28. Januar 2017

Von Payback-Punkten und Passwörtern


Die Welt wird immer bekloppter.
 
Um das zu begreifen, muss man keine Nachrichten schauen und über das große Ganze sinnieren, da guckt man einfach mal in seinen eigenen persönlichen Alltag.
 
Voilà:
 
„Haben Sie Ihre Payback-Karte dabei?"
 
Ich wühle in meinem Portemonnaie und irgendwo zwischen EC- und Visa-Karte, dem Weight-Watchers-Mitgliedsausweis, der Friseur-Bonuskarte, dem Gildepass für die Düsseldorfer Programmkinos, dem Abholzettel für die Reinigung und dem Ticket für die Rheinbahn finde ich die blaue Karte, mit der ich Punkte sammeln kann und halte sie der Frau an der Kasse hin.
 
Ich habe 45 Minuten Mittagspause und habe mich ausgerechnet an der Kasse mit der langsamsten Kassiererin angestellt, weil ich nicht aufgebe, ihr eine Chance zu geben. Freundlich ist sie ja. Und als ich endlich am Zug bin und die Waren über den Scanner gezogen werden, fragt mich die Kassiererin: „Möchten Sie Ihre Payback-Punkte direkt  einlösen?"
 
„Ach nö", sage ich. "Ich sammle lieber noch ein bisschen."
 
„Wenn Sie die Payback-Punkte heute einlösen, erhalten Sie Samstag zwischen 10:00 und 10:35 Uhr fünf Prozent Rabatt auf unser Weihnachtsgebäck mit Haltbarkeitsdatum bis Ende des Jahres."
 
Legen Sie mich nicht auf diese Aussage fest, jedenfalls sagt sie etwas ähnlich Kompliziertes, während ich meine Waren einpacke, damit das hier mal voran geht. Die Suche nach der Payback-Karte hat mich wertvolle fünf Minuten gekostet, die Schlange hinter mir ist not amused.
 
„Nein, danke schön."
 
„Aber wenn Sie einen Großeinkauf für Weihnachten machen, das lohnt sich doch!"
 
Herrje. Kein Wunder, dass das so lange dauert, wenn ich mittags einkaufe, nun müssen die Frauen und Männer an der Kasse einem mitten im Zahlvorgang noch irgendwelche Deals unterjubeln und fragen, ob man Punkte sammelt für die WMF-Kochtöpfe. Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, welche Vorteile diese Aktionen haben. Und Lust sowieso nicht.

Ich will bei McPaper
an der Kasse auch keinen Glitzerstift oder No-Name-Klebestifte oder Klebebänder, die zwar preiswerter sind als die Markenprodukte, mich aber später zu Hause in den Wahnsinn treiben, weil sie nicht ordentlich kleben. Ich will das alles nicht. Weil es mich und meine Mitmenschen Zeit und somit Nerven kostet. Immerhin bekomme ich auch hier ein höfliches „Nein, danke" hin. Darauf bin ich ein bisschen stolz.
 
Nach der Mittagspause geht es weiter mit dem Wahnsinn.
 
Die PCs arbeiten sehr langsam oder gar nicht. Leider kommt es so oft vor, dass die Kunden dies mit „Ach, schon wieder?" oder „Liegt das an mir, jedes Mal, wenn ich bei Ihnen bin, haben Sie technische Probleme?" kommentieren. Server runter- und hochfahren ist in Fleisch und Blut übergegangen wie Atmen. Der Zugang zum Server geht nur mit einem persönlichen Passwort, das wir aus Sicherheitsgründen sehr häufig ändern müssen.
Das mit den Passwörtern ist schwierig.
 
Es begann mit Lieblingsreisezielen, stimmungserhellenden Nomen wie Sonnenschein, Urlaub, Strand oder eigenen Spitznamen oder denen des Partners.
Das reichte aber nicht aus, um sicher zu sein.
 
Bitte nutzen Sie eine Buchstaben-Zahlen-Kombi mit mindestens 8 Zeichen, mindestens einem Großbuchstaben und einem Sonderzeichen.
 
Also benutzen wir den Vornamen der Mutter, plus der Schuhgröße des Bruders, plus einem Fragezeichen.
 
Oder den Ort in der Bretagne, der uns im Sommer so gut gefallen hat, plus dem Alter des ältesten Kindes der Kollegin, plus einem Ausrufezeichen.
 
Oder den Namen des Ortes, in dem man aufgewachsen ist, plus das Todesjahr von Steve McQueen, plus Dollarzeichen.
 
Oder das Kennzeichen des Wagens, den man von 1991 bis 1994 gefahren hat, plus die letzten sechs Stellen der Sozialversicherungsnummer.
 
Je abstruser, desto sicherer, desto besser.
 
Nun ist das Ende der Kreativitätsfahnenstange allmählich erreicht. Denn:
Bitte nutzen Sie keines der letzten 10 genutzten Passwörter. Geben Sie das Passwort erneut ein.

 
Es gibt Tage, da komme ich vor lauter Haareraufen nicht zum Tippen.
 
Wir brauchen Passwörter für den Server, das Midoffice-System, in dem wir die Vorgänge verwalten, und eines für die Zeiterfassung. Mal abgesehen von Passwörtern für das Extranet und das Bestellwesen.
Ohne den Zugang zum Server läuft gar nichts, logisch.
Fluchen, jammern, mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte hauen, bringt nichts, wie wir nach mehreren Selbstversuchen feststellen konnten.
 
Manchmal hat man den Server hochfahren können, kommt aber nicht ins Verwaltungssystem, hat dann keinen Zugriff auf die Kundendaten.
 
Die Kollegin, deren PC reibungslos läuft, wird gleichermaßen gehasst und bewundert. Gern wird mal ein „also, meiner läuft" in die Runde geflötet und ein „schön für dich" zurückgeknurrt.
Eigentlich haben wir Kolleginnen uns aber sehr lieb.

 
Deshalb helfen wir uns, wenn gar nichts mehr geht.
 
Neulich sagt Kollegin 1 zu Kollegin 2: „Ich komme hier nicht weiter. Kannst du mir mal dein Passwort sagen?"
 
Kollegin 2, die gerade eine Kundin bedient, wird ein bisschen rot und windet sich.
 
„Bitte, ich kann sonst nicht weiterarbeiten, du kannst dir doch sofort ein neues holen!"
(Passwörter an die Kollegin weitergeben ist bei Todesstrafe verboten: der Datenschutz!)
 
„Das geht jetzt nicht", zischt Kollegin 2 durch die geschlossenen Zähne Kollegin 1 zu.
 
„Ich komme beim HelpDesk nicht durch, nun hilf du mir doch bitte."
 
Kollegin 2 schreibt etwas auf einen Notizzettel und reicht ihn der verzweifelten Kollegin 1. Kollegin 1 grinst und zeigt mir den Zettel.
 
Darauf steht: AmArsch3!
 
Kein Sonnenschein15?, kein Hasimaus75%.
 
AmArsch3!
 
Ein rüder Ton hat Einzug in unsere Passwörterwelt gehalten.
Mich wundert das nicht.
 
In AmArsch3! steckt der ganze Frust der Userin. Die Systeme laufen nicht und dann sollst du dir dauernd leicht zu merkende, aber trotzdem unverwechselbare Log-ins ausdenken.
 
Als die Kundin das Büro verlässt, sagt Kollegin 2: „Ich konnte dir doch nicht das Passwort zurufen!" Kollegin 3 sagt: „Meines kann ich dir auch nicht laut sagen."
 
Kollegin 2 ändert ihr Passwort sofort.
 
Ich möchte nicht wissen, wie das neue heißt. Darf ich auch gar nicht.
 
Aber feststellen, dass die Welt immer bekloppter wird, das darf ich.

11. Dezember 2016

Toiletten-Jesus

Sonntagnachmittag auf dem Weihnachtsmarkt einer westdeutschen Großstadt.

Frau Meyer ist mit ihrer Freundin Frau Hanselmann mit dem Zug angereist, wohl wissend, dass es hier keine freien Parkplätze in der Nähe des bunten Treibens geben wird.

Der Regional-Express spuckt die Weihnachtsmarktbesucher aus, die direkt weiter ins Zentrum und zu den Buden ziehen. Es sind die üblichen Düfte, die einem eben nur zu dieser Jahreszeit in dieser Mischung in deutschen Städten in die Nase steigen. Anisbonbons, gebrannte Mandeln, Bratwürste, Glühwein. Wir bummeln in gemütlichem Tempo, schauen hier und da und gucken, was wir unbedingt kaufen müssen.

Wir fragen uns, wer unbedingt dieses Mitbringsel für seine Begleitung oder seine(n) Liebe(n) zuhause kauft?


Gibt es irgend jemanden, dem diese drüschen Lebkuchenherzen mit dem bröseligen Zuckerguss schmecken und würde sich überhaupt jemand über den Kosenamen Sexmaschine freuen? Dies stelle ich gern meinen Leserinnen und Lesern zur Diskussion. :-)

Es wird dunkel. Die Lichterdeko an den Geschäften, den Marktständen und den Bäumen funkeln bunt, besonders schön leuchtet das Herz auf dem Riesenrad. Ich liebe Kitsch!


Hunger. Nachdem wir mehrere Imbisse im Vorbeigehen inspiziert haben, entscheiden wir uns für eine Bratwurst. Die ist wirklich lecker gewürzt. Jetzt etwas trinken. Frau Hanselmann nimmt eine Cola, weil sie gleich noch fahren muss. Ich entscheide mich für weißen Glühwein. Und noch einen. Dass später unsere Gesichtsfarbe ins Grünliche changiert, hat kein bisschen mit der Qualität von Speisen und Getränken zu tun.


Nach ein paar Stunden auf dem Weihnachtsmarkt sind wir satt und zufrieden und mit ein paar Geschenken für uns selbst eingedeckt. Ab nach Hause!

Unser Zug fährt gleich. Den Zustand der meisten Nah- verkehrszugtoiletten im Hinterkopf, steuern wir vorsichtshalber das Bezahlklo im Hauptbahnhof an. Frauen gehen gern vorsichtshalber aufs Klo. Aber das wissen Sie sicher. Sie sind sogar bereit für ein halbwegs reinliches Umfeld den Wahnsinnspreis von einem Euro zu bezahlen. Man bekommt ja einen Gutschein in Höhe von fünfzig Cent zurück, den man in einigen Geschäften am Bahnhof ab einem Mindestverzehr von zwei Euro fünfzig einlösen. Mit diesen Gutscheinen kann ich mittlerweile meinen Flur tapezieren.

Wir gehen also hinunter zum Bezahlklo, da sehen wir schon die Schlange. Interessanterweise auch vor dem Herren-WC, das übrigens nur fünfzig Cent Eintritt kostet. Vielleicht lag es am günstigeren Preis, dass eine Frau dort ein Ticket gelöst hat. Versehentlich. Ihre Freundinnen stehen auf der Frauenseite und diskutieren. Die Frau, die sich vertan hat, muss mal, will und kann aber nicht bei den Männern. Die Herren, die hinter ihr eine mit Schlange mit gefüllter Blase bilden, werden unruhig. Der Mann direkt hinter ihr verlagert sein Gewicht von einem Bein auf das andere und zurück. Die Begleiterinnen warten vor dem Damen-WC, da geht es also auch nicht weiter. Eine hat eine Idee und spricht den unruhigen Mann an, der anfängt zu moppern. Ob es denn nicht mal endlich voran gehe. 

"Geben Sie meiner Freundin doch die fünfzig Cent und gehen Sie dann durch."
Dem Mann ist das Blut aus dem Hirn irgendwo anders hin gerutscht. Er kapiert nur Bahnhof.
"Na klar. Sie schmeißen das Geld in den falschen Automaten und ich soll Ihnen das wiedergeben."
"Ja", sagt die Falschbezahlerin, "aber Sie müssten doch sowieso zahlen."
"Ja", rufe ich, weil ich mich gern einmische, vor allem dann, wenn sich dadurch auch meine Situation verbessert, "Sie müssten die fünfzig Cent doch eh zahlen."
Auch die Freundinnen reden mit glühweingetränkten Stimmen auf den Mann ein. 

Es erscheint die Klofrau, die eigentlich ein Mann von wohl südosteuropäischer oder arabischer Herkunft ist und fragt, was denn hier los sei. Ziemlich laut fragt er das. Inzwischen entsteht ein kleiner Tumult auf der Herrenseite des Bezahlklos. Der Mann, dem sein eigener Urin inzwischen in den Augen steht, rückt erst die fünfzig Cent raus, nachdem ihm seine Geschlechtsgenossen aus der Schlange versichert haben, dass er hier nicht gnadenlos über den Tisch gezogen wird.
Es geht vorwärts.

Der Klowart lässt einen für mich fast schon als historisch zu bewertenden Satz los:
"Ihr Frauen seid alle Bestien!" 
Jetzt wird die Damenschlange unruhig.
"Wie bitte?"
"Was haben Sie da gesagt?"
Und ich so: "Das ist ja wohl ein Scherz. Die, die gemeckert haben, waren die Herren hier nebenan. Und der eine hat nicht kapiert, dass er auch zahlen muss. Ach so, wieso zahlen die Männer eigentlich nur fünfzig Cent?" (Habe keine Zeit für diese Diskussion, der Zug fährt gleich und ich verlagere inzwischen auch mein Gewicht von einem Bein auf das andere)
"Ihr Frauen seid wirklich alle Bestien! Das hat meine Mama mir schon gesagt, als ich noch ein kleiner Junge war. Dass ihr Frauen alle Bestien seid!"
Der Klomann rennt auf und ab, als müsste er selbst mal dringend. Dabei steht er auf der Innenseite.

Nun würde ich die Mutti vom Klomann gern zur Rede stellen, ihr sagen, dass sie keinen wirklich glücklichen Beitrag zum Miteinander von Mann und Frau und auch zum Miteinander von Deutschen und Einwanderern geleistet hat. Leider ist sie gerade nicht hier, sondern macht wahrscheinlich etwas Sinnvolles. Putzen, kochen oder ihrem Mann die Füße. 

Endlich geht es voran. Frau Hanselmann und ich dürfen durch die Schranke zu den WCs gehen. Als wir den Toilettenwart passieren, ruft er: "Ich bin der Toiletten-Jesus. Ich bin hier der Toiletten-Jesus." Ob es sich um eine plötzliche Erleuchtung oder eine Machtdemonstration des Herrn im weißen Kittel handelt, vermag ich nicht zu sagen.

Ich bin, was selten vorkommt, sprachlos, verspüre jedoch, während ich die Klobrille mit diesem Desinfektionszeug abwiener, einen als Lachkrampf einzuordnendes Beben in der Zwerchfellgegend. 

Vielleicht ist in den Reinigungsmitteln doch irgend etwas drin und auf den Flaschen steht ein mit einem Totenkopf gekennzeichneter Hinweis:

"Das Einatmen der Dämpfe, die dieser Flüssigkeit entsteigen, führt unweigerlich zu Größenwahn."

Auf der Rückfahrt bin ich höchst zufrieden mit dem Weihnachtsmarkt-Erlebnis. Die Frau Hanselmann auch. Düfte, Lichter, Bratwurst, Glühwein, selbstgekaufte Gewürze. Und ein durchgeknallter Jesus auf dem Bezahlklo.

Es ist immer gut, wenn etwas Unerwartetes passiert.

Worüber sollte ich sonst schreiben?

:-)


 


22. November 2016

Follow you, follow me

Es ist gar nicht so einfach, Menschen für seinen Schreibblog zu begeistern. Oder sie sind begeistert, geben ihrer Begeisterung aber keinen Ausdruck.
Eventuell mündlich in einem persönlichen Gespräch, worüber ich mich sehr freue.
Oder durch einen Facebook-Kommentar, jedoch selten im Blog direkt. Dabei würde mich das noch mehr motivieren und die ganze Chose beleben. Genau wie viele Follower.

Es wäre ein Leichtes, viele Leser zu bekommen, vor allem männliche, wenn ich einfach den privaten Emailaustausch mit meiner ebenfalls bloggenden Freundin Pia Ersfeld veröffentlichen würde. Dies erlaube ich mir aber nicht.
Daten- und Jugendschutz, Sie verstehen. ;-)
Die Eltern lesen mit.
Hallo, Mama.

Um noch einmal auf die Follower zurück zu kommen, zitiere ich hier doch kurz meine liebe Freundin Pia in einer Mail von neulich:

Liebes, genieße gerade Deine schönen neusten Geschichten. Da fiel mein Blick auf Dein Google-Follower-Dingens. Sag mal, hast Du mal irgendwann ein Nacktfoto gepostet oder warum sind da fast nur Männer? ;-) Die Frau Meyer, hihi.

Oh.

Da musste ich doch einmal nachsehen, und tatsächlich: Nur Herren. Ein paar bekannte und von mir sehr geschätzte Jungs, die ich persönlich kenne, aber auch sehr viele mit englischen Namen. William, John, Henry, Godwin.
Ich gucke mir auf blogger.com die Publikumsstatistik an, also die Länder, aus denen auf meinen Blog zugegriffen wird.

Das Ergebnis ist erstaunlich.


Zunächst dachte ich, dass vielleicht das eine oder andere Goethe-Institut anhand meines im *räusper* einwandfreien Deutsch formulierten Blogs meine Muttersprache erlernt. Oder dass sich die Männer, die sich auf Google + in Soldatenuniformen präsentieren, an ihrem Einsatzort langweilen und meine Geschichten zum Zeit- vertreib lesen.

Nennen Sie mich naiv.

Mein Bruder fragte mich, ob ich schon mal was von Love Scamming oder Romance Scamming gehört hätte.
Hatte ich, doch was sollte das mit mir zu tun haben?
Nun gut, ich habe in meinen Blog kein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Single bin. Und über Facebook hatte ich merkwürdige Freundschaftsanfragen von Männern mit englischen Männernamen in Uniformen oder mit Kindern auf dem Profilbild erhalten.

Zufällig liefen in den letzten Wochen und Monaten TV-Berichte wie Um Geld und Gefühle betrogen im ZDF oder in der Aktenzeichen XY-Sondersendung zum Thema Betrug, in der von einer Frau berichtet wurde, die letzten Endes 100.000 Euro an eine ihr unbekannte männliche Bekanntschaft überwiesen hat. Ich gebe zu, dass ich in dem einen oder anderen Fall ehrlich dachte: "Wie kann man nur so blöd sein?", die Methoden der Love bzw Romance Scammer sind aber offenbar extrem perfide.

Organisierte westafrikanische Banden ("Nigeria-Connection") kontaktieren mit Fake-Accounts und geklauten Fotos einsame und bindungswillige Frauen über Facebook oder Singlebörsen. Und weil wir Frauen nach längerer emotionaler und körperlicher Durststrecke empfänglich für Komplimente von smarten Herren sind, läuft das miese Geschäft so gut.

Auch das Netz ist voll von traurigen Geschichten und Artikeln, die vor den sogenannten Scammern warnen, ich verweise hier sehr gern auf den Link der Polizeiberatung.

Ebenfalls sehr lesenswert ist der Blog zu diesem Thema von der freien Kommunikationsdesignerin und Texterin Victoria Schwartz, die ebenfalls Opfer eines Romance Scammers wurde und nun anderen Opfern beratend zur Seite steht.

Ich werde sicher einige Follower verlieren, wenn ich sage, dass es bei mir absolut gar nix zu holen gibt. Weder Geld, noch mein Herz.

Dear William, dear John, dear Henry, dear Godwin, dear whoever,

I am sorry to say that there is no money I could send you.
Do not even dare to ask me!
I hope and I am sure that every fake account creator and user will be punished somehow someday.

Or to say it in German


Über Follower, die meine Geschichten schätzen und kommentieren, freue ich mich weiterhin.

Siehe oben.
:-)

















16. Oktober 2016

Smartphonefrei auf Norderney

"Da kann sich einer den Kopf dran stoßen."

Der Opa nörgelt nur noch ein bis zwei Mal wegen des für Mitreisende gefährlich verstauten Rollators. Dann gibt er auf. Während der Rest der Familie Karten spielt, unterhält er sich mit einem Ehepaar, das mit ihm den Tisch im Großraumwagen des Intercity teilt.

"Ja, ich war schon Mal auf Norderney. Ist aber schon ein Weilchen her. Nach´m Kriech haben se mich da hoch geschickt, damit ich ein paar Pfunde zulege. War schön da, gute Luft. Und das Meer!"

Mir fällt ein, dass Norderney in meiner Grundschulzeit das Ziel einer von uns Knirpsen sehr gefürchteten Kinderlandverschickung war. Gruselige Geschichten über Kinderheime, Heimwehtränen, ungenießbares, nur der Mast von mageren Kindern dienendem Essen kursierten auf dem Pausenhof. "Heike war in den Sommerferien auf Norderney", flüsterten wir uns zu, während wir versuchten, Veränderungen an der Mitschülerin festzustellen. Hatte man sie zum Essen gezwungen? Hatte man ihren Willen gebrochen? Norderney regte unsere Phantasie an. Es war Guantanamo und Alcatraz in einem. Oder zumindest das, was Frankfurt für Alm Öhis Enkelin Heidi bedeutete. Ich war heilfroh, dass ich nie dorthin musste.

Und jetzt freue ich mich auf die Insel. Der Zug fährt durch plattes Land, hinter Münster dominiert der rote Backstein, die Häuser werden immer putziger. Aufgeräumte Gärten. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Inzwischen bin ich so entspannt, dass ich die Gespräche um mich herum ausblenden kann. Weil ich mein Smartphone zuhause vergessen habe, bleibt mir noch mein Buch, Der Distelfink, in das ich mich bereits nach den ersten gelesenen Seiten verliebe. Vor allem in den dreizehnjährigen Theo Decker, die Hauptfigur des Romans.

Am Rande der Park Avenue standen Kolonnen von roten Tulpen in Habtachtstellung, als wir vorbeijagten. Bollywood Pop - zu einem leisen, beinahe unterschwelligen Wimmern heruntergedreht - glühte in hypnotisierenden Spiralen an der Schwelle meines Gehörs.

Ich lese eine derartig feine, sensible Sprache voller Freude und gleichzeitiger Demut. Donna Tartt schreibt so wunderbar, dass ich das Buch nicht weglegen und gleichzeit sofort und für immer mit dem Schreiben aufhören möchte. Niemals wird mir solch ein Werk gelingen, und während mein Zug durch Leer fährt, werde ich melancholisch. Diese Stimmung hält auch auf der Fähre an. Um mich herum lauter Familien oder Paare. Ich nehme an einem Tisch Platz, eine Bedienung nimmt die Bestellung auf. Meine Seele verlangt nach Kakao mit Sahne. Den zahlen übrigens meine Mitreisenden, denn kurz bevor wir im Norderneyer Hafen ankommen, gehe ich an Deck und mache mit meiner in letzter Zeit vernachlässigten Kamera Fotos. Nun, da mein Smartphone in Düsseldorf liegt (hatte ich schon erwähnt, oder?), kommt sie endlich wieder zum Einsatz. Ich lasse mir die steife Brise um die Nase wehen und vergesse, den Kakao zu bezahlen.




Zwei Tage später treffe ich in der Weißen Düne eine Dame aus Mettmann, die die Rechnung übernommen hat. Sie möchte auf gar keinen Fall das Geld zurück haben. Ich glaube, Inseln machen Menschen großzügig. Vor allem Nordseeinseln. 

Nachdem ich meine seit zehn Tagen urlaubende Mutter in die Arme geschlossen habe, zeigt sie mir, wo es überall schön ist. Aus der einfachen Pension, in der wir vor vierundvierzig Jahren einen Urlaub verbracht haben und an die ich mich überhaupt nicht erinnern kann, ist ein stylishes Hotel mit Restaurant geworden.

 

"Ich muss jeden Tag mindestens einmal ans Meer", erzählt mir meine Mutter. Ich selbst bin nur drei Tage hier und - klar - ans Meer muss ich auch. Gerade im Herbst wechselt das Licht, der Strand sieht ständig anders aus. 





Wir trinken einen Tee im Café Marienhöhe, genießen die Aussicht auf vorbeifahrende Schiffe. Draußen regnet es.


Und wie im richtigen Leben, folgt auch an der See auf Regen Sonnenschein.








Ich atme tief durch, wie man es nur an der See kann.  
Sehr wahrscheinlich ziehe ich hierhin.
Oder komme wieder zum Urlaub machen her.

Mal sehen.



Roman Der Distelfink Donna Tartt 
Goldmann Verlag  ISBN 978-3-442-47360-1

Fotos ©  Britta Meyer












 


 



 

13. Oktober 2016

Nicht mein Tag

Ich stehe am Gleis und warte auf die U79 zum Hauptbahnhof. Reise für drei Tage nach Norderney, meine Mutter macht dort Urlaub, ich möchte sie besuchen.
Ein Blick auf die große Uhr. Mich trifft fast der Schlag. Es ist eine Stunde später als ich dachte. Ich habe meinen Wecker falsch gestellt, es ist halb 9, nicht halb 8, auf der Uhr am gegenüberliegenden Gleis genauso. Als ich gerade losheulen möchte, weil ich eine Fähre ohne Frau Meyer an Bord von Norddeich Mole zur Insel übersetzen sehe, sagt eine Frau:
"Sie haben bestimmt auch gedacht, Sie hätten verschlafen. Die Uhr hier oben geht eine Stunde vor. Es ist erst halb 8." Ich atme tief durch. Wach bin ich jetzt jedenfalls.

Am Hauptbahnhof gehen auch alle Uhren genau eine Stunde vor. Ich möchte das fotografieren. Bahnhofsuhr versus Armbanduhr. Das Ganze auf Facebook, Überschrift: Bluthochdruck. Wühle in meinem Rucksack nach meinem Smartphone. Finde es nicht. Ist normal, ich finde nie etwas in Taschen und Rucksäcken. Wühle weiter, finde das Smartphone immer noch nicht. Bekomme Panik, als hätte ich ein lebenswichtiges Medikament zuhause vergessen. Das Lustig-Foto mit der Uhr ist piepegal, aber wie wird meine Mutter reagieren, wenn ich auf ihre Whatsapp nicht antworte? Nach Hause fahren und das Smartphone holen liegt nicht mehr in der Zeit. Die Fähre führe ohne mich, das geht nicht. Eine junge Frau, die ihr Smartphone bearbeitet, bitte ich, die Telefonnummer von Mamas Hotel zu googlen. Schreibe sie auf den Fahrkarten-Umschlag. Finde tatsächlich einen guten alten Münzfernsprecher, um den nicht vertrauenserweckende Gestalten herumschleichen. Möchte den Hörer mit Sagrotan besprühen, denke jedoch daran, dass ich meine Mutter schnell erreichen muss und wähle. "Herzlich willkommen in der Reservierungszentrale der Michels Hotels, Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Sie erreichen uns montags bis freitags..". Ich lege auf, 1 Euro ist weg. Habe noch fünfzig Cent Kleingeld. Was tun? Mein Zug fährt gleich los. Ich rufe meine Tante an, deren Festnetznummer habe ich im Kopf. Habe keine Zeit, höflich zu sein und bitte sie, meiner Mutter eine Whatsapp zu schicken, dass ich mein Smartphone nicht dabei habe und sie um fünfzehn Uhr an der Rezeption ihres Hotels treffen werde.


Kaufe mir bei Ida & Frida ein gesundes Brötchen und am Gleis einen Cappuccino. Streue Zimt drauf. Zimt ist gut für die Nerven. Schaue auf meine Platzreservierung. Wagen 3, Platz 71. Dort richtet sich gerade ein Ehepaar gemütlich ein.


"Entschuldigung (warum entschuldigen sich Frauen immer?), ich glaube, das hier ist mein Platz", sage ich,  durchaus freundlich, während ich umständlich den Reservierungsbeleg aus meinem Rucksack nestele. 

"Nein, wir haben hier reserviert", antwortet die Frau. "Wagen 2, Platz 71 und 73."
"Dies hier ist Wagen 3", freue ich mich und zeige auf die Wagennummer. Das Paar entfernt widerwillig seine Jacken und Taschen.
Möchte meiner Freundin den chaotischen Tagesbeginn per Whatsapp mitteilen. Geht nicht. Das Smartphone liegt zuhause.

Stattdessen und mit freudiger Erwartung wende ich mich meiner Urlaubslektüre zu, die ich jungfräulich (das Buch, nicht ich) mit auf Reisen genommen habe. Der Distelfink von Donna Tartt. Atme wieder tief durch, nehme einen Schluck Cappuccino und beginne zu lesen. Komme aber nur bis zur Widmung.


Für Mutter, für Claude.


Eine gerade zugestiegene Familie lenkt mich ab. Oma, Opa, Mutter, zwei Kinder in der Pubertät. Es wird über die Platznummern orakelt. 

"Nein, wir sitzen hier, steht doch hier 88, 86, 84, 82 und drüben die 81. Nein, nein, bleiben Sie sitzen, wir sitzen hier, nur einer von uns sitzt neben ihnen."
Koffer werden hochgewuchtet, ein Rollator ganz oben drauf gelegt.
Dem Opa gefällt das nicht.
"Da kann sich einer den Kopf dran stoßen."
"Nun setz dich, der Rollator ist festgeklemmt."
"Ja, aber da kann sich einer den Kopf dran stoßen."
Die Mutter verteilt Brötchen.
"Wir essen alle Brötchen, nur Mama isst immer Brot."
"Da kann ich sich einer den Kopf dran stoßen."
"Hier, vegetarische Fleischwurst."
"Mama isst immer nur Brot. Warum isst du keine Brötchen?"
"Können wir Skip-Bo spielen?"
"Da kann sich einer den Kopf dran stoßen."

Bessere Dialoge hätte Loriot sich auch nicht ausdenken können.


Und wir sind erst in Duisburg.