20. Dezember 2015

Johanna, Jonathan und der Weihnachtszug

Johanna und Jonathan stellten sich auf ihre Zehenspitzen und schoben die Münzen durch das Fensterchen. „Zwei Fahrkarten, bitte“, sagte Jonathan.

"Für mich auch", sagte Johanna. "Aber gerne doch“, sagte die Frau an der Kasse und gab Johanna und Jonathan jeweils einen blauen Chip und einen goldenen, der genauso funkelte wie einer ihrer Zähne. "Warum ist der eine Chip aus Gold?“ fragte Johanna. "Das ist eine besondere Fahrkarte für eine ganz besondere Fahrt“, lächelte die Frau an der Kasse. Johanna und Jonathan rannten zur Lokomotive, die ganz vorne war und den Zug anführte. Beide Kinder waren schon groß genug, um alleine einzusteigen. Ihre Eltern standen mit ihren Freunden am Glühweinstand und quatschten. "Huhu!“ rief Johannas Mama und winkte. Die Kinder winkten zurück. "Sollen wir erst einen blauen Chip abgeben oder sollen wir den goldenen nehmen?“ „Nö, erst den blauen.“ Der Mann, der die Fahrkarten einsammelte, ging von Fahrzeug zu Fahrzeug und kam auch ganz nach vorn zur Lokomotive.

Die Fahrt ging los. Erst ging es geradeaus, was ein bisschen langweilig war, und dann kam der Supidupi-Berg, wie Johanna und Jonathan den Hügel nannten, über den der Zug fuhr. Den Supidupi-Berg kannten beide schon vom letzten Jahr. Da hatte das Karussell auch auf dem Weihnachtsmarkt gestanden. Wenn der Zug den Berg wieder runterfuhr, bekam man ein ganz komisches Gefühl im Bauch. Jonathan läutete wild die Glocke. Johanna wollte auch. Nach vier Runden kam der Zug zum Stehen. „Macht mal ´ne Pause, ihr beiden“, rief Jonathans Vater. Die Kinder schüttelten ihre Köpfe. Bei den Erwachsenen stehen war voll doof. Die tranken immer nur den blöden Glühwein und waren dann total albern. „Na, gut“, sagte Jonathans Vater, „noch einmal fahren.“

Die Kinder blieben in der Lokomotive sitzen, sie saßen am allerliebsten vorne und waren der Chef vom Weihnachtszug. Beide. Jetzt kam wieder der Mann, um die Chips einzusammeln. Als Johanna und Jonathan die goldenen Fahrkarten abgaben, lächelte der Mann. In seinem Mund funkelte ein Goldzahn, genauso wie bei der Frau an der Kasse. „Oh, das wird aber eine ganz besondere Fahrt.“ Johanna und Jonathan schauten sich an. Was hatte das wohl zu bedeuten?

Der Zug bewegte sich und Johanna läutete die Glocke der Lokomotive. Erst ging es geradeaus. Wie immer. Dann fuhr der Zug den Supidupi-Berg hoch. Hey, was war denn nun los? Die Lokomotive löste sich aus den Schienen und fuhr steil nach oben, über das Kassenhäuschen hinweg. Johanna klammerte sich an Jonathan und schaute nach unten. "Ma...Mamaaaa", rief sie, aber Mama quatschte natürlich gerade wieder mit Britta und merkte nichts. Sie wurde kleiner und kleiner, genauso wie alle anderen Menschen auf dem Weihnachstmarkt. Die Lok fuhr weiter nach oben in den Himmel, durch die Wolken, höher und höher. Johanna musste ein bisschen weinen. Jonathan, der alles sehr spannend fand, legte den Arm um sie. Über den Wolken fuhr die Lokomotive wieder geradeaus, wurde langsamer und blieb schließlich vor einem goldenen Tor stehen. Johanna und Jonathan stiegen von der Lokomotive herunter. Am Tor war eine Klingel angebracht, unter der Klingel stand auf einem Schild "Niko Laus", aber das konnten die beiden Kinder noch nicht lesen. Jonathan drückte auf die Klingel. "Nicht", schrie Johanna, aber es war zu spät. Durch die Sprechanlage brüllte jemand ziemlich wütend: "Ja, was ist denn?" "Äh, hier sind Johanna und Jonathan, die Lok vom Weihnachtszug hat uns hierher gebracht." "Na prima, kommt rein", sagte die Stimme nun wesentlich freundlicher.

Die Türen des goldenen Tors öffneten sich quietschend. Johanna und Jonathan nahmen sich an den Händen und gingen hindurch. Auf den Wolken zu gehen, war überhaupt kein Problem. Lustig war das. Die Kinder gingen auf ein kleines schickes weißes Haus zu. In der Haustür stand ein dicker älterer Mann mit Bart. Er trug eine rote Zipfelmütze, einen roten Bademantel und rote Pantoffeln. DER WEIHNACHTSMANN! "Oh, oh, jetzt gibt´s Ärger", dachte Jonathan. Er hatte auf seinen Wunschzettel fast alles aus dem Playmobil-Heft geklebt. Das war vielleicht doch ein bisschen viel.

Der Weihnachtsmann griff sich an seinen Rücken und stöhnte. "Gut, dass Ihr da seid. Ich brauche dringend Hilfe beim Geschenke verteilen. Hab´s an der Bandscheibe." "Hat mein Papa auch schon mal gehabt", sagte Jonathan verständnisvoll.
"Was ist dem mit dem Christkind?", fragte Johanna, die jetzt überhaupt keine Angst mehr hatte, "kann das Christkind dir nicht helfen?"

"Leider, leider haben wir uns total gestritten. Chris hat sich geärgert, weil ich immer den Kühlschrank leer futtere und meine Barthaare im Waschbecken liegen. In einer WG zusammen zu wohnen, ist gar nicht so einfach, das kann ich Euch sagen. Das Christkind ist auf einen Selbstfindungstrip gegangen und hat mich völlig allein gelassen mit der ganzen Arbeit." Johanna und Jonathan wussten nicht, was eine WG und ein Selbstfindungsdings waren. Sie merkten aber, dass der Weihnachtsmann dringend Hilfe brauchte. Er konnte sich nur langsam bewegen und hatte starke Schmerzen.

"Was sollen wir denn jetzt machen?" fragte Jonathan den Weihnachtsmann. "Die Geschenke sind schon verpackt und stehen hinten im Geräteschuppen. An den Paketen sind Zettel mit den Adressen der Kinder, die die Geschenke bekommen sollen, fest gemacht. "Wir können aber noch gar nicht lesen", sagte Johanna. "Das macht nichts, ich fahre mit euch im Schlitten mit. Ihr müsst nur die Päckchen zu den Häusern bringen, mit dem Zauberschlüssel die Haustüren öffnen und die Geschenke unter den Weihnachtsbaum stellen. Ihr dürft Euch aber nicht erwischen lassen! So, ich muss nur eben etwas anderes anziehen, im Bademantel wird es mir echt zu kalt."

Während der Weihnachtsmann sich wärmer anzog, gingen die Kinder schon mal zum Geräteschuppen und trugen die Pakete zum Schlitten. Die Rentiere, die vor den Schlitten gespannt waren, sagten freundlich Hallo. Boah, waren die Päckchen schwer, zum Teil mussten Johanna und Jonathan die Geschenke zu zweit tragen. Sie schwitzen sehr, aber es machte ihnen eine wahnsinnige Freude dem Weihnachtsmann helfen zu können.

Endlich konnte es los gehen. Die Rentiere zogen den Schlitten, der Weihnachtsmann saß vorne, Johanna und Jonathan hinten bei den Geschenken. Wow, der Schlitten hatte ein ganz schönes Tempo drauf, in den Kurven mussten die Kinder die Geschenke festhalten. Als der Schlitten durch die Wolkendecke flog, wackelte es ganz doll. Jonathan hielt sich an Johanna fest, rutschte aber ab und fiel aus dem Schlitten. 


"Aua!". Jonathan öffnete die Augen. Er lag auf dem Fußboden neben einem Bett. Das war gar nicht sein Bett und nicht sein Kinderzimmer. Das war das Bett von Britta, in dem auch Johanna schlief. Nebenan aus dem Wohnzimmer hörte er Stimmen, Musik und Gelächter. Jonathan kletterte wieder ins Bett. Er machte seine Augen fest zu, weil er ganz schnell wieder einschlafen und weiter träumen wollte. Er musste doch unbedingt heraus finden, ob alle Geschenke rechtzeitig verteilt worden waren. Sein Kumpel, der Weihnachtsmann, hatte sich doch sicher so sehr über die Hilfe gefreut, dass er Jonathan ganz bestimmt alle Sachen aus dem Playmobil-Heft schenken würde. 


Ganz bestimmt.


Ich wünsche allen meinen Blog-Lesern und -Leserinnen ein gemütliches Fest, entspannte Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Danke für eure Lesetreue. Wenn ihr meinen Blog weiterempfehlt, macht ihr mir das beste Weihnachtsgeschenk. :-)

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