12. Juli 2015

Konfuzius war nie in der Picardie

Der Weg ist das Ziel. 

Dieses sehr frei übersetzte Zitat von Konfuzius wird von mir so gedeutet, dass man den Weg achten und wertschätzen soll, der einen zu einem Ziel führt.

Unser Ziel heißt Düsseldorf. 

Der Urlaub, der schöne, der entspannende Urlaub in der Normandie ist vorbei. Auf der Fußmatte des Volkswagens befinden sich Sandkörner, Erinnerungskrümelchen vom Strand von Jonville auf der Cotentin-Halbinsel.


Der Weg, den wir jetzt gerade befahren, führt durch die Picardie, eine Region Frankreichs, die - wie soll ich es ausdrücken, ohne unhöflich zu werden? - nicht gerade durch ihr abwechslungsreiches Erscheinungsbild besticht. Felder, Felder und Felder. Oh, ein paar Windräder, wow. Felder.

Die A29 führt quer durch diese nordfranzöische Region und ich darf wohl vermuten, dass Konfuzius diesen Weg nie befahren hat. Die A29 ist geteerte Langeweile!


Während auf dem Weg in den Urlaub diese Ödnis zu ertragen war, weil die Vorfreude überwog, dauert die Rückfahrt durch das nordfranzösische Nichts gefühlte Stunden. 



Das vormals mit Kohlensäure versehene Mineralwasser ist pipiwarm und trägt nicht zur Stimmungsaufhellung bei. Jules Verne hat hier gelebt. Ist es ein Wunder, dass er spannende Geschichten ersann? Eine Reise zum Mittelpunkt der Erde ist allemal besser als das.



Ich dichte ein Lied, um uns die Fahrzeit ein wenig lustiger zu gestalten.

Monotonie in der Picardie,
Melancholie bei 30 Grad.
Links Windräder, rechts Heuballen,
die Picardie möcht mir nicht gefallen.
  
Inzwischen befinden wir uns in der Somme, einem der drei De- partments, die zur Picardie gehören. Schilder am Straßenrand weisen auf die Schlachten des Grande Guerre, dem 1. Weltkrieg, hin. Heißa.

Ich frage meinen Chauffeur und Lebensgefährten, ob er die Po-Ebene in Norditalien kennt. Er erinnert sich nicht. Die Po-Ebene mit ihrer sumpfigen Landschaft und morbiden Bauernhöfen toppt die Picardie sogar noch.
"Wenn wir früher nach Ligurien gefahren sind, haben mein Bruder und ich uns in der Po-Ebene, wo wir immer im Stau standen, der- maßen gelangweilt, dass wir uns streiten mussten. Es ging nicht anders."

Der einzige, mit dem ich mich jetzt anlegen könnte, wäre mein Freund, aber ich möchte ihn aus Sicherheitsgründen nicht während der Fahrt piesacken. Ich bin schon froh, wenn er nicht einschläft und drehe die Musik etwas lauter.

Abwechslungsreiche Autobahnbegrünung

"Boah, hat die Fahrt durch die Picardie auf der Hinreise auch so lange gedauert?"

Dass bei ihm die Nerven etwas angekratzt sind, bemerke ich beim Anfahren unserer achten Maut-Station. "Wieviel wollen die Wichser denn jetzt schon wieder haben?" motzt der ansonsten absolut sozialverträgliche Mann an meiner Seite.

Er zahlt und steuert uns weiter Richtung Heimat. Durch Belgien. Nur soviel: Es wird nicht spannender, bis wir die hügelige Landschaft der Ardennen und das Herver Land passieren und irgendwann wieder WDR 5 empfangen. Heißa.

Nach dem Durchqueren des Rheinufertunnels entdecken wir die vertraute Sommerabend-Endlos-Schlange am Fortuna-Büdchen. Düsseldorf ist auch schön.

Und das Ziel ist das Ziel.
Punkt.




Fotos: Frau Meyer (privat) 

Kommentare:

  1. N'abend Frau Meyer,
    mir geht es oft genau anders herum. Der Stalltrieb lässt mir die Rückfahrten von wo auch immer kürzer erscheinen, als die Fahrt in die andere Richtung. Das kann natürlich daran liegen, dass ich öfter zu dienstlichen Zwecken unterwegs bin als in den Urlaub....
    Aber egal von wo ich gerade herkomme, fange ich rund 100 Kilometer entfernt vom Sendegebiet des WDR, an am Radio rumzufummeln -- Jetzt muss aber bald was kommen auf der Frequenz --
    Das ist quasi die erste Stufe des Heimkommens, die zweite habe ich dann, wenn ich über die Fleherbrücke fahre, dann rinnt mir egal wie lange ich unterwegs war, meist ein Tränchen aus den Augen. Ich bin immer wieder ergriffen, wenn mein Blick auf die Silhouette von Düsseldorf trifft. Es ist immer wieder schön nach Hause zu kommen.
    So. Viele Grüße, Andreas
    (... oder auch Harry Klein lebt woanders)

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  2. Werter AL,

    danke für deinen Kommentar. Den Begriff "Stalltrieb" werde ich ab sofort in meinen aktiven Wortschatz integrieren. :-)
    Dein anderes Zeitempfinden auf Fahrten nach Hause finde ich sehr interessant, ansonsten unterschreiden wir uns nicht. Wenn WDR nicht mehr rauscht und wir, von welcher Brücke auch immer, auf die Skyline der Stadt blicken, fühlen wir ursprünglich Zugereisten uns wieder zuhause.

    Gut so!

    Liebe Grüße und sag mir Bescheid, wenn du herausgefunden hast, was aus Harry K. geworden ist.

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  3. Ich hätte ja jetzt zu Kennzeichenraten geraten. Aber ich weiß, ab einem gewissen Alter ist das auch nicht mehr das Gelbe vom Ei, vor allem dann, wenn keine Kennzeichen die Straßen bevölkern. Da hilft nur gemeinsam singen und Witze erzählen und Wolken deuten oder Regentropfen zählen. Und wieso hat der Pädagoge an Deiner Seite nicht ähnliche Spielchen vorgeschlagen? Darüber könnte man bei einer der nächsten langweiligen Fahrten ja mal reden, oder?

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