4. November 2020

Heute in Asien

Heute war ich in Asien.

Bei meinem Radiologen tragen die Wartezimmer Namen von Kontinenten. 

"Warten Sie bitte in Asien", sagte die junge Dame am Empfang und nun sitze ich hier, schaue auf die Darstellung saftig grüner Reisfelder und bekomme Appetit auf Summer Rolls.

Wie aufs Stichwort betritt eine weitere Patientin den Raum.

"MAHLZEIT!" ruft sie ganz unasiatisch und sinkt schnaufend auf einem Stuhl nieder. Ich gucke zu ihr herüber. 

Das Warten langweilt mich. Handy soll ausgeschaltet bleiben, Lesezirkel (die Viren!) mag ich nicht durchblättern. Was soll ich also Anderes tun als Mitpatienten begucken?

Die Frau hat sich einen Mund-Nasen-Schutz selbstgebastelt. Sie hat sich einen gelben Putzlappen einfach unter ihr Brillengestell geklemmt. Der Lappen scheint in Gebrauch gewesen oder mit den falschen Farben in einer Waschmaschine gelandet zu sein. Er baumelt - unten offen - über ihr Gesicht. 

Hier eine Skizze:


Ich bin nicht so ganz überzeugt von der Schutzfunktion dieser Eigenkreation und sowieso schon total nervös. Im MRT still und eingeklemmt zu liegen, den Presslufthammer-Geräuschen lauschen zu müssen und die Aussicht auf ein Herumgestocher in meinen dünnen Venen, damit das Kontrastmittel gespritzt werden kann, erhellen meine Stimmung nicht.

Kurz bevor ich eine Rückfrage an die andere Frau in "Asien" bezüglich ihrer Interpretation einer Covid-Maske stellen kann, zieht sie ihre Jacke aus. Auf ihrem schwarzen Shirt steht in weißen Lettern über ihrer enormen Brust

Was für ein sinnloses Gespräch

Ich entscheide mich, nicht mit ihr über ihren fragilen Mund-Nasen-Schutz zu diskutieren. Stattdessen konzentriere ich mich auf meine Klaustrophobie und Atemtechniken, um mich zu entspannen. Klappt nur, bis die Stocherei in meinen Venen beginnt.

Tock-tock-tock-tock-tock-tock-fiiiiep-fiiiiep-fiiiiep

Im MRT liegen wird keine meiner Lieblingsbeschäftigungen werden.
Warum geben die MRT-Apparate diese fiesen Geräusche von sich? Selbst der Kopfhörer mindert die nicht ausreichend.

Ich denke an den Slogan auf dem T-Shirt von der Frau mit der Lappen-Maske.

Zuhause google ich ihn und stelle fest: das T-Shirt gehört zum Merchandising-Programm vom Puppenspieler und Bauchredner Sascha Grammel. 

Leider nicht im Merchandising-Programm: Mund-Nasen-Schutz mit dem Was für ein sinnloses Gespräch-Spruch.

Das wäre doch mal ein sinnvolles Produkt!

Ich glaube, ich schreibe Herrn Grammel eine Mail.



23. Oktober 2020

Hotzenplotz!

Erinnerungen an Kindheitserlebnisse, sind sie wirkliche Erinnerungen oder einfach ein Gemisch aus mehrfachen Weißt du noch-Erzählungen bei Familienfeiern und unscharfen, verblichenen Fotos? 

Ich bin mir da nicht sicher.

Mein Vater war ein wunderbarer Erzähler, nicht nur Geschichten aus seiner eigenen Kindheit und Jugend, nein, auch bahnbrechende Sätze, die wir Kinder von uns gegeben haben (sollen), wurden immer wieder zum Besten gegeben. 

Mein vorlautes Kindermundwerk hatte wohl den Zweck, Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich glaube, ich war ziemlich anstrengend.

Umso mehr gilt es die Geduld meiner Tante Hedwig zu preisen, die in den 70er Jahren keinen Single-Urlaub im Club Mediteranée verbrachte, sondern mit ihrem frechen Patenkind am Hals nach Ibiza flog. Dort vergraulte ich jeden sich unserer Sonnenliege nähernden Papagallo mit lautem Gequengel. Ich wollte meine Tante "Heta" ganz für mich haben und mochte außerdem keine schwarzen Schnauzbärte. Der Urlaub in San Antonio ist deshalb weder glamou- noch amourös für sie verlaufen.  

"Ich konnte mir ja kein Schild umhängen, dass ich nur Brittas Tante bin. Die dachten alle, sie ist mein Kind." 

Tante Hedwigs Geduldsfaden reichte für zwei Reisen mit mir.

Sogar für eine mit dem Zug bis unten ins Allgäu.

Anfang der 70er Jahre war an ICEs noch nicht zu denken, wir saßen auf Plüschsitzen im Abteil eines D-Zuges, der von Dortmund nach Oberstdorf acht Stunden benötigte. 

Wie beschäftigte man in den 70er Jahren ein aufgewecktes Kind mit großem Kommunikationsbedarf? Irgendwann waren alle Pixi-Bücher vorgelesen, Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst fertig gespielt, die vorbeiziehende Landschaft durch das Fenster beguckt und alle Waruuuum?-Fragen beantwortet. 

Und da waren wir erst in Frankfurt am Main. 

Zum Glück hatte jemand - vermutlich mein Vater - die Idee gehabt, einen Kassettenrecorder mit in das Reisegepäck zu tun. Jenes Wunderwerk der Technik mit simplem User Manual, bestehend aus An - Aus - Vor - Zurück - Laut - Leise - Tasten. 

Foto: Wikipedia 



Eine Hörspiel-Kassette hatten wir auch dabei.

Sie lesen richtig: EINE.

Der Räuber Hotzenplotz.

Ich liebte Hörspielkassetten, vor allem diese, die Story von Kasperl, Seppl, der Großmutter, der Fee Amaryllis, dem tumben Wachtmeister Dipfelmoser und der Pfefferpistole war mein Favorit. Gesungen wurde auch auf der Kassette. Das Lied "Sieben Messer und ein Gewehr", das ein Kinderchor im Dreivierteltakt von sich gab, gefiel mir am allerallerbesten.

Sieben Messer und ein Gewehr, 

hat der Räuber Hotzenplotz! Hotzenplotz! 

Wo er hinkommt gibt es Malheur, 

der Pi-Pa-Polizei zum Tri-Tra-Trotz! Hotzenplotz!

Gerüchten zufolge habe ich das Lied lauthals mitgesungen, sehr zum Vergnügen meiner Tante und aller Mitreisenden, die mit uns im Abteil saßen. Nachdem wir diese eine Kassette mehrfach hintereinander gehört hatten, waren die Fahrgäste genauso textsicher wie ich, hatten einander untergehakt, mitgeschunkelt und mitgeträllert. Dabei lächelten die Reisenden mir, dem kleinen Blondschopf, wohlwollend zu und munterten mich auf, die Kassette erneut umzudrehen und wieder von vorne anzuhören.

Foto: www.hoerspielland.de

Das glauben Sie jetzt nicht wirklich, oder?

Ich denke, die Damen und Herren hätten gern das Abteil gewechselt, ihr Buch woanders gelesen oder ihre Unterhaltung ohne das kindgerechte Entertainment fortgeführt. Doch war ich entweder zu niedlich oder zu dominant, eventuell beides: Der Kassettenrecorder lief und lief und lief, bis kurz vor Ulm die Batterien langsam aufgaben. 

Siiiehiiiben Messaaer uuhund eiiin Gewehaer

Die Kassette leierte. Ob der Chor der Mitinsassen im D-Zugabteil ebenfalls anfing zu leiern, ist mir nicht bekannt. Vermutlich atmeten die Erwachsenen alle ganz tief durch und hofften auf eine entspannte Weiterfahrt.

Klein-Britta war jedoch sehr unzufrieden mit der Gesamtsituation.

Ich fing an zu quengeln wie auf Ibiza.

Nur eben nicht wegen der Männer, sondern der Batterien wegen.

Meine Tante, auf deren Geduld ich nochmals aufmerksam machen möchte, erklärte mir, dass die Batterien leer seien und deswegen das Abspielen des Recorders nicht möglich sei. 

"Dann kauf neue Batterien!"

Pragmatisch war ich ja. 

Zum Leidwesen meiner Patentante hielt unsere Bahn in Ulm fast dreißig Minuten. Ich denke, sie wog ab, ob sie sich den Unmut der Zugreisenden weiter zuziehen oder mein Genöle bis Oberstdorf aushalten wollte.

Fünfzehn Minuten später konnten wir alle weiterschunkeln.

:-)))

 


P.S. Bitte hören Sie sich das von Egon L. Frauenberger komponierte Lied unbedingt auf Youtube an!

Jener schrieb sechs Hotzenplotz-Hörspiele. Der Räuber Hotzenplotz war das erste Hörspiel, das eine Goldene Schallplatte bekam. Außerdem war er u.a. Autor der Hörspiele Die kleine Hexe, Das kleine Gespenst und Urmel aus dem Eis.

Er war angeblich auch für den Jodel-Teil des Kufsteinliedes verantwortlich, verlor aber in 2009, kurz vor seinem Tod, einen Rechtsstreit.







 


 

9. April 2020

Die Relaxhose


Ach, hätte ich mir doch die richtige Relaxhose bei Tchibo gekauft.

Dann wäre ich jetzt entspannter.


Neulich im Januar:


Ich stöberte in einer Filiale des großen deutschen Kaffeerösters und hielt ein Stück Wellnessbekleidung in meinen Händen: eine anthrazitfarbene Relaxhose. So stand es auf der Packung: Relaxhose.

Die fühlte sich kuschelig an und war so preiswert, dass ich lieber nicht über das Herkunftsland nachdenken wollte. Ich musste dringend herunterkommen, wie sollte mir das gelingen, wenn nicht mit dieser Hose. Die Kassiererin bestätigte mir meine Wahl mit den Worten: „Ja, die ist toll. So bequem, wir haben uns die auch alle gekauft.“


Da ich in Tchibo-Filialen niemals etwas anprobiere, entschied ich mich für Größe M. M wie müsste passen.

Zuhause zog ich die wollige Wohlfühlhose an und stellte fest, dass sie an mir wie Größe S saß. S wie spack.

Ich ging dann in eine andere Filiale, um die Hose umzutauschen.

Juchu, da hing sie in allen Größen. Mangels Brille kniff ich die Augen zusammen, griff nach L (L wie lässig) und zahlte.


In unserer Wohnung warf ich die Quittung und die Verpackung direkt in den Müll und die Hose in die Waschmaschine. Als ich Tage später ein dringendes Bedürfnis nach kuscheliger Homewear verspürte, zog ich die Relaxhose über. Die saß extreeem lässig. 


Ich stellte mich im Profil vor den Spiegel im Flur und hielt den labberigen Bund weit von meinem Bauch entfernt. So weit weg wie Günter Strack in der Slim Fast-Werbung. Ein entspanntes Gefühl stellte sich in dieser Relaxhose nicht ein. Wie konnte das denn sein, dass M so eng und L so weit saß? Ich schaute auf den Zettel in der Hose. XL. XL wie xtreme lose.


Kassenbon und Verpackung waren im Altpapiersack verschwunden, jener bereits entleert. Für die Altkleidersammlung war mir die Hose zu neu. Es gab nur eine Lösung: Verschenken.


Wie Sie hier sehen, erfreut die Hose einen hochzufriedenen Herrn, der in der Kuschelhose relaxt. Es ist K.*, der Ehemann meiner lieben Kollegin H.* (*Namen sind der Autorin bekannt)




Schön, nicht wahr?


Eine herrlich harmlose und doch irgendwie lustige Geschichte, die längst veröffentlicht werden sollte.


Doch dann kam der Virus dazwischen.


Als es losging, war ich – auch ohne Relaxhose – recht entspannt, empfand die Posts auf Facebook so einseitig wie panikartig. Ein Facebook-Freund schrieb: „Haben wir kein anderes Thema mehr, es nervt!“

Ich war kurz davor, die Tchibo-Geschichte per Entertaste der Leserschaft zur Verfügung zu stellen. Da stiegen die Zahlen der Infizierten und der Toten, vor allem in Italien und Spanien, aber auch hier bei uns in Deutschland. 


Der Ernst der Lage wurde mir so richtig bewusst, als alle meine geplanten Veranstaltungen, wie Konzertbesuche und Lesungen, abgesagt wurden. Die Fußballfans beklagten die Geisterspiele in den sozialen Medien, ohne zu wissen, was da noch alles auf uns zukommen sollte.


Kontaktsperre.

Klang sehr schlimm. 
Ist schlimm. 


Vor allem für die, die alt, krank und allein in Seniorenheimen, Krankenhäusern oder zuhause sind.

Das Abstandhalten von 1,5 Metern zum Nächsten bereitet bis heute vielen Menschen Probleme. Ich habe eine ungefähre Idee, woran das liegen könnte…




Die Themen Hamsterkäufe und Klopapiermangel möchte ich nur kurz anreißen. Sie sind in Whatsapp, GIFs und Filmchen mannigfaltig und mindestens vierlagig verarbeitet worden. Ich gebe aber zu, dass ich zuweilen doch noch lachen kann, wenn die Verarbeitung gelungen ist.

Im Rahmen der tagtäglichen medialen Hirndurchspülung mit dem C-Thema sah ich kürzlich eine WDR-Dokumentation über die Opfer der Krise. Ein Betreiber eines Imbisses in W. warb damit, dass er zum gelieferten Essen ab einem Bestellwert von 30 Euro statt der üblichen Lambrusco-Plörre 8 (in Worten acht) Rollen Klopapier verschenkt. Not(durft) macht erfinderisch.


In Anbetracht der Tatsache, dass sich in meinem Viertel Omas mit Rollator, Mundschutz und Einweghandschuhen in eine lange Schlange stellen müssen, um an wenigen Tagen in der Woche diesen begehrten Hygiene-Artikel zu erlangen, empfinde ich diesen Werbe-Gag einfach nur als Sch..ße.



Manchmal jammere ich auch einfach.


Darüber, dass ich nicht in den geplanten Urlaub fliegen kann.

Dass meine Mutter ihren 75. Geburtstag nicht im Kreis ihrer Familie feiern konnte und Ostern auch nicht besucht werden kann.


Über meinen Job. Hauptberuflich in der Touristik tätig zu sein, hat mir schon mal mehr Spaß gemacht. Dass unsere Kunden in ihren Urlaubsorten festhingen, die Telefonate mit nachvollziehbaren Sorgen und Fragen, die Unwägbarkeit der Situation – das habe ich in 29 Reisebürojahren so noch nicht erlebt.



Mein schon vor Jahren entwickelter Plan B, eine Comedy Pommesbude mit Kollegin H.* (*Name ist der Autorin bekannt), der Frau von dem Mann mit der Relaxhose, wäre derzeit auch kein Renner. Gastronomie zählt nicht zu den Top-Verdienern während der Krise.

Ja, manchmal jammere ich und hätte gern eine gut sitzende Relaxhose für mein Hirn.


Bis mir wieder einfällt, dass ich auch an einer Supermarktkasse sitzen könnte und mich von Kunden anblaffen lassen muss. So wie neulich bei EDEKA, wo eine schmallippige (es sind immer die schmallippigen, nicht wahr?) Frau um 08:05 Uhr ausflippte. 

„Wo ist der Ingwer? Nirgendwo ist Ingwer!!!“

„Entschuldigung“, sagte die beeindruckend freundlich gebliebene Kassiererin, „Sie sehen doch, dass vier meiner Kollegen gerade die Wagen mit den Waren abladen, das dauert noch ein bisschen.“

Ich sah die hysterische Kundin die Wagen absuchen.

Wie ein Junkie auf Entzug.

Ich fragte mich, auf welchem Rank der überlebenswichtigen Lebensmittel Ingwer wohl steht.


Kassiererin könnte man sein. Oder alleinerziehende Mutter von drei Kindern im Home Office. Oder chronisch krank.Oder Krankenschwester. Oder Altenpflegerin. Oder Arzt in Bergamo. Oder Erzieherin von Kindern in einer Notbetreuung.

Es hilft, sich das vor Augen zu führen, um festzustellen, dass die eigenen Herausforderungen machbar sind.


Hände waschen, Klinken und Schalter mit Desinfektionsmittel absprühen, Einkaufen mit Einmalhandschuhen und Mundschutz (mache ich inzwischen, obwohl ich mir immer noch behämmert vorkomme) – das alles geht doch.

Und was auch noch geht: Das schöne Wetter genießen, auf den sorglos dahinfließenden Fluß schauen, spazierengehen und radfahren, Gymnastik-Tutorials auf Youtube gucken und sogar mitturnen, meditieren, lesen, telefonieren, whatsappen, etwas Leckeres kochen…

Ich hatte neulich ausnahmsweise einmal keine Lust, das Essen selbst zuzubereiten, und aß die zweitschlechteste Currywurst mit Pommes meines Lebens. Den ersten Platz der schlechtesten Currywürste meines Lebens wird unangefochten und vermutlich auf ewig jene auf der Düsseldorfer Osterkirmes in 1995 innehaben.

Wie auch immer, ich koche wieder selber.


Ich habe darüber hinaus festgestellt, dass es dem Hirn gut tut abzuschalten, über einen sehr albernen Film mit Louis de Funès (fast alle auf Youtube zu finden) lauthals zu lachen oder für einen Moment einmal an fast gar nichts zu denken. Gerade dann entsteht Kreatives.

Mein Freund und ich haben, seitdem uns COVID-19 beschäftigt, eine feine „Wie nennt man/wie heißt…?“ Challenge ins Leben gerufen, zu der wir niemanden nominieren, außer vielleicht uns selbst.


  1Wie nennt man einen ausschließlich von Herren geführte Ladenkette für Pflanzen?



  2.Wie heißt die Heavy Metal-Band, die wegen COVID-19 nicht auf Tournee gehen kann, zuhause sitzt und zuviel Frittiertes und Süßes futtert?



  3.Wie heißt das Mittel, mit dem besonders Putzwütige während der Corona-Krise ihre Wohnung bearbeiten?



  4.Wie nennt man Literatur mit unglaubwürdigem Inhalt?



Na, haben Sie eine Idee?

Falls nicht, finden Sie die Antworten am Ende dieses Blogs. :-)



Ich vermisse Vieles aus meinem alten Leben ohne C., den direkten Kontakt zu meinen Freunden, meiner Familie, das Ausgehen, das Stöbern in Geschäften, das unter-Menschen-Sein, die albtraumlosen Nächte, das Reisen (ja, auch die Zugfahrten), die Museen, die Kinos.


Eines weiß ich ganz gewiss: Wenn es jemals wieder möglich ist, das alles wieder zu dürfen, dann freue ich mich wie ein Kind, das eine ganze Nacht bei Toys ´r us verbringt, dann freue ich mich wie Bolle, der jüngst zu Pfingsten (und hoffentlich spätestens dann) nach Pankow reist.

Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern ein wirklich schönes Osterfest, auch wenn es vielleicht nicht perfekt wird.

Auch nicht perfekt: Der Einohrhase



Und hier die Antworten auf die obigen Fragen:

1.  BLU MEN GROUP

2.  SPECKXON

3.  AGGROTAN

4.  HANEBÜCHER



25. November 2019

Backen mit Frau Meyer

Sagen Sie mal, geht es Ihnen auch so wie mir? 
Das Thema Backen interessiert mich während des Jahres nicht. In Sendungen mit Enie van de Meiklokjes, in denen aus zentimeterdickem Fondant und Unmengen Lebensmittelfarbe, Teig, Buttercreme und Fimo-Knete Torten gestaltet werden, die die Lebensgeschichte des Bäckers darstellen, zappe ich allerhöchstens mal kurz rein.
Ich kann nur Marmorkuchen, Käsekuchen und "Gestürzter Herbstapfel", mein all time favourite Kuchenrezept aus der BRIGITTE.

In der Vorweihnachtszeit allerdings, da versuche ich mich an selbstgebackenen Plätzchen, wühle mich on- und offline durch Rezepte, die möglichst nicht mehr als drei bis vier Zutaten aufweisen. Auf einer Low Carb Rezepte-Seite im Netz finde ich Plätzchen, die einfach und lecker klingen. Eine der Hauptzutaten ist Mandelmehl. Das bekomme ich im ganz normalen Supermarkt nicht. 

Im Backzutaten-Gang vom Bio-Supermarkt kneife ich die Augen mangels Brille zusammen, um mich zu vergewissern, dass der Preis, den ich auf Anhieb zu erkennen glaube, auch stimmt. Ich taumele. Low carb ist nicht low budget. Da kann ich mein Gebäck gleich bei Heinemann kaufen. Dann wäre aber kein Schweiß von Frau Meyer in den Plätzchen, und darum geht es ja. Ums Selbermachen.
Neben dem Mandelmehl steht Hanfmehl. Das kostet nur die Hälfte und ist laut Aufdruck  REICH AN PROTEIN, also auch low carb, das nehme ich.

Zuhause stelle ich fest, dass Hanf eine Pflanze ist. Der Teig wird graugrün. Und der Blaumohn macht das Ganze auch nicht appetitlicher. 
Ich hatte mir von Mohn und Hanf eine stimmungserhellende Wirkung versprochen. Meine Stimmung erhellt sich nicht. 
Das da vor mir auf dem Blech sieht aus wie der Inhalt einer Babywindel nach übermäßigem Verzehr von Rahmspinat. 
Und was reimt sich auf backen?

Hauptsache gesund!



Ich habe als Kind das Ausschlecken der Schüssel bei Tante Hedwig geliebt. Durch die Mühle quoll der Teig für das Spritzgebäck, wurde zum S geformt und später das eine Ende in dunkle Schokolade getaucht. Meine Patentante macht großartige Plätzchen, mehrstöckige mit Konfitüre, und Kipferl. Wenn ich Glück habe, bekomme ich auch in diesem Jahr wieder eine Dose mit einer "Best of Hedwig" Auswahl an Selbstgebackenem.
Aber erst einmal will ich meinen Keksen noch eine Chance geben. Ich schiebe das Blech in den vorgeheizten Ofen und stelle den Timer auf 20 Minuten. Bereits nach fünf Minuten schmilzt mein Vertrauen in mein Backerzeugnis dahin.

Mmmmmmh.

Meine Weihnachtsplätzchen erinnern mich an die Hinterlassenschaften von Almkühen, die ich im Sommer weiträumig umwandert hatte.
Und weitere zehn Minuten später wächst zusammen, was nicht zusammen gehört.


Jetzt sagen Sie völlig zu Recht: 
"Ist doch egal! Hauptsache, es schmeckt."
Ich habe gerade Teile dieses ausufernden Gebäcks probiert. 
Es schmeckt nicht. 
Gar nicht. 
Überhaupt nicht.

Das Rezept sollte wie folgt ergänzt werden:
Man nehme die Plätzchen aus dem Ofen, lasse Sie auf dem Blech abkühlen, wickele sie anschließend in das Backpapier und werfe sie in den Restmüll.
So habe ich es jedenfalls gemacht.

Um wirklich leckeres selbstgebackenes Weihnachtsgebäck genießen zu können, muss ich womöglich bis Anfang Dezember warten.
Dann überreicht mir meine Cousine an einem geheimen Ort in Köln ein Paket. 
Das Plätzchen-Care-Paket meiner Tante Hedwig. 

Auf irgend etwas im Leben muss man sich doch verlassen können.

:-)




 

29. August 2019

Mein erster Schultag



Noch wenige freie Plätze für das Einschulungsbuffet!

Ich dachte, mich haut es vom Fahrrad, als ich neulich mit meiner Mutter eine Tour machte und dieses Schild am Eingang eines Hotel-Restaurants las.

1975 gab es kein Einschulungsbuffet.
Auch nicht im Hotelbetrieb meiner Eltern.
Die waren im Dauerstress, mein Vater hatte noch nicht einmal Zeit, mich zu meiner Einschulung zu begleiten.
Der musste Zwiebeln schälen und Saucen ansetzen.
Meine Mutter war in der Lage, aus Ihrem Kittel in ein schickes blau-weiß gestreiftes Kleid zu hüpfen, mir meine mit vielen Süßigkeiten und Buntstiften gefüllte Schultüte in die Arme zu drücken und mit mir in das Evangelische Gemeindezentrum zur Einschulungsfeier zu gehen.

War das aufregend. 
Stolz trug ich meine Tüte herum, Trophäe und Zeichen, dass ich nun ein echtes Schulkind war. Ich winkte meinen Freundinnen zu. Zum Glück war ich nicht allein hier und kannte schon einige Kinder.

Die Großen, also die Zweitklässler, sangen ein schmissiges Lied zur Begrüßung. "Montags um 8, um 8, um 8, da sind wir in der Schule, dort rutschen wir um 8, um 8, um 8 auf unserem Wackelstuhle." Die großen Jungs hänselten uns die nächsten Tage noch und riefen  
"I-Männchen, Kaffeekännchen"
Ich bin aber diskret und werde hier nicht ihre Namen nennen. Ich bin nun wirklich nicht nachtragend.
Bernd S., Jens K. und Stefan D. werden sich bestimmt gar nicht mehr daran erinnern. 

Ein Foto von diesem wichtigen Tag wurde auch gemacht. Allerdings nicht mit meiner eigenen Schultüte (blauer Filz mit buntem Clown darauf). Fotograf Werner hatte eine rote Allround-Fotoschultüte für die Mädchen und eine blaue für die Jungen. Sommerferienbraun blinzelte ich gegen die Sonne und setze mein schönstes Ex-Kindergartenkind-Lächeln auf.

Frau Meyer im Sommer 1975

Ich war glücklich. Endlich ging es los mit dem Lesen und dem Schreiben. Meinen Namen, den meines kleinen Bruders und Mama und Papa konnte ich schon. 

Strümpfe hochziehen konnte ich offenbar nicht.

Die Kombi aus Blümchenkleid, blauen Socken und gelben Sandalen erscheint mir im Nachhinein als modisches Wagnis. Die gelben Sandalen sorgten im darauffolgenden Sommer für ein großes Hallo, als mein Vater sie mit seinem Aufsitzrasenmäher schredderte und dieser repariert werden musste.

Mein Schulranzen bestach in den Farben knallgrün und knallgelb. Einhörner, der Hase Felix, Elsa aus Frozen, Ninja Go gab es genauso wenig auf den Tornistern wie Buffets nach der Einschulung.

Stattdessen fragte ich mich den ganzen ersten Schultag lang, wann denn nun der Ernst des Lebens vorbeikommen würde, den die Erwachsenen angekündigt hatten.

Er kam aber nicht.

Allen Kindern, die heute in Nordrhein-Westfalen eingeschult wurden, wünsche ich viel Spaß beim Spielen und Lernen und Lehrer und Lehrerinnen, die euch zuhören, wenn euch etwas auf dem Herzen liegt.

Und auf diesen Ernst da braucht ihr gar nicht zu warten.
Der kommt irgendwann.
Ganz von selber.