8. März 2017

So. Jetzt aber.

Frohes neues Jahr

Ja, so mancher von Ihnen wird einen Blick auf den Kalender werfen, den Kopf schütteln und denken, dass das der Frau Meyer aber früh einfällt mit den guten Wünschen zum neuen Jahr. Was so neu nicht mehr ist. Es ist zwei Monate, eine Woche und einen Tag alt. Dennoch ist es mir ein Anliegen, Ihnen allen ein frohes neues Jahr zu wünschen. Und Gesundheit, die vor allem.

Wie so oft bin ich spät dran.

Ich habe es noch nicht einmal geschafft, das volle Glas, in dem ich im letzten Jahr Zettel sammelte, auf denen ich besonders schöne Momente notiert hatte, zu leeren und Platz für neue schöne Momente zu machen. Neben traurigen Ereignissen, die Teile meiner Familie und die Familie einer lieben Kollegin erschütterten (Krebs ist ein heimtückisches Arschloch. Punkt.), gibt es immer wieder Augenblicke der Freude. Und auch hier macht Kleinvieh manchmal Mist. 


Ein besonders gelungener Abend mit Freunden.
Ein Spaziergang in der Sonne.
Eine lustige Email deines Bruders.
Ein Lied, das du schon ewig nicht mehr gehört hast und das dich direkt in eine Zeitmaschine setzt und ins Jahr 1987 bringt.
Eine Diskussion über Dinos mit einem Fünfjährigen.
Eine Whatsapp von einer Freundin, für die sich ein lang gehegter Wunsch erfüllt.
Eishockey mit Martina (auch wenn wir gegen die Haie verloren haben)

Dies alles sind nur ein paar Beispiele für Dinge, die auf einen Zettel und ins Glas mit den schönen Momenten gehören. 

Und Jürgen Marcus mag ein wenig übertreiben, wenn er singt, dass eine neue Liebe wie ein neues Leben ist (nanananananaaa). Sie tut auf jeden Fall verdammt gut. (Karl aus Füssen, wenn du diesen Blogpost liest: Frau Meyer ist vom Markt und wird dich auch im nächsten Sommer nicht auf deiner Alm besuchen).  

Manche Dinge ändern sich, manche nicht

Auch in 2017 sitzen Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln am liebsten am Gang, gern und besonders während der Rush Hour. "Wie, ich soll meinen Rucksack/Einkaufstüte/Laptop vom Nachbarsitz nehmen, damit Mitreisende Platz nehmen können?" *augenrollundschnauf*

Alle paar Monate begegnet mir in der U79 dieser Wichtigtuer. In 2017 hatte ich wieder das Vergnügen, dem 1,63 m-Mann im Anzug, dessen fast kahlrasierter Schädel ein wuchtiges Headset schmückt, in der Bahn zu treffen. Er bellt Drohungen in seinen Kopfhörer. 

"Wenn man mir da nicht entgegenkommt, kündige ich den Vertrag." 
"Noch so eine Aktion und die werden mich mal richtig kennenlernen."
"So geht das nicht, Herr XY, sooo nicht

Ich vermute, am anderen Ende der Leitung ist gar keiner. Der Mann, der während seiner Ansagen den Blick umherschweifen lässt und schaut, dass ihm auch ja alle zuhören, ist als Kind nicht gestillt worden oder kriegt dauernd einen vom Chef drüber. Er braucht Aufmerksamkeit.  

Ohne Weiteres könnte er als Trumps Bodyguard oder eiskalter Bond-Gegenspieler durchgehen (dass er Sport macht, sieht man), zöge er nicht einen Trolley mit fettem KMPG-Aufkleber hinter sich her. Für die nächste Begegnung mit dem KMPG-Männeken habe ich ein launiges Lied auf mein Smartphone downgeloaded, das ich laut neben ihm abspielen werde. Hoffe, er versteht die Messag

Glücklicherweise gäbe es im aktuellen Jahr schon einige mit schönen Ereignissen zu beschriftende Zettel (muss nur das Glas leeren, siehe oben). Einen besonders großen würde ich dem Blog-Marathon anlässlich eines Neujahrstreffens des Netzwerks stilsicher (das ab sofort Kreativ am Fluss heißt) am 10. Februar in Karlottas Café in Bad Honnef widmen. Mann, war das toll! Eine wunderschöne Location, vier sehr unterschiedliche Bloggerinnen, ein interessiertes und begeisterungsfähiges Publikum, alles organisiert und initiiert von Ursula Kollritsch und unterstützt von Netzwerkgründerin Stephanie Jana. Autorinnenherz, was willste mehr? 

Foto: Ursula Kollritsch www.sommer-frisch.de

Foto: Simone Blaschke www.blaschke-pr.de

      Karin Wilhelm, Michèle Lichte, Britta Meyer, Sabine Anne          Lück                                          Foto: Simone Blaschke


Entsprechend positiv fiel der Artikel des Bonner Generalanzeiger aus. 

Ich habe wieder gemerkt, wie wichtig der Austausch, neudeutsch Networking, ist. Das "Wie machst du das?", "Was ist dir wichtig?", "Wie kriegste das hin?" statt im stillen Kämmerlein vor sich hinzupuzzeln (und ich habe ja leider nicht viel gepuzzelt in den letzten Monaten, für diese 'Blogkade' gibt es diverse Gründe). Meine Begeisterung nach unserer Lesung hat mich veranlasst, mich zwecks weiterem Networking zum Literaturcamp NRW in Bonn am 08. April anzumelden. Das gibt wieder einen Zettel für das Schöne Momente - Glas, da bin ich sicher!

Das Jahr ist noch (ziemlich) jung, die Vorsätze überschaubar:


Regelmäßiger schreiben und wahnsinnige Autorenkarriere ankurbeln
Netzwerken mit anderen Bloggern und Autoren
Mehr Bewegung (der Rücken, die Schulter!)
Horizont erweitern  
Lachen
Mutig sein 

Und die Blogs meiner Kolleginnen verfolgen:

kwerdenkerin  (Karin Wilhelm)

Lichte Momente  (Michèle Lichte)

Tage im Garten  (Sabine Anne Lück)


Bis bald, 


Ihre Frau Meyer

28. Januar 2017

Von Payback-Punkten und Passwörtern

Die Welt wird immer bekloppter.
Um das zu begreifen, muss man keine Nachrichten schauen und über das große Ganze sinnieren, da guckt man einfach mal in seinen eigenen persönlichen Alltag.
Voilà:
„Haben Sie Ihre Payback-Karte dabei?"
Ich wühle in meinem Portemonnaie und irgendwo zwischen EC- und Visa-Karte, dem Weight-Watchers-Mitgliedsausweis, der Friseur-Bonuskarte, dem Gildepass für die Düsseldorfer Programmkinos, dem Abholzettel für die Reinigung und dem Ticket für die Rheinbahn finde ich die blaue Karte, mit der ich Punkte sammeln kann und halte sie der Frau an der Kasse hin.
Ich habe 45 Minuten Mittagspause und habe mich ausgerechnet an der Kasse mit der langsamsten Kassiererin angestellt, weil ich nicht aufgebe, ihr eine Chance zu geben. Freundlich ist sie ja. Und als ich endlich am Zug bin und die Waren über den Scanner gezogen werden, fragt mich die Kassiererin: „Möchten Sie Ihre Payback-Punkte direkt  einlösen?"
„Ach nö", sage ich. "Ich sammle lieber noch ein bisschen."
„Wenn Sie die Payback-Punkte heute einlösen, erhalten Sie Samstag zwischen 10:00 und 10:35 Uhr fünf Prozent Rabatt auf unser Weihnachtsgebäck mit Haltbarkeitsdatum bis Ende des Jahres."
Legen Sie mich nicht auf diese Aussage fest, jedenfalls sagt sie etwas ähnlich Kompliziertes, während ich meine Waren einpacke, damit das hier mal voran geht. Die Suche nach der Payback-Karte hat mich wertvolle fünf Minuten gekostet, die Schlange hinter mir ist not amused.
„Nein, danke schön."
„Aber wenn Sie einen Großeinkauf für Weihnachten machen, das lohnt sich doch!"
Herrje. Kein Wunder, dass das so lange dauert, wenn ich mittags einkaufe, nun müssen die Frauen und Männer an der Kasse einem mitten im Zahlvorgang noch irgendwelche Deals unterjubeln und fragen, ob man Punkte sammelt für die WMF-Kochtöpfe. Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, welche Vorteile diese Aktionen haben. Und Lust sowieso nicht.

Ich will bei McPaper
an der Kasse auch keinen Glitzerstift oder No-Name-Klebestifte oder Klebebänder, die zwar preiswerter sind als die Markenprodukte, mich aber später zu Hause in den Wahnsinn treiben, weil sie nicht ordentlich kleben. Ich will das alles nicht. Weil es mich und meine Mitmenschen Zeit und somit Nerven kostet. Immerhin bekomme ich auch hier ein höfliches „Nein, danke" hin. Darauf bin ich ein bisschen stolz.
Nach der Mittagspause geht es weiter mit dem Wahnsinn.
Die PCs arbeiten sehr langsam oder gar nicht. Leider kommt es so oft vor, dass die Kunden dies mit „Ach, schon wieder?" oder „Liegt das an mir, jedes Mal, wenn ich bei Ihnen bin, haben Sie technische Probleme?" kommentieren. Server runter- und hochfahren ist in Fleisch und Blut übergegangen wie Atmen. Der Zugang zum Server geht nur mit einem persönlichen Passwort, das wir aus Sicherheitsgründen sehr häufig ändern müssen.
Das mit den Passwörtern ist schwierig.
Es begann mit Lieblingsreisezielen, stimmungserhellenden Nomen wie Sonnenschein, Urlaub, Strand oder eigenen Spitznamen oder denen des Partners.
Das reichte aber nicht aus, um sicher zu sein.
Bitte nutzen Sie eine Buchstaben-Zahlen-Kombi mit mindestens 8 Zeichen, mindestens einem Großbuchstaben und einem Sonderzeichen.
Also benutzen wir den Vornamen der Mutter, plus der Schuhgröße des Bruders, plus einem Fragezeichen.
Oder den Ort in der Bretagne, der uns im Sommer so gut gefallen hat, plus dem Alter des ältesten Kindes der Kollegin, plus einem Ausrufezeichen.
Oder den Namen des Ortes, in dem man aufgewachsen ist, plus das Todesjahr von Steve McQueen, plus Dollarzeichen.
Oder das Kennzeichen des Wagens, den man von 1991 bis 1994 gefahren hat, plus die letzten sechs Stellen der Sozialversicherungsnummer.
Je abstruser, desto sicherer, desto besser.
Nun ist das Ende der Kreativitätsfahnenstange allmählich erreicht. Denn:
Bitte nutzen Sie keines der letzten 10 genutzten Passwörter. Geben Sie das Passwort erneut ein.

Es gibt Tage, da komme ich vor lauter Haareraufen nicht zum Tippen.
Wir brauchen Passwörter für den Server, das Midoffice-System, in dem wir die Vorgänge verwalten, und eines für die Zeiterfassung. Mal abgesehen von Passwörtern für das Extranet und das Bestellwesen.
Ohne den Zugang zum Server läuft gar nichts, logisch.
Fluchen, jammern, mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte hauen, bringt nichts, wie wir nach mehreren Selbstversuchen feststellen konnten.
Manchmal hat man den Server hochfahren können, kommt aber nicht ins Verwaltungssystem, hat dann keinen Zugriff auf die Kundendaten.
 
Die Kollegin, deren PC reibungslos läuft, wird gleichermaßen gehasst und bewundert. Gern wird mal ein „also, meiner läuft" in die Runde geflötet und ein „schön für dich" zurückgeknurrt.
Eigentlich haben wir Kolleginnen uns aber sehr lieb.

Deshalb helfen wir uns, wenn gar nichts mehr geht.
Neulich sagt Kollegin 1 zu Kollegin 2: „Ich komme hier nicht weiter. Kannst du mir mal dein Passwort sagen?"
Kollegin 2, die gerade eine Kundin bedient, wird ein bisschen rot und windet sich.
„Bitte, ich kann sonst nicht weiterarbeiten, du kannst dir doch sofort ein neues holen!"
(Passwörter an die Kollegin weitergeben ist bei Todesstrafe verboten: der Datenschutz!)
„Das geht jetzt nicht", zischt Kollegin 2 durch die geschlossenen Zähne Kollegin 1 zu.
„Ich komme beim HelpDesk nicht durch, nun hilf du mir doch bitte."
Kollegin 2 schreibt etwas auf einen Notizzettel und reicht ihn der verzweifelten Kollegin 1. Kollegin 1 grinst und zeigt mir den Zettel.
Darauf steht: AmArsch3!
Kein Sonnenschein15?, kein Hasimaus75%.
AmArsch3!
Ein rüder Ton hat Einzug in unsere Passwörterwelt gehalten.
Mich wundert das nicht.
In AmArsch3! steckt der ganze Frust der Userin. Die Systeme laufen nicht und dann sollst du dir dauernd leicht zu merkende, aber trotzdem unverwechselbare Log-ins ausdenken.
 
Als die Kundin das Büro verlässt, sagt Kollegin 2: „Ich konnte dir doch nicht das Passwort zurufen!" Kollegin 3 sagt: „Meines kann ich dir auch nicht laut sagen."
Kollegin 2 ändert ihr Passwort sofort.
Ich möchte nicht wissen, wie das neue heißt. Darf ich auch gar nicht.
Aber feststellen, dass die Welt immer bekloppter wird, das darf ich.

11. Dezember 2016

Toiletten-Jesus

Sonntagnachmittag auf dem Weihnachtsmarkt einer westdeutschen Großstadt.

Frau Meyer ist mit ihrer Freundin Frau Hanselmann mit dem Zug angereist, wohl wissend, dass es hier keine freien Parkplätze in der Nähe des bunten Treibens geben wird.

Der Regional-Express spuckt die Weihnachtsmarktbesucher aus, die direkt weiter ins Zentrum und zu den Buden ziehen. Es sind die üblichen Düfte, die einem eben nur zu dieser Jahreszeit in dieser Mischung in deutschen Städten in die Nase steigen. Anisbonbons, gebrannte Mandeln, Bratwürste, Glühwein. Wir bummeln in gemütlichem Tempo, schauen hier und da und gucken, was wir unbedingt kaufen müssen.

Wir fragen uns, wer unbedingt dieses Mitbringsel für seine Begleitung oder seine(n) Liebe(n) zuhause kauft?


Gibt es irgend jemanden, dem diese drüschen Lebkuchenherzen mit dem bröseligen Zuckerguss schmecken und würde sich überhaupt jemand über den Kosenamen Sexmaschine freuen? Dies stelle ich gern meinen Leserinnen und Lesern zur Diskussion. :-)

Es wird dunkel. Die Lichterdeko an den Geschäften, den Marktständen und den Bäumen funkeln bunt, besonders schön leuchtet das Herz auf dem Riesenrad. Ich liebe Kitsch!


Hunger. Nachdem wir mehrere Imbisse im Vorbeigehen inspiziert haben, entscheiden wir uns für eine Bratwurst. Die ist wirklich lecker gewürzt. Jetzt etwas trinken. Frau Hanselmann nimmt eine Cola, weil sie gleich noch fahren muss. Ich entscheide mich für weißen Glühwein. Und noch einen. Dass später unsere Gesichtsfarbe ins Grünliche changiert, hat kein bisschen mit der Qualität von Speisen und Getränken zu tun.


Nach ein paar Stunden auf dem Weihnachtsmarkt sind wir satt und zufrieden und mit ein paar Geschenken für uns selbst eingedeckt. Ab nach Hause!

Unser Zug fährt gleich. Den Zustand der meisten Nah- verkehrszugtoiletten im Hinterkopf, steuern wir vorsichtshalber das Bezahlklo im Hauptbahnhof an. Frauen gehen gern vorsichtshalber aufs Klo. Aber das wissen Sie sicher. Sie sind sogar bereit für ein halbwegs reinliches Umfeld den Wahnsinnspreis von einem Euro zu bezahlen. Man bekommt ja einen Gutschein in Höhe von fünfzig Cent zurück, den man in einigen Geschäften am Bahnhof ab einem Mindestverzehr von zwei Euro fünfzig einlösen. Mit diesen Gutscheinen kann ich mittlerweile meinen Flur tapezieren.

Wir gehen also hinunter zum Bezahlklo, da sehen wir schon die Schlange. Interessanterweise auch vor dem Herren-WC, das übrigens nur fünfzig Cent Eintritt kostet. Vielleicht lag es am günstigeren Preis, dass eine Frau dort ein Ticket gelöst hat. Versehentlich. Ihre Freundinnen stehen auf der Frauenseite und diskutieren. Die Frau, die sich vertan hat, muss mal, will und kann aber nicht bei den Männern. Die Herren, die hinter ihr eine mit Schlange mit gefüllter Blase bilden, werden unruhig. Der Mann direkt hinter ihr verlagert sein Gewicht von einem Bein auf das andere und zurück. Die Begleiterinnen warten vor dem Damen-WC, da geht es also auch nicht weiter. Eine hat eine Idee und spricht den unruhigen Mann an, der anfängt zu moppern. Ob es denn nicht mal endlich voran gehe. 

"Geben Sie meiner Freundin doch die fünfzig Cent und gehen Sie dann durch."
Dem Mann ist das Blut aus dem Hirn irgendwo anders hin gerutscht. Er kapiert nur Bahnhof.
"Na klar. Sie schmeißen das Geld in den falschen Automaten und ich soll Ihnen das wiedergeben."
"Ja", sagt die Falschbezahlerin, "aber Sie müssten doch sowieso zahlen."
"Ja", rufe ich, weil ich mich gern einmische, vor allem dann, wenn sich dadurch auch meine Situation verbessert, "Sie müssten die fünfzig Cent doch eh zahlen."
Auch die Freundinnen reden mit glühweingetränkten Stimmen auf den Mann ein. 

Es erscheint die Klofrau, die eigentlich ein Mann von wohl südosteuropäischer oder arabischer Herkunft ist und fragt, was denn hier los sei. Ziemlich laut fragt er das. Inzwischen entsteht ein kleiner Tumult auf der Herrenseite des Bezahlklos. Der Mann, dem sein eigener Urin inzwischen in den Augen steht, rückt erst die fünfzig Cent raus, nachdem ihm seine Geschlechtsgenossen aus der Schlange versichert haben, dass er hier nicht gnadenlos über den Tisch gezogen wird.
Es geht vorwärts.

Der Klowart lässt einen für mich fast schon als historisch zu bewertenden Satz los:
"Ihr Frauen seid alle Bestien!" 
Jetzt wird die Damenschlange unruhig.
"Wie bitte?"
"Was haben Sie da gesagt?"
Und ich so: "Das ist ja wohl ein Scherz. Die, die gemeckert haben, waren die Herren hier nebenan. Und der eine hat nicht kapiert, dass er auch zahlen muss. Ach so, wieso zahlen die Männer eigentlich nur fünfzig Cent?" (Habe keine Zeit für diese Diskussion, der Zug fährt gleich und ich verlagere inzwischen auch mein Gewicht von einem Bein auf das andere)
"Ihr Frauen seid wirklich alle Bestien! Das hat meine Mama mir schon gesagt, als ich noch ein kleiner Junge war. Dass ihr Frauen alle Bestien seid!"
Der Klomann rennt auf und ab, als müsste er selbst mal dringend. Dabei steht er auf der Innenseite.

Nun würde ich die Mutti vom Klomann gern zur Rede stellen, ihr sagen, dass sie keinen wirklich glücklichen Beitrag zum Miteinander von Mann und Frau und auch zum Miteinander von Deutschen und Einwanderern geleistet hat. Leider ist sie gerade nicht hier, sondern macht wahrscheinlich etwas Sinnvolles. Putzen, kochen oder ihrem Mann die Füße. 

Endlich geht es voran. Frau Hanselmann und ich dürfen durch die Schranke zu den WCs gehen. Als wir den Toilettenwart passieren, ruft er: "Ich bin der Toiletten-Jesus. Ich bin hier der Toiletten-Jesus." Ob es sich um eine plötzliche Erleuchtung oder eine Machtdemonstration des Herrn im weißen Kittel handelt, vermag ich nicht zu sagen.

Ich bin, was selten vorkommt, sprachlos, verspüre jedoch, während ich die Klobrille mit diesem Desinfektionszeug abwiener, einen als Lachkrampf einzuordnendes Beben in der Zwerchfellgegend. 

Vielleicht ist in den Reinigungsmitteln doch irgend etwas drin und auf den Flaschen steht ein mit einem Totenkopf gekennzeichneter Hinweis:

"Das Einatmen der Dämpfe, die dieser Flüssigkeit entsteigen, führt unweigerlich zu Größenwahn."

Auf der Rückfahrt bin ich höchst zufrieden mit dem Weihnachtsmarkt-Erlebnis. Die Frau Hanselmann auch. Düfte, Lichter, Bratwurst, Glühwein, selbstgekaufte Gewürze. Und ein durchgeknallter Jesus auf dem Bezahlklo.

Es ist immer gut, wenn etwas Unerwartetes passiert.

Worüber sollte ich sonst schreiben?

:-)


 


22. November 2016

Follow you, follow me

Es ist gar nicht so einfach, Menschen für seinen Schreibblog zu begeistern. Oder sie sind begeistert, geben ihrer Begeisterung aber keinen Ausdruck.
Eventuell mündlich in einem persönlichen Gespräch, worüber ich mich sehr freue.
Oder durch einen Facebook-Kommentar, jedoch selten im Blog direkt. Dabei würde mich das noch mehr motivieren und die ganze Chose beleben. Genau wie viele Follower.

Es wäre ein Leichtes, viele Leser zu bekommen, vor allem männliche, wenn ich einfach den privaten Emailaustausch mit meiner ebenfalls bloggenden Freundin Pia Ersfeld veröffentlichen würde. Dies erlaube ich mir aber nicht.
Daten- und Jugendschutz, Sie verstehen. ;-)
Die Eltern lesen mit.
Hallo, Mama.

Um noch einmal auf die Follower zurück zu kommen, zitiere ich hier doch kurz meine liebe Freundin Pia in einer Mail von neulich:

Liebes, genieße gerade Deine schönen neusten Geschichten. Da fiel mein Blick auf Dein Google-Follower-Dingens. Sag mal, hast Du mal irgendwann ein Nacktfoto gepostet oder warum sind da fast nur Männer? ;-) Die Frau Meyer, hihi.

Oh.

Da musste ich doch einmal nachsehen, und tatsächlich: Nur Herren. Ein paar bekannte und von mir sehr geschätzte Jungs, die ich persönlich kenne, aber auch sehr viele mit englischen Namen. William, John, Henry, Godwin.
Ich gucke mir auf blogger.com die Publikumsstatistik an, also die Länder, aus denen auf meinen Blog zugegriffen wird.

Das Ergebnis ist erstaunlich.


Zunächst dachte ich, dass vielleicht das eine oder andere Goethe-Institut anhand meines im *räusper* einwandfreien Deutsch formulierten Blogs meine Muttersprache erlernt. Oder dass sich die Männer, die sich auf Google + in Soldatenuniformen präsentieren, an ihrem Einsatzort langweilen und meine Geschichten zum Zeit- vertreib lesen.

Nennen Sie mich naiv.

Mein Bruder fragte mich, ob ich schon mal was von Love Scamming oder Romance Scamming gehört hätte.
Hatte ich, doch was sollte das mit mir zu tun haben?
Nun gut, ich habe in meinen Blog kein Geheimnis daraus gemacht, dass ich Single bin. Und über Facebook hatte ich merkwürdige Freundschaftsanfragen von Männern mit englischen Männernamen in Uniformen oder mit Kindern auf dem Profilbild erhalten.

Zufällig liefen in den letzten Wochen und Monaten TV-Berichte wie Um Geld und Gefühle betrogen im ZDF oder in der Aktenzeichen XY-Sondersendung zum Thema Betrug, in der von einer Frau berichtet wurde, die letzten Endes 100.000 Euro an eine ihr unbekannte männliche Bekanntschaft überwiesen hat. Ich gebe zu, dass ich in dem einen oder anderen Fall ehrlich dachte: "Wie kann man nur so blöd sein?", die Methoden der Love bzw Romance Scammer sind aber offenbar extrem perfide.

Organisierte westafrikanische Banden ("Nigeria-Connection") kontaktieren mit Fake-Accounts und geklauten Fotos einsame und bindungswillige Frauen über Facebook oder Singlebörsen. Und weil wir Frauen nach längerer emotionaler und körperlicher Durststrecke empfänglich für Komplimente von smarten Herren sind, läuft das miese Geschäft so gut.

Auch das Netz ist voll von traurigen Geschichten und Artikeln, die vor den sogenannten Scammern warnen, ich verweise hier sehr gern auf den Link der Polizeiberatung.

Ebenfalls sehr lesenswert ist der Blog zu diesem Thema von der freien Kommunikationsdesignerin und Texterin Victoria Schwartz, die ebenfalls Opfer eines Romance Scammers wurde und nun anderen Opfern beratend zur Seite steht.

Ich werde sicher einige Follower verlieren, wenn ich sage, dass es bei mir absolut gar nix zu holen gibt. Weder Geld, noch mein Herz.

Dear William, dear John, dear Henry, dear Godwin, dear whoever,

I am sorry to say that there is no money I could send you.
Do not even dare to ask me!
I hope and I am sure that every fake account creator and user will be punished somehow someday.

Or to say it in German


Über Follower, die meine Geschichten schätzen und kommentieren, freue ich mich weiterhin.

Siehe oben.
:-)

















16. Oktober 2016

Smartphonefrei auf Norderney

"Da kann sich einer den Kopf dran stoßen."

Der Opa nörgelt nur noch ein bis zwei Mal wegen des für Mitreisende gefährlich verstauten Rollators. Dann gibt er auf. Während der Rest der Familie Karten spielt, unterhält er sich mit einem Ehepaar, das mit ihm den Tisch im Großraumwagen des Intercity teilt.

"Ja, ich war schon Mal auf Norderney. Ist aber schon ein Weilchen her. Nach´m Kriech haben se mich da hoch geschickt, damit ich ein paar Pfunde zulege. War schön da, gute Luft. Und das Meer!"

Mir fällt ein, dass Norderney in meiner Grundschulzeit das Ziel einer von uns Knirpsen sehr gefürchteten Kinderlandverschickung war. Gruselige Geschichten über Kinderheime, Heimwehtränen, ungenießbares, nur der Mast von mageren Kindern dienendem Essen kursierten auf dem Pausenhof. "Heike war in den Sommerferien auf Norderney", flüsterten wir uns zu, während wir versuchten, Veränderungen an der Mitschülerin festzustellen. Hatte man sie zum Essen gezwungen? Hatte man ihren Willen gebrochen? Norderney regte unsere Phantasie an. Es war Guantanamo und Alcatraz in einem. Oder zumindest das, was Frankfurt für Alm Öhis Enkelin Heidi bedeutete. Ich war heilfroh, dass ich nie dorthin musste.

Und jetzt freue ich mich auf die Insel. Der Zug fährt durch plattes Land, hinter Münster dominiert der rote Backstein, die Häuser werden immer putziger. Aufgeräumte Gärten. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Inzwischen bin ich so entspannt, dass ich die Gespräche um mich herum ausblenden kann. Weil ich mein Smartphone zuhause vergessen habe, bleibt mir noch mein Buch, Der Distelfink, in das ich mich bereits nach den ersten gelesenen Seiten verliebe. Vor allem in den dreizehnjährigen Theo Decker, die Hauptfigur des Romans.

Am Rande der Park Avenue standen Kolonnen von roten Tulpen in Habtachtstellung, als wir vorbeijagten. Bollywood Pop - zu einem leisen, beinahe unterschwelligen Wimmern heruntergedreht - glühte in hypnotisierenden Spiralen an der Schwelle meines Gehörs.

Ich lese eine derartig feine, sensible Sprache voller Freude und gleichzeitiger Demut. Donna Tartt schreibt so wunderbar, dass ich das Buch nicht weglegen und gleichzeit sofort und für immer mit dem Schreiben aufhören möchte. Niemals wird mir solch ein Werk gelingen, und während mein Zug durch Leer fährt, werde ich melancholisch. Diese Stimmung hält auch auf der Fähre an. Um mich herum lauter Familien oder Paare. Ich nehme an einem Tisch Platz, eine Bedienung nimmt die Bestellung auf. Meine Seele verlangt nach Kakao mit Sahne. Den zahlen übrigens meine Mitreisenden, denn kurz bevor wir im Norderneyer Hafen ankommen, gehe ich an Deck und mache mit meiner in letzter Zeit vernachlässigten Kamera Fotos. Nun, da mein Smartphone in Düsseldorf liegt (hatte ich schon erwähnt, oder?), kommt sie endlich wieder zum Einsatz. Ich lasse mir die steife Brise um die Nase wehen und vergesse, den Kakao zu bezahlen.




Zwei Tage später treffe ich in der Weißen Düne eine Dame aus Mettmann, die die Rechnung übernommen hat. Sie möchte auf gar keinen Fall das Geld zurück haben. Ich glaube, Inseln machen Menschen großzügig. Vor allem Nordseeinseln. 

Nachdem ich meine seit zehn Tagen urlaubende Mutter in die Arme geschlossen habe, zeigt sie mir, wo es überall schön ist. Aus der einfachen Pension, in der wir vor vierundvierzig Jahren einen Urlaub verbracht haben und an die ich mich überhaupt nicht erinnern kann, ist ein stylishes Hotel mit Restaurant geworden.

 

"Ich muss jeden Tag mindestens einmal ans Meer", erzählt mir meine Mutter. Ich selbst bin nur drei Tage hier und - klar - ans Meer muss ich auch. Gerade im Herbst wechselt das Licht, der Strand sieht ständig anders aus. 





Wir trinken einen Tee im Café Marienhöhe, genießen die Aussicht auf vorbeifahrende Schiffe. Draußen regnet es.


Und wie im richtigen Leben, folgt auch an der See auf Regen Sonnenschein.








Ich atme tief durch, wie man es nur an der See kann.  
Sehr wahrscheinlich ziehe ich hierhin.
Oder komme wieder zum Urlaub machen her.

Mal sehen.



Roman Der Distelfink Donna Tartt 
Goldmann Verlag  ISBN 978-3-442-47360-1

Fotos ©  Britta Meyer