13. Februar 2016

Sweet harmony

Eine Einladung zur Skyline-Party in Lübeck-Moisling, da sagen Jutta und ich doch nicht nein. Jutta ist ein bisschen verguckt in Matze, der wiederum ein Freund von Björn ist, in den ich mal verguckt war, bevor ich Stefan kennenlernte.

Der dunkelblaue Opel Corsa swing braust mitten im Sommer 1993 über die A1 Richtung Norden. Im Inneren des Wagens zwei plappernde junge Damen, Wasserpullen, süße Gummischnuller vom Büdchen und ein wenig Aufregung. Wir kommen in Lübeck-Moisling an und verstehen gar nicht, warum es uns überrascht, dass Matze in einem der freudlosen Hochhäuser wohnt. Skyline-Party. Mit Anfang 20 können wir wohl kein Loft erwarten. Im Fahrstuhl, in dem man die Knöpfe nicht berühren will, fahren wir mit unseren schweren Reisetaschen nach oben. In den Taschen befindet sich Kosmetika und diverse Outfits, man weiß ja nicht, wer noch so alles da ist.

Nach kurzem Umhersehen stellen wir fest, dass Stimmung und Kleidungsstil eher sportlich-leger sind, also bleiben wir in unseren verschwitzten Shirts und kurzen Hosen. Frisch machen müssen wir uns aber, Deo unter die Achseln und ein bissken Schminke ins Gesicht. Wir quetschen uns in das schlecht beleuchtete Minibad des Skyline-Appartments und ich frage Jutta, ob sie mir mal ihr Puder geben kann. Später, als wir unseren Cocktail (Pina Colada) schlürfen, bekommt Jutta einen Lachanfall, weil ich mir ihr Indian Bronze-Puderzeugs auf Stirn und Wangen getupft habe und aussehe wie ein Clown mit Typhus.

Da ist ein Jens, der sich toll vorkommt und leider - wie es eben immer der Fall ist - aussieht wie Ben Affleck, den wir damals noch gar nicht kennen. Kevin Costner hat gerade als Robin Hood den Nottingham Forest befreit und Jeff Bridges als König der Fischer unsere Herzen erobert. Jens baggert Ingrid an, ein dürres Etwas mit Minipli. Alle baggern Ingrid an. Matze will nicht so recht. Wir trinken Cocktails, bis wir müde sind und uns zu zweit auf Matzes Futon legen. Dort liegen die Jacken der Party-Gäste, also geht später dann alle zwei Minuten die Tür auf, fremde Hände ziehen die Jacken unter unseren Körpern weg. Schlafen ist nicht.

Irgendwann hat auch Ingrid die Wohnungstür hinter sich zugemacht.

Wir hören Musik. Sweet harmony von The Beloved. 


Let´s come together, right now. 
Oh yeah, in sweet harmony.

Matze hat für seinen Lieblingssong die Repeat-Funktion in Anspruch genommen.

Let´s come together, right now. 

Oh yeah, in sweet harmony.
 

Mir kommt es so vor, als liefe diese einzige Liedzeile in Dauerschleife
 
Das nervt. Unruhig wälzen Jutta und ich uns hin und her. Zu viele Cocktails, zu viele Jacken, zu viele Repeats. Und ein Matze, der besoffen auf seinem Sofa nebenan liegt und schnarcht. Merkt der denn gar nichts mehr? Wir können nicht schlafen, uns brummt der Schädel, aber wir sind viel zu faul, der süßen Harmonie ein Ende zu bereiten. Irgendwann halte ich das alles nicht mehr aus, taumele ins Wohnzimmerchen und ziehe den Stecker.

Warum erzähle ich das alles? Weil ich gerade nach dem Aufstehen Sweet harmony von The Beloved im Radio gehört habe. Und weil ich dieses Lied nicht mehr hören kann, ohne an Matze und die Skyline-Party in Lübeck-Moisling zu denken.


Wir waren jung und schön und haben es nicht gewusst.
Und für Abende wie damals gibt es keine Repeat-Taste. 
Tragisch, eigentlich.

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