13. März 2014

Ich wollte Nscho-tschi sein




Die Gestaltung der großen Pause war geklärt. Wir Grundschulkinder waren noch tief beeindruckt von der Winnetou I – Ausstrahlung am Samstag und wollten die Abenteuer des Häuptlings der Apachen und seines weißen Bruders Old Shatterhand nachspielen. Schnell einigten wir uns auf Markus als Winnetou, Holger als Old Shatterhand. Und ich wollte Nscho-tschi sein.

Blöd war nur, dass Heike, Marijke und Inga auch Nscho-tschi sein wollten. Sie war bildschön, hatte dicke schwarze Zöpfe und trug diese feinen weichen Lederkleider mit aufwendiger Bestickung und Fransen. Außerdem hielt sie sich ständig in der Nähe ihres Bruders Winnetou und des tollen (weil von den Apachen akzeptierten) Old Shatterhand auf, in den sie sich schließlich verliebte. Ich wusste, ich würde eine prima Nscho-tschi abgeben, doch Heike hatte die größte Klappe und somit das beste Durchsetzungsvermögen. Sie zeigte auf uns andere Apachenhäuptlingsschwester-Anwärterinnen und rief: „Ihr seid alle blond, Scho-schi hat dunkle Haare, also bin ich die Scho-schi, ist doch klar.“ Wir sagten Scho-Schi wie wir Winnitu sagten. Die Aussprache war nicht wichtig. Das Abenteuer zählte.

Die Besetzung stand. Markus war Winnitu, Heike Scho-schi. Die große Pause dauerte nur 45 Minuten und wir hatten schon 10 Minuten mit der Verteilung der Rollen vergeudet. Für das Winnitu-Spiel gab es kein Skript. Es gab eine Gruppe böser Cowboys, die freiwillig von ein paar verhaltens-auffälligeren Mitschülern dargestellt wurden. Diese standen auf dem unteren Teil des Schulhofes, der normalerweise von den Schülern der B-Klassen genutzt wurde und versteckten sich hinter Bäumen oder Büschen. Die ehrwürdigen Apachen, also Winnitu, Olt Schätterhend und Scho-schi (leider dargestellt von Heike) warteten auf dem oberen Schulhof der alten Grundschule und gingen langsam von rechts nach links. Vorneweg die drei Protogonisten, gefolgt von dem Apachen-Fußvolk, zu dem ich zählte.

Ich erinnere mich an das Kribbeln, die Aufregung in Erwartung des Überfalls durch Sänter und die anderen bösen Cowboys. Es raschelte hinter den Büschen und irgendwann galoppierte die Bande hinter uns her. Das Galoppieren imitierten die Jungs durch Pferdchengalopp und Schlagen auf das eigene Gesäß, so als würden sie die Pferde antreiben. Gerade als es besonders spannend wurde, die Bösewichte waren uns auf den Fersen, hatte ich eine Eingebung, rannte vor zu Winnitu, seinem Kumpel und seiner Schwester und rief: „Halt!“ Das Spiel wurde, wenn auch ungern, unterbrochen. Die Zeit rannte.

„Wieso kann ich nicht Scho-schi sein, weil ich blond bin, und Markus ist Winnitu und hat selber blonde Haare?“ Während wir Apachen kurz zusammen grübelten, hatten uns Sänter und seine Mannen eingeholt und gefangen genommen. Sie trieben uns unter den Baum zwischen den zwei Treppen, die in die Klassenräume führten, und bewachten uns. Ich fühlte mich ein bisschen schuldig an unserer Situation, mein Gerechtigkeitssinn war mir wieder einmal in die Quere gekommen. „Ich oder Marijke oder Inga, wir hätten alle Scho-schi sein können. Markus ist blond und spielt Winnitu und Holli spielt Olt Schätterhend und hat dunkle Haare. Eigentlich hätte Holli Winnitu sein müssen.“
Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube, meine Mitschüler verdrehten die Augen. Die Lehrerin rief uns zurück in die Klasse. „Erst muss Jürgen mich noch erschießen und ich muss sterben“, meinte Heike.

Sie hatte das letzte Wort. Wie immer.



P.S. Pierre Brice ist am 6. Februar 85 Jahre alt geworden. Er sieht immer noch fantastisch aus. Für mich war er so sehr Winnetou wie kein anderer. Ich wünsche dem Häuptling der Apachen noch viele gesunde Lebensjahre.


Bild: Metro Cat / fotocommunity