25. November 2019

Backen mit Frau Meyer

Sagen Sie mal, geht es Ihnen auch so wie mir? 
Das Thema Backen interessiert mich während des Jahres nicht. In Sendungen mit Enie van de Meiklokjes, in denen aus zentimeterdickem Fondant und Unmengen Lebensmittelfarbe, Teig, Buttercreme und Fimo-Knete Torten gestaltet werden, die die Lebensgeschichte des Bäckers darstellen, zappe ich allerhöchstens mal kurz rein.
Ich kann nur Marmorkuchen, Käsekuchen und "Gestürzter Herbstapfel", mein all time favourite Kuchenrezept aus der BRIGITTE.

In der Vorweihnachtszeit allerdings, da versuche ich mich an selbstgebackenen Plätzchen, wühle mich on- und offline durch Rezepte, die möglichst nicht mehr als drei bis vier Zutaten aufweisen. Auf einer Low Carb Rezepte-Seite im Netz finde ich Plätzchen, die einfach und lecker klingen. Eine der Hauptzutaten ist Mandelmehl. Das bekomme ich im ganz normalen Supermarkt nicht. 

Im Backzutaten-Gang vom Bio-Supermarkt kneife ich die Augen mangels Brille zusammen, um mich zu vergewissern, dass der Preis, den ich auf Anhieb zu erkennen glaube, auch stimmt. Ich taumele. Low carb ist nicht low budget. Da kann ich mein Gebäck gleich bei Heinemann kaufen. Dann wäre aber kein Schweiß von Frau Meyer in den Plätzchen, und darum geht es ja. Ums Selbermachen.
Neben dem Mandelmehl steht Hanfmehl. Das kostet nur die Hälfte und ist laut Aufdruck  REICH AN PROTEIN, also auch low carb, das nehme ich.

Zuhause stelle ich fest, dass Hanf eine Pflanze ist. Der Teig wird graugrün. Und der Blaumohn macht das Ganze auch nicht appetitlicher. 
Ich hatte mir von Mohn und Hanf eine stimmungserhellende Wirkung versprochen. Meine Stimmung erhellt sich nicht. 
Das da vor mir auf dem Blech sieht aus wie der Inhalt einer Babywindel nach übermäßigem Verzehr von Rahmspinat. 
Und was reimt sich auf backen?

Hauptsache gesund!



Ich habe als Kind das Ausschlecken der Schüssel bei Tante Hedwig geliebt. Durch die Mühle quoll der Teig für das Spritzgebäck, wurde zum S geformt und später das eine Ende in dunkle Schokolade getaucht. Meine Patentante macht großartige Plätzchen, mehrstöckige mit Konfitüre, und Kipferl. Wenn ich Glück habe, bekomme ich auch in diesem Jahr wieder eine Dose mit einer "Best of Hedwig" Auswahl an Selbstgebackenem.
Aber erst einmal will ich meinen Keksen noch eine Chance geben. Ich schiebe das Blech in den vorgeheizten Ofen und stelle den Timer auf 20 Minuten. Bereits nach fünf Minuten schmilzt mein Vertrauen in mein Backerzeugnis dahin.

Mmmmmmh.

Meine Weihnachtsplätzchen erinnern mich an die Hinterlassenschaften von Almkühen, die ich im Sommer weiträumig umwandert hatte.
Und weitere zehn Minuten später wächst zusammen, was nicht zusammen gehört.


Jetzt sagen Sie völlig zu Recht: 
"Ist doch egal! Hauptsache, es schmeckt."
Ich habe gerade Teile dieses ausufernden Gebäcks probiert. 
Es schmeckt nicht. 
Gar nicht. 
Überhaupt nicht.

Das Rezept sollte wie folgt ergänzt werden:
Man nehme die Plätzchen aus dem Ofen, lasse Sie auf dem Blech abkühlen, wickele sie anschließend in das Backpapier und werfe sie in den Restmüll.
So habe ich es jedenfalls gemacht.

Um wirklich leckeres selbstgebackenes Weihnachtsgebäck genießen zu können, muss ich womöglich bis Anfang Dezember warten.
Dann überreicht mir meine Cousine an einem geheimen Ort in Köln ein Paket. 
Das Plätzchen-Care-Paket meiner Tante Hedwig. 

Auf irgend etwas im Leben muss man sich doch verlassen können.

:-)




 

29. August 2019

Mein erster Schultag



Noch wenige freie Plätze für das Einschulungsbuffet!

Ich dachte, mich haut es vom Fahrrad, als ich neulich mit meiner Mutter eine Tour machte und dieses Schild am Eingang eines Hotel-Restaurants las.

1975 gab es kein Einschulungsbuffet.
Auch nicht im Hotelbetrieb meiner Eltern.
Die waren im Dauerstress, mein Vater hatte noch nicht einmal Zeit, mich zu meiner Einschulung zu begleiten.
Der musste Zwiebeln schälen und Saucen ansetzen.
Meine Mutter war in der Lage, aus Ihrem Kittel in ein schickes blau-weiß gestreiftes Kleid zu hüpfen, mir meine mit vielen Süßigkeiten und Buntstiften gefüllte Schultüte in die Arme zu drücken und mit mir in das Evangelische Gemeindezentrum zur Einschulungsfeier zu gehen.

War das aufregend. 
Stolz trug ich meine Tüte herum, Trophäe und Zeichen, dass ich nun ein echtes Schulkind war. Ich winkte meinen Freundinnen zu. Zum Glück war ich nicht allein hier und kannte schon einige Kinder.

Die Großen, also die Zweitklässler, sangen ein schmissiges Lied zur Begrüßung. "Montags um 8, um 8, um 8, da sind wir in der Schule, dort rutschen wir um 8, um 8, um 8 auf unserem Wackelstuhle." Die großen Jungs hänselten uns die nächsten Tage noch und riefen  
"I-Männchen, Kaffeekännchen"
Ich bin aber diskret und werde hier nicht ihre Namen nennen. Ich bin nun wirklich nicht nachtragend.
Bernd S., Jens K. und Stefan D. werden sich bestimmt gar nicht mehr daran erinnern. 

Ein Foto von diesem wichtigen Tag wurde auch gemacht. Allerdings nicht mit meiner eigenen Schultüte (blauer Filz mit buntem Clown darauf). Fotograf Werner hatte eine rote Allround-Fotoschultüte für die Mädchen und eine blaue für die Jungen. Sommerferienbraun blinzelte ich gegen die Sonne und setze mein schönstes Ex-Kindergartenkind-Lächeln auf.

Frau Meyer im Sommer 1975

Ich war glücklich. Endlich ging es los mit dem Lesen und dem Schreiben. Meinen Namen, den meines kleinen Bruders und Mama und Papa konnte ich schon. 

Strümpfe hochziehen konnte ich offenbar nicht.

Die Kombi aus Blümchenkleid, blauen Socken und gelben Sandalen erscheint mir im Nachhinein als modisches Wagnis. Die gelben Sandalen sorgten im darauffolgenden Sommer für ein großes Hallo, als mein Vater sie mit seinem Aufsitzrasenmäher schredderte und dieser repariert werden musste.

Mein Schulranzen bestach in den Farben knallgrün und knallgelb. Einhörner, der Hase Felix, Elsa aus Frozen, Ninja Go gab es genauso wenig auf den Tornistern wie Buffets nach der Einschulung.

Stattdessen fragte ich mich den ganzen ersten Schultag lang, wann denn nun der Ernst des Lebens vorbeikommen würde, den die Erwachsenen angekündigt hatten.

Er kam aber nicht.

Allen Kindern, die heute in Nordrhein-Westfalen eingeschult wurden, wünsche ich viel Spaß beim Spielen und Lernen und Lehrer und Lehrerinnen, die euch zuhören, wenn euch etwas auf dem Herzen liegt.

Und auf diesen Ernst da braucht ihr gar nicht zu warten.
Der kommt irgendwann.
Ganz von selber.

19. Mai 2019

Runterscrollen


Ich habe es getan.
Ich habe es wieder getan.
Ein Online - Sommerrätsel gelöst, bei dem ich einen Wellness-Urlaub gewinnen kann und, wie beim Memory, Pärchen aus Palmen, Eis am Stiel, Sonnen, finden muss.
Ein gutes Training für mein Hirn.

Nachdem ich die Aufgabe gelöst habe, muss ich alle Daten angeben, auch mein Geburtsdatum. Leider darf ich das nicht selber eintippen. Nein, leider muss ich auf einen Pfeil klicken und dann scrollen...runterscrollen...weiter runterscrollen...weiter...noch weiter runterscrollen, bis endlich das Jahr 1969 erscheint.

Dieses Runterscrollen bedeutet doch nichts Anderes als dass es im wahrsten Sinne von nun an bergab geht. Oder?

Was mir merkwürdig erscheint: Kurz nach meinem 50. Geburtstag waren die Frauenzeitschriften plötzlich voll von Berichten über Frauen, die es nochmal wissen wollen, die alles hinwerfen, die sich einen neuen Job und/oder einen jüngeren Lover suchen. Frauen über 50 wissen, was sie wollen. Frauen über 50 sind totaaaaal gelassen. Frauen über 50 haben den besseren Sex.
Und in der GALA behauptet Maria Furtwängler ganz frech "50 ist das neue 30".

GALA-Ausgabe vom 04.05.2019

Das ist doch nur die halbe Wahrheit!
Wer jemals versehentlich mit seinem Smartphone ein Selfie in den frühen Morgenstunden ausgelöst hat, könnte den Verdacht hegen, dass "50 das neue 70" ist.

Selfie, unabsichtliches

Da hat das eigene Gesicht mehr Faltenwurf als ein Geburtstagsluftballon nach zwei Monaten.




Älterwerden ist kein Ponyschlecken.
Da ist diese Sache mit der Brille. Oder besser: Den Brillen.
Ich kann Buchstaben, die kleiner sind als die auf Wahlplakaten, ohne Sehhilfe  nämlich nicht mehr lesen. Das ist für einen Menschen, der sich bis vor drei Jahren selbstbewusst "Adlerauge" nannte, vermutlich schlimmer als für diejenigen, die schon auf Kindergartenfotos ein Auge zugeklebt hatten.
An mehreren Stellen muss ich Brillen deponieren, vor allem im Büro.
Sonst ist schnell mal ein Urlaub nach Lagos (Nigeria) statt nach Lagos (Portugal) gebucht.

Hören kann ich noch sehr gut.
Was nicht immer ein Segen ist.
In meinem Lieblingseiscafé sitzen selbsternannte Philosophen und Politiker.
Gerade hat einer darüber schwadroniert, wie touristisch Rio de Janeiro geworden ist.
Düsseldorf auch. Ist sehr touristisch geworden, es werden viel zu viele Hotels gebaut.
Wohingegen es in Hessen sehr schöne ursprüngliche Orte gibt. Dieser Tourismus-Kritiker hätte das seinem Kumpel ja auch in normaler Dezibel-Anzahl mitteilen können, aber EIN Zuhörer ist ihm wohl zu wenig. Genauso wie dem Mann am Tisch gegenüber, der sich über Europa und alles, was damit zu tun hat, verbal austobt.

Wenn ich hingegen etwas Wichtiges hören möchte, gibt es fiese Störungen.
Neulich in einem anderen Café saß ein wirklich attraktives Paar. Da musste ich mehrmals hinschauen und überlegen, ob ich die beiden nicht aus Funk und Fernsehen kenne. So ein Pärchen, das in eine Ralph Lauren-Werbung schafft. Oder auf die Homepage eines ROBINSON Clubs für Best Ager.

Auf jeden Fall sagt sie zu ihm: "Du brauchst mir nichts vormachen, du bist nicht ehrlich."
Und er so: "Wer hat dir das denn erzählt?"
Sie: "Das ist doch egal, das merke ich selber. Ich.. Chchchrrrrchrchrrrchchcchchchrrrr und dann hast du mir weisgemacht, dass..Chchchrrrrchrchrrrchchcchchchrrrr."
Er dann: "Jetzt komm, das stimmt doch nicht, wir hatten darüber gerede...Chchchrrrrchrchrrrchchcchchchrrrr."

Diese Kaffeevollautomaten sind doch eine echte Seuche.

Also, sehen geht inzwischen schlecht.
Hören (meistens) gut.
Wie sieht es mit der vielbeschriebenen Willensstärke von Frauen Ü50 aus?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich immer weiß, was ich will.
Aber ich weiß, was ich NICHT will. Das ist doch schon mal was.


Ich will mich zum Beispiel nicht mehr aufregen.
Das klappt leider nur selten.

Laut vor mich herschimpfen klappt hingegen wunderbar.
Es dauert nicht mehr lange und ich mutiere zur mit dem Krückstock wedelnden Omma. Dieser Entwicklung sehe ich mit großer Angst entgegen. So wollte ich niemals werden.
Ich wollte immer ein sanftmütiges Wesen mit richtiger Bauchatmung sein.

Auf dem Weg zur Sanftmut werden mir aber auch dauernd Hürden in den Weg gestellt.

Im Fitness-Studio zum Beispiel.
Da gehe ich hin, damit die Muskeln und Knochen es länger tun als ohne Sport und ich mir nicht jedes Jahr Klamotten in einer größeren Konfektionsgröße kaufen muss.

Ich bin so ziemlich die Älteste in der Muckibude mit coolem Ambiente und lauter Bum-Bum-Musik. Wäre ich gelassen, wie die BARBARA behauptet hat, würde ich leise und verständnisvoll in mich hineinschmunzeln, wenn Mädels, die meine Töchter sein könnten, die Fitnessgeräte gefühlte STUNDEN belegen und auf ihrem Smartphone herumtippen. Mein "Brauchst du noch länger?" ist die höfliche Form von "Mach hinne, sonst setzt es was", und auf diese sanftmütige Formulierung bin ich sehr stolz.
Dass ich in der Umkleide benutzte Taschentücher und Abschmink-Wattepads mit spitzen Fingern und leise Flüche murmelnd ebenso in den ein Meter entfernt stehenden Mülleimer entsorge wie Einwegrasierer und leere Shampoofläschchen aus der Dusche, mag ja noch angehen.

Aber finden Sie es normal, dass junge erwachsene Frauen, die mit einem mehrschichtigen Contouring-Make up, künstlichen Wimpern und umfassend parfümiert zum Training gehen, dem Irrglauben unterliegen, eine Toilettenbürste diene lediglich der Dekoration des "stillen Örtchens"?
Omma Meyer flucht, nutzt das Utensil gemäß seiner ursprünglich zugedachten Bedeutung und entfernt Spuren, die WC-Vorgängerinnen hinterlassen haben. "Warum?", fragt sich die geneigte Leserschaft. Nun, weil ich nicht möchte, dass MICH jemand dieser Sauerei bezichtigt.
Ist das nicht schön?
Schön blöd.

Selfie, absichtliches

Auch ärgerlich ist die rücksichtslose Nutzung des öffentlichen Raumes, nach dem Motto "Mir doch egal, ob du mit deinen drei Einkaufstüten in der Bahn stehen musst, weil ich meinen wertvollen Rucksack auf dem Nachbarsitz platziert habe". Hach ja. Generationenübergreifender Egoismus, der sich wortwörtlich breit macht. Eines meiner Lieblingsthemen.

Grmpft.

Es gibt tatsächlich Tage, da lächele ich alles weg, was mich ärgert.
So fünfzehn bis zweiundzwanzig im Jahr.
Oder ich teste mich und bin besonders freundlich zu extrem unfreundlichen Menschen.

Kaufe mir einen roten Trenchcoat, obwohl der eigentlich zu auffällig ist.
Schreibe, obwohl ich eine Schreibblockade habe.

Vielleicht ist "einfach machen" doch charakteristisch für Frauen eines gewissen Alters.

Vielleicht ist es nicht schlimm, wenn mir ab und zu ein Zacken aus der Krone bricht.

Vielleicht ist 50 das neue 50.

Und vielleicht ist das gut so.





20. Dezember 2018

Laub - Ein Herbsttext

Mein Beitrag zum Kurzgeschichten Wettbewerb der Mayerschen Buchhandlung Friedrichstraße.
Thema HERBST
Vorgabe: Maximal 200 Wörter

Laub

Sie haben ihn gefunden.
Schräg gegenüber, vor dem gelben Haus mit Vorgarten, stehen Polizei und ein Notarztwagen. Auf dem feuchten Kopfsteinpflaster zucken die Blaulichter.

Der Sakowski zuckt nicht mehr. Er ist tot.
Durch mein Küchenfenster kann ich sie alle sehen.
Polizisten, Sanitäter, eine Ärztin, die mit dem Kopf schüttelt.
"Da kann man nichts mehr machen", wird sie sagen. Die Frau vom Sakowski geht in die Knie und heult.

Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee und lehne meine Stirn gegen die Scheibe. Ein BMW fährt vor. Zwei Männer steigen aus, beide tragen Trenchcoats.
Sie unterhalten sich mit einem Polizisten und drehen sich dann beide um. Gucken genau in meine Richtung. Sofort husche ich zur Seite. Sie sollen mich nicht sehen. Ich setze mich auf einen Küchenstuhl und nehme mir einen von den Schokokeksen.

Jeden verdammten Tag hat er das Laub vom Bürgersteig vor seinem Haus weggeblasen mit diesem dröhnenden Ungetüm. Kleine Wirbelstürme goldener Blätter landeten am Straßenrand. Der Wind wehte sie wieder zurück.


Meine Migräne quälte mich. Sakowski schmiss den Laubbläser an.

Wir hatten Streit deswegen. Seit Wochen.
Seit eben ist es ruhig.

21. März 2018

Dumm knipst gut

Freie Plätze in öffentlichen Verkehrsmitteln sind auch nach vielen, vielen Jahren U-Bahnfahren für mich ein Grund zur Freude. 
So wie gestern.
Neben mir sitzen zwei jugendliche Menschen, ein Mann und eine Frau. Sie stöhnt, dass sie keinen Bock auf die Uni hat, die Vorlesungen fucken sie total ab, Alter. Während sie sich beklagt, zwirbelt sie mit den Fingern in ihrem glänzenden dunklen Haar herum. Perfekt geschminkt, sehr schlank. Für ihren Pullover haben einige Polyester ihr Leben lassen müssen. Aus ihrer Richtung dringt strenger Schweißgeruch in meine Nase. 

Dies hält den jungen Herrn nicht davon ab, ihr seine mit Lustigkeit getarnten Hormone zu präsentieren. Sie lacht aber nicht, sie fläzt sich lieber in ihren U-Bahn-Sitz, macht ein Schmollmündchen und ein Selfie von schräg oben. "Ey, Alter, guck mal, ist das geil geworden. Kommt direkt auf Insta. Boah, komm lass uns lieber ´nen Kaffee trinken gehen, die Uni fuckt mich ab." Sie streicht sich die Extensions aus dem Gesicht und schaut lasziv durch die Klebeklimperwimpern und knipst sich nochmal. Während ich aussteige, stellt die Teenagerin auch dieses Foto in Ihre Gruppe

#ichvollsosexyaufmwegzuruni

Das ist aber noch gar nichts gegen meine Umkleidefeindinnen im Fitness-Studio.
Ja, Sie lesen richtig: Fitness-Studio.
Frau wird ja nicht jünger.
Jedenfalls nie wieder so jung wie die beiden besagten Mädels.
Mitte 20, schätze ich.

Sie können nicht leise.
Man selbst steht gerade vor dem winzigen Spind und zieht sich seine Fitnesskleidung an oder aus, da fliegt die Tür der Damenumkleide auf.
Kawumm.

"Aaaalter, hast du das krasse Sixpack gesehen? Mit dem würde ich auch gerne mal trainieren. Zuhause." Trainingspartnerin beömmelt sich. "Ey, ich habe jetzt schon Schmerzen. Wie viele Kilos hast du mir aufgelegt?"

Und schon wird das Smartphone gezückt und die wohlproportionierten Bodys geknipst. Von schräg oben.
"Pass auf, dass die Leggings mit drauf sind."

Die Fitnesshosen sind mit drauf. Genauso wie die ungeschminkte, mittelprächtig trainierte Frau Ende 40, die gerade, notdürftig mit einem Badehandtuch bedeckt, aus der Dusche kommt oder einbeinig wackelnd versucht, eine Socke anzuziehen.

Vor lauter Poserei und Stellungswechseln ("Wahoo, und jetzt Bizeps! Ist die Trinkflasche mit drauf?") achten diese beiden Fitness-Ikonen leider nicht auf Frau Meyer im Hintergrund. Ich bin ungelogen schon zehnmal aus dem Bild gehüpft, habe versucht, mich hinter der Spindtür zu verstecken oder bin in die Hocke gegangen. Mein lautes Stöhnen und auffälliges Augenrollen bemerkten die zwei Mädels nicht.

Kann es sein, dass die mich absichtlich mit aufs Bild nehmen, um ein paar LOLs extra abzusahnen?

Noch wichtiger scheint es zu sein, dass neben ihren Figürken auch die Klamotten und die Accessoires zu sehen sind, die sie vermutlich gesponsert bekommen haben.
Das sind bestimmt Influencer.

Influencer.
Klingt wie Influenza.
In diesem Fall ist beides sehr lästig.

Demnächst knipse ich einfach zurück und poste die Bilder unter

#darfseininstagrammmehrhirnsein















15. Februar 2018

Zucchini


Gestern Vormittag fliegt unsere Reisebürotür auf.
Der Kassierer des Supermarkts meines Vertrauens geht direkt auf meinen Schreibtisch zu.

"Hallo, Frau Meyer, haben Sie gestern Abend eine Zucchini bei uns liegenlassen?"

Der Mann weiß, wo ich arbeite, denn er hat sich schon einmal nach einer Reise erkundigt. Eine Bahnfahrt an die Ostsee sollte es damals sein. Zu einem Ort, an dem es die besten Fischbrötchen der Welt gibt. Morgens hin, abends zurück, nur um ein, zwei Fischbrötchen zu essen.

Der Mann weiß auch, wie ich heiße. 
Er heißt nämlich genauso. 
Natürlich nur mit Nachnamen.
Auch mit ey. Wie es sich gehört.

Wenn ich mittags oder abends meine Waren auf sein Band lege, begrüßt er mich immer mit "Hallo, Frau Meyer!" Ich antworte dann "Hallo, Herr Meyer!" und bemerke, dass diese Begrüßung zu Verwirrungen der Supermarktkollegen und Kunden, die hinter mir anstehen, führt. Ich frage mich oft, ob die sich wohl fragen, woher wir uns kennen. Ob die glauben, dass wir verwandt sind oder verbandelt und uns necken, indem wir uns siezen. Letzteres wäre mir unangenehm. Ich meine, hallo, für ein Fischbrötchen an einem Tag von Düsseldorf an die Ostsee und zurück!

Und eigentlich heißt es ja Zucchino. Einzahl.
"Hallo Frau Meyer, haben Sie gestern Abend einen Zucchino bei uns liegenlassen?"
Das sagt aber kaum einer. Genauso wie die meisten zwei Cappuccino bestellen oder besser noch: Zwei Cappuccinos.
"Ich bin gestern Abend mit der Zucchini noch hinter Ihnen hergelaufen, aber ich habe Sie nirgends sehen können."

Für meinen Stechschritt bin ich schon häufiger gerügt worden. "Du hast einen Schritt drauf, da kommt man gar nicht hinterher." Ich empfinde Trödeln oft als Zeitvergeudung, dabei täte mir etwas mehr Müßiggang sicher gut. So mental.


Der Supermarktkassierer schlägt vor, dass ich in der Mittagszeit zu ihm an die Kasse komme und mir eine Zucchini abhole. Das finde ich extranett von meinem Namensvetter.

Als ich Herrn Meyer an der Kasse frage, ob er meine Zucchini (ich sag nicht Zucchino, sonst fühlt er sich eventuell veräppelt) irgendwo deponiert hat, meint er: "Ach, nehmen Sie sich einfach eine neue."

Vor der Zucchinikiste bleibe ich ratlos stehen.
Dieses Gemüse ist doppelt so groß wie das, was ich gestern liegengelassen habe. Als hätte über Nacht eine Genmanipulation stattgefunden.

Zutschini - selbst geknipst von Frau Meyer

Ich suche den kleinsten Zucchino der riesigen Zucchini heraus und verlasse den Supermarkt. Nicht ohne schlechtes Gewissen.

"Schönen Tag noch, Frau Meyer!" ruft Herr Meyer hinter mir her. Ich winke zum Abschied mit meiner Zucchini, pardon, mit meinem Zucchino.

Zucchino, Zucchini - ist doch egal.

Ich freue mich, dass es in großstädtischen Supermärkten einen Kassierer gibt, der weiß, wie die Frau heißt, die die Zucchini vergessen hat, und wo sie arbeitet.

Ich freue mich, dass Düsseldorf ein Dorf ist.










4. November 2017

Odenwald


Meine Freundin J., ihr Mann J. und ihr Sohn J. nutzen das lange Luther-sei-Dank-Wochenende für einen Kurzurlaub mit dem Wohnmobil.

„Wo geht es denn hin?“ frage ich.
„Ach“, sagt Freundin J., „wir fahren in den Odenwald.“ Und zwar sagt sie das mit einem abwinkenden Tonfall, so als sei eine Fahrt in den Odenwald ein bisschen peinlich.
„Wieso? Ist doch bestimmt schön.“
„Ja, Odenwald halt.“

Ich kann dazu nicht viel sagen, ich kenne den Odenwald nicht. Nur vom Hörensagen, und eigentlich nur aus dem Blauen Bock.

Man hat ja so seine Assoziationen zu Regionen.

Immer, wenn ich Harz höre, denke ich Brocken.

Wenn jemand den Spessart erwähnt, denke ich Wirtshaus.
Die Pfalz erinnert mich an guten Weißwein.
Bei Schwarzwald denke ich an einen Spaziergang um den düsteren Mummelsee mit meinem ersten Freund.

Bei Westerwald an ein Eukalyptusbonbon.
Bei Franken an Lothar Matthäus.

Und bei Odenwald denke ich eben an Zum Blauen Bock.

In der, besonders in den 60er und 70er Jahren äußerst beliebten TV-Sendung besang Moderator Heinz Schenk Playback im Vorspann die Gastgeberstadtstadt der Unterhaltungsshow. Es gab quasi ein Regionsvideo von Herrn Schenk, gedreht an verschiedenen Schauplätzen rund um Sulzbach, Neckarsteinach oder Bad König im besagten Odenwald. In vielen der - nach eigenem Bekunden – über eintausendsiebenhundert selbstkomponierten Lieder war man entweder zu Gast, wurde willkommen geheißen oder gab sich ein Stelldichein. Meist trug der Komponist und Moderator Schenk verschiedene historische Kostüme und Kopfbedeckungen und/oder Pagenkopfperücken und textete Wissenswertes über die Umgebung zu einer ewig gleichen Marsch-Melodie. Da durfte sich im Falle des Odenwald-Songs auch schon mal König auf König reimen.

In der TV-Schankwirtschaft Zum Blauen Bock waren neben Heinz Schenk die Frau Widdin (Wirtin) alias Lia Wöhr und der Oberkellner Herr Nonsens Gastgeber und Scherze-Sparringspartner. Musikalische Sketche mit Prominenten wie Ruth-Maria Kubitschek und Günther Schramm sowie Auftritte von Operetten- und Opernstars sorgten für hohe Einschaltquoten. In der nachgestellten Äppelwoi-Kneipe bekamen die TV-Zuschauer nicht nur ordentlich was auf die Ohren, die teilnehmenden Gäste bekamen auch einen Bembel geschenkt. Als Dankeschön und zur Erinnerung.

Jetzt fragen sich Menschen, die nach 1975 geboren sind, nicht ganz zu Unrecht: Wie konnte man sich als Kind für ein solches TV-Format begeistern, in dem Erwachsene zu "Im weißen Rössl am Wolfgangsee" schunkelten?

Nun, um ehrlich zu sein: Ich war gar nicht begeistert, ich empfand die Live-Sendung vom Hessischen Rundfunk sogar als ziemlich langweilig. Es gab Sänger und Sängerinnen, die waren gefühlt jedes Mal im Blauen Bock zu Gast. Willy Schneider, Anneliese Rothenberger, Erika Köth und Rudolf Prack schienen in der Pappkulisse des Blauen Bock zu wohnen und hatten in ihren Partykellern bestimmt keinen Platz mehr für Bembel. 


Operetten waren schon damals nicht meine bevorzugte Musikrichtung, aber wir zogen uns die "Christel von der Post" und stimmungsvolle Trinklieder über den Rhein rein. Es gab einen Mangel an Alternativen.

Wir hatten ja tv-technisch nüscht, nur drei Programme, alle öffentlich-rechtlich. Mit Ansagerinnen, aber ohne doofe Werbeunterbrechungen. Klementine, Frau Sommer und Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer warben vor oder nach der jeweiligen Sendung.


Heute musst du einen Festplattenrecorder haben, damit du ja nichts verpasst, während du auf vierzig Sendern rumzappst oder eine DVD guckst. Damals hieß das Prinzip: Hauptsache, die Glotze flimmert. 
Egal, ob der Internationale Frühschoppen (Journalisten weltbekannter Zeitungen qualmten sich gegenseitig voll und tranken Wein aus dem Römer, während sie das Weltgeschehen diskutierten), Der große Preis, Die Sendung mit der Maus oder Erkennen Sie die Melodie? (ein Opern- und Operetten-Quiz mit Ernst Stankowski) ausgestrahlt wurden: Wirklich dümmer wurden wir nicht durch das Fernsehen.

Ich war zum Beispiel noch nie im Odenwald, weiß aber, dass Michelstadt und Bad König im Odenwald liegen, nur weil Herr Schenk diese Orte in einer Blauer Bock-Ausstrahlung Playback besungen hat.

Vielleicht sollte ich doch einmal dorthin fahren.
J.s Mann J. hat mir per Whatsapp ein Foto geschickt.



Sieht doch ganz hübsch aus.

9. Oktober 2017

Nicht ohne meinen Helm


„So. Jetzt brauche ich noch deine Größe und dein Gewicht.“
Das geht ja gut los.

Jetzt soll ich auch noch vor allen Kursteilnehmern, vorwiegend männlichen, mein Gewicht nennen. Und lügen kann ich ja nicht, sonst ordnet mir Reinhold den falschen Gleitschirm zu. 

„Mein Gewicht? Das hat mir keiner gesagt. Ich gehe!“

Witzchen machen, kurz vor halb 9 in Deutschland, lenkt leider nicht vom Thema ab. „Ich bin 1 Meter 75 groß und (Pause) wiege (Pause) *husträusperhust* Kilo.“

Der Mann, der mein Gewicht überhustet, ist mein Freund. Der hat mir das alles eingebrockt.

Einen Paragliding-Schnupperkurs in Willingen. Weil ich doch die Gleitschirmflieger in unserem Sommerurlaub in Oberstdorf so toll fand. Nicht mitfliegen, sondern es selber versuchen. Vermutlich ließ mich der Gedanke, meinem Partner meinen Heimatort zeigen zu können, die Aussicht auf ein Wiedersehen mit der lieben Verwandtschaft und Waffeln von Tante Hedwig JA zu diesem Projekt sagen.

Und jetzt sitze ich hier mit circa zwölf Teilnehmern in den Räumen der Gleitschirm-Flugschule Sauerland und bekomme in einer kurzen theoretischen Einführung etwas über Wetter und Sicherheit erzählt und sehe mich einen Haftungsausschluss unterschreiben, in welchem ich verspreche, den Anweisungen des Fluglehrers Folge zu leisten. Was Sinn macht, wie sich später herausstellen soll.

Ich bekomme einen Gurt, einen Schirm und einen Helm zugeteilt. Schon wieder einen Helm.

Wenn mir heute vor einem Jahr jemand erzählt hätte, dass ich an Events teilnehmen werde, die das Tragen eines Helm erfordern, hätte ich diesem Jemand einen Vogel gezeigt. 

Erst Anfang September hatte ich anlässlich des Geburtstages meines Freundes einen Helm tragen müssen, denn ich hatte ihm Ultra Rafting auf der Erft bei Neuss mit querfeldeins geschenkt. Eine kleine Revanche für den bereits gebuchten Gleitschirm-Schnupperkurs.

Action konnte ich auch. Ha!


Unternehmungslustig, so kann der Herrn an meiner Seite wohl beschrieben werden. 

Wir kannten uns kaum näher, da schlug er einen gemeinsamen Tanzkurs vor. Kein Tango oder Salsa, einfach einen Tanzkurs mit Discofox und Walzer. Fünfundneunzig Prozent aller Frauen wären wohl direkt in Jubel ausgebrochen über einen Mann, der freiwillig und ohne Androhung von Waffengewalt seine rudimentären Tanzkenntnisse auffrischen will.

Ich geriet in Panik.

Wer weiß zu Beginn einer Beziehung schon, wie lang diese halten wird. So ein Tanzkurs dauert schließlich mehrere Wochen oder Monate.Und überhaupt!

Also sagte ich NEIN zum Tanzkurs.
Rück-zwei-cha-cha-cha.
Ohne mich.

Monate später kam ich zu dem Schluss: Der neue Mann und ich funktionieren gut miteinander, auch was die Aktivitäten, wie (festhalten!) Fitness und Wandern anging. Der Wanderurlaub im Allgäu war wunderbar, wenn auch teilweise eine Herausforderung, bei der das Tragen eines Helms ratsam gewesen wäre.

 
Wir genossen einen Abend bei Sonnenuntergang an der Nebelhornstation Höfatsblick, schauten auf die zahlreichen bunten Gleitschirme am Himmel und ich sprach nach einigen Schlucken Weißbier die schicksalshaften Worte „Das möchte ich auch mal machen“.

Letztes Wochenende machen wir. 

Nicht aus 1.800 Metern Höhe, sondern von hochsauerländischen Hügeln, die von unten machbar und von oben steiler als gedacht wirken. Der Morgennebel steigt auf und Fluglehrer Reinhold erklärt uns, das wir an der Farbe der Felder erkennen können, wie die Temperaturen steigen und mehr Sonnenlicht im Laufe des Vormittags bedeutet – richtig – Thermik.

Das Konzept des Unterrichts, learning by doing und zwischendurch ein wenig nützliche Theorie, gefällt mir. Genauso wie das Starten und Fliegen, das ich – ohne überheblich erscheinen zu wollen – richtig gut hinbekomme. Ich folge den Anweisungen meines Fluglehrers. „Hände höher, links tiefer, rechts auch, so bleiben, schööööön, genieß den Flug."

Mach ich. Bis es auf die Landung zugeht. Die Ansage durch das Funkgerät lautet: „Tiiiiiiiiiiiiief“. Den Vokal zieht er sehr lang. Und bei mir besonders lang. Weil: Mein Kopf hört, was Reinhold will, aber mein Herz ist ´ne Bangbüx.

Anstatt die Beine lang zu lassen und in der Luft schon einmal eine Laufbewegung vor der Landung zu machen, ziehe ich reflexartig die Knie hoch und somit geht mir – wortwörtlich – der Arsch auf Grund(eis). Dass ich in drei, vier Metern Höhe meine Bremse ziehen soll, macht mir Angst. Was, wenn ich wie ein Stein auf den Boden sause? „Kann nicht“, erklärt mir Reinholds Kollege Dirk, „der Schirm bremst dich doch.“ 

Reinhold, der Schirm und ich
 
Um mit Goethe zu sprechen: Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Rennen, Schirm hochziehen, abheben, Beine hängen lassen, schweben, Aussicht genießen, alles super, bis die Message kommt: „Dirk übernimmt die Landung.“ Die Anweisungen werden lauter und rüder. Puderzucker und Streicheleinheiten gibt es nicht, aber wer nicht hören will…schließlich geht es um meine Sicherheit.

Das Gleitschirm-Wochenende ist ein besonderes Erlebnis, schweißtreibend und großartig. Mein Freund fantasiert den Kompaktkurs und A-Schein herbei und überlegt, wo er den Schirm demnächst verstaut. 

Das geht mir zu weit! 
Ich hab geschnuppert, das war toll, doch zum aktuellen Zeitraum reicht es mir erst einmal an Action.

Stattdessen überlege ich, ob ich meinen Liebsten zu einer etwas gediegeneren Tätigkeit überreden kann.

Einem Tanzkurs zum Beispiel.

Discofox, Walzer, Rück-zwei-cha-cha-cha.

Das wär´s doch. :-)





Die empfehlenswerte Action buchen könnt ihr hier und hier