihr gar nicht zu warten.
Der kommt irgendwann.
Ganz von selber.

19. Mai 2019

Runterscrollen


Ich habe es getan.
Ich habe es wieder getan.
Ein Online - Sommerrätsel gelöst, bei dem ich einen Wellness-Urlaub gewinnen kann und, wie beim Memory, Pärchen aus Palmen, Eis am Stiel, Sonnen, finden muss.
Ein gutes Training für mein Hirn.

Nachdem ich die Aufgabe gelöst habe, muss ich alle Daten angeben, auch mein Geburtsdatum. Leider darf ich das nicht selber eintippen. Nein, leider muss ich auf einen Pfeil klicken und dann scrollen...runterscrollen...weiter runterscrollen...weiter...noch weiter runterscrollen, bis endlich das Jahr 1969 erscheint.

Dieses Runterscrollen bedeutet doch nichts Anderes als dass es im wahrsten Sinne von nun an bergab geht. Oder?

Was mir merkwürdig erscheint: Kurz nach meinem 50. Geburtstag waren die Frauenzeitschriften plötzlich voll von Berichten über Frauen, die es nochmal wissen wollen, die alles hinwerfen, die sich einen neuen Job und/oder einen jüngeren Lover suchen. Frauen über 50 wissen, was sie wollen. Frauen über 50 sind totaaaaal gelassen. Frauen über 50 haben den besseren Sex.
Und in der GALA behauptet Maria Furtwängler ganz frech "50 ist das neue 30".

GALA-Ausgabe vom 04.05.2019

Das ist doch nur die halbe Wahrheit!
Wer jemals versehentlich mit seinem Smartphone ein Selfie in den frühen Morgenstunden ausgelöst hat, könnte den Verdacht hegen, dass "50 das neue 70" ist.

Selfie, unabsichtliches

Da hat das eigene Gesicht mehr Faltenwurf als ein Geburtstagsluftballon nach zwei Monaten.




Älterwerden ist kein Ponyschlecken.
Da ist diese Sache mit der Brille. Oder besser: Den Brillen.
Ich kann Buchstaben, die kleiner sind als die auf Wahlplakaten, ohne Sehhilfe  nämlich nicht mehr lesen. Das ist für einen Menschen, der sich bis vor drei Jahren selbstbewusst "Adlerauge" nannte, vermutlich schlimmer als für diejenigen, die schon auf Kindergartenfotos ein Auge zugeklebt hatten.
An mehreren Stellen muss ich Brillen deponieren, vor allem im Büro.
Sonst ist schnell mal ein Urlaub nach Lagos (Nigeria) statt nach Lagos (Portugal) gebucht.

Hören kann ich noch sehr gut.
Was nicht immer ein Segen ist.
In meinem Lieblingseiscafé sitzen selbsternannte Philosophen und Politiker.
Gerade hat einer darüber schwadroniert, wie touristisch Rio de Janeiro geworden ist.
Düsseldorf auch. Ist sehr touristisch geworden, es werden viel zu viele Hotels gebaut.
Wohingegen es in Hessen sehr schöne ursprüngliche Orte gibt. Dieser Tourismus-Kritiker hätte das seinem Kumpel ja auch in normaler Dezibel-Anzahl mitteilen können, aber EIN Zuhörer ist ihm wohl zu wenig. Genauso wie dem Mann am Tisch gegenüber, der sich über Europa und alles, was damit zu tun hat, verbal austobt.

Wenn ich hingegen etwas Wichtiges hören möchte, gibt es fiese Störungen.
Neulich in einem anderen Café saß ein wirklich attraktives Paar. Da musste ich mehrmals hinschauen und überlegen, ob ich die beiden nicht aus Funk und Fernsehen kenne. So ein Pärchen, das in eine Ralph Lauren-Werbung schafft. Oder auf die Homepage eines ROBINSON Clubs für Best Ager.

Auf jeden Fall sagt sie zu ihm: "Du brauchst mir nichts vormachen, du bist nicht ehrlich."
Und er so: "Wer hat dir das denn erzählt?"
Sie: "Das ist doch egal, das merke ich selber. Ich.. Chchchrrrrchrchrrrchchcchchchrrrr und dann hast du mir weisgemacht, dass..Chchchrrrrchrchrrrchchcchchchrrrr."
Er dann: "Jetzt komm, das stimmt doch nicht, wir hatten darüber gerede...Chchchrrrrchrchrrrchchcchchchrrrr."

Diese Kaffeevollautomaten sind doch eine echte Seuche.

Also, sehen geht inzwischen schlecht.
Hören (meistens) gut.
Wie sieht es mit der vielbeschriebenen Willensstärke von Frauen Ü50 aus?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich immer weiß, was ich will.
Aber ich weiß, was ich NICHT will. Das ist doch schon mal was.


Ich will mich zum Beispiel nicht mehr aufregen.
Das klappt leider nur selten.

Laut vor mich herschimpfen klappt hingegen wunderbar.
Es dauert nicht mehr lange und ich mutiere zur mit dem Krückstock wedelnden Omma. Dieser Entwicklung sehe ich mit großer Angst entgegen. So wollte ich niemals werden.
Ich wollte immer ein sanftmütiges Wesen mit richtiger Bauchatmung sein.

Auf dem Weg zur Sanftmut werden mir aber auch dauernd Hürden in den Weg gestellt.

Im Fitness-Studio zum Beispiel.
Da gehe ich hin, damit die Muskeln und Knochen es länger tun als ohne Sport und ich mir nicht jedes Jahr Klamotten in einer größeren Konfektionsgröße kaufen muss.

Ich bin so ziemlich die Älteste in der Muckibude mit coolem Ambiente und lauter Bum-Bum-Musik. Wäre ich gelassen, wie die BARBARA behauptet hat, würde ich leise und verständnisvoll in mich hineinschmunzeln, wenn Mädels, die meine Töchter sein könnten, die Fitnessgeräte gefühlte STUNDEN belegen und auf ihrem Smartphone herumtippen. Mein "Brauchst du noch länger?" ist die höfliche Form von "Mach hinne, sonst setzt es was", und auf diese sanftmütige Formulierung bin ich sehr stolz.
Dass ich in der Umkleide benutzte Taschentücher und Abschmink-Wattepads mit spitzen Fingern und leise Flüche murmelnd ebenso in den ein Meter entfernt stehenden Mülleimer entsorge wie Einwegrasierer und leere Shampoofläschchen aus der Dusche, mag ja noch angehen.

Aber finden Sie es normal, dass junge erwachsene Frauen, die mit einem mehrschichtigen Contouring-Make up, künstlichen Wimpern und umfassend parfümiert zum Training gehen, dem Irrglauben unterliegen, eine Toilettenbürste diene lediglich der Dekoration des "stillen Örtchens"?
Omma Meyer flucht, nutzt das Utensil gemäß seiner ursprünglich zugedachten Bedeutung und entfernt Spuren, die WC-Vorgängerinnen hinterlassen haben. "Warum?", fragt sich die geneigte Leserschaft. Nun, weil ich nicht möchte, dass MICH jemand dieser Sauerei bezichtigt.
Ist das nicht schön?
Schön blöd.

Selfie, absichtliches

Auch ärgerlich ist die rücksichtslose Nutzung des öffentlichen Raumes, nach dem Motto "Mir doch egal, ob du mit deinen drei Einkaufstüten in der Bahn stehen musst, weil ich meinen wertvollen Rucksack auf dem Nachbarsitz platziert habe". Hach ja. Generationenübergreifender Egoismus, der sich wortwörtlich breit macht. Eines meiner Lieblingsthemen.

Grmpft.

Es gibt tatsächlich Tage, da lächele ich alles weg, was mich ärgert.
So fünfzehn bis zweiundzwanzig im Jahr.
Oder ich teste mich und bin besonders freundlich zu extrem unfreundlichen Menschen.

Kaufe mir einen roten Trenchcoat, obwohl der eigentlich zu auffällig ist.
Schreibe, obwohl ich eine Schreibblockade habe.

Vielleicht ist "einfach machen" doch charakteristisch für Frauen eines gewissen Alters.

Vielleicht ist es nicht schlimm, wenn mir ab und zu ein Zacken aus der Krone bricht.

Vielleicht ist 50 das neue 50.

Und vielleicht ist das gut so.