23. Februar 2014

Gesundheitstag in der Kantine

Ja, das Geschäftsjahr ist jung, aber schon kriselt es überall. Der Großkunde unseres Reisebüros hieß mal Westdeutsche Landesbank und ist jetzt eine Abwicklungsgesellschaft. Und wer nicht weiß, ob er in ein paar Monaten noch dort arbeitet, wo er arbeitet, der plant keinen Urlaub und bucht in unserem Reisebüro. Logisch.

Das Motto lautet NEUKUNDENGEWINNUNG. Sich weiterempfehlen lassen, sich in den Geschäften im Umkreis von 2 km vorstellen, im Internet Tipps abgeben und hoffen, dass deswegen einer bei uns bucht, einfach zeigen, dass man da ist und dass man was kann. Da kommt ein Anruf von einer Firma, in der wir vor Jahren eine Marketing-Aktion veranstaltet haben, wie gerufen. "Wir haben einen Gesundheitstag in der Kantine, haben Sie nicht Lust, dort Werbung für sich zu machen?" Natürlich haben wir Lust. 

Mein Kollege, der Guido, und ich fahren mit einem Smartchen von Car-2-go in die Firma auf der anderen Rheinseite, im Gepäck viele Kataloge zum Thema Wellness- und Sporturlaub, sowie Flyer, die auf unser Online-Gewinnspiel hinweisen. Dies alles verteilen wir auf einem Tisch im Eingangsbereich der Kantine. Heute ist der Vital-Tag in der Kantine, der Betreiber verteilt Mineralwasser und Obst für umsonst, es gibt Salat und Fisch und Currywurst mit Pommes. Es ist nämlich Donnerstag und Donnerstag ist Currywurst-Tag.
Jetzt raten Sie doch bitte mal, welches Gericht am Gesundheitstag den größten Anklang fand? 

Eingehüllt in den Duft halbwegs frischen Frittierfetts folgen Guido und ich mit unseren Blicken den übermäßig gefüllten Tellern mit Wurst in lecker roter scharfer Soße, Bergen von Pommes und natürlich dem obligatorischen Schlag Mayo. "Gesundheitstag", raune ich Guido zu. "Das sehe ich", raunt er zurück. Zwischendurch versuchen wir, die Kunden auf unsere Gesundheits- und Aktivreisen und auf unser tolles Gewinnspiel aufmerksam zu machen. Das fettige Essen macht die ohnehin wenig begeistert wirkenden Kantinenbesucher noch phlegmatischer.

"Sie können Reisegutscheine für Ihren Urlaub gewinnen." - "Ich fahre nicht in den Urlaub." - "Sie fahren nie in den Urlaub?" - "Nein." - "Wirklich gar nie?" - "Nein."

Ich schaue in das fahlgraue Gesicht und weiß, dass der junge Mann nicht lügt. Er ist einer von vielen Programmieren im Karohemd. Er kennt sich mit Ego-Shooter-Spielen aus. Er weiß, wie man das Pentagon hackt.  Er mag nur nicht verreisen. Das ist nicht schlimm, ich kenne noch jemanden, der nicht gern verreist, aber der hat noch Haare auf dem Kopf, spielt keine Ego-Shooter-Spiele, isst aber gerne Currywurst mit Pommes. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang zwischen diesem Gericht und der Lust auf Verreisen.

Guido ist Single und enttäuscht. "Darf ich mal was sagen?" wendet er sich an mich. Als er mir das letzte Mal was sagen wollte, dachte ich, er sei sterbenskrank oder so, aber er hat mir dann nur erzählt, dass Hüttenkäse voll scheiße schmeckt. Deshalb erwarte ich dieses Mal recht entspannt, was Guido mir zu sagen hat. Unsere Augenpaare folgen erneut einer Gruppe Karohemdenträger mit dicken Pötern. "Hier rennt nicht ein geiler Typ rum. Lauter nerds. Die sehen aus wie geklont, das ist ja schrecklich." Ich schaue Richtung Currywurst-Schlange und deute unauffällig auf einen jungen Mann mit dunklem Pullover ohne Karohemd. 

"Wie findeste den?"- "Nö, gefällt mir nicht. Dann schon lieber den an der Kasse."-"Den Kleinen?" - "Das stört mich überhaupt nicht."

Wir wedeln mit den Flyern für das Gewinnspiel. Ein paar Interessierte gibt es doch. Wir packen fleißig Kataloge ein und bieten unsere Hilfe an, falls jemand doch mal in den Urlaub möchte. Einige wenige Damen essen Lachs - die Figur! - was der Mann vom Weight Watchers Stand nebenan mit wohlwollendem Nicken quittiert. Ich gehe zu ihm rüber, zeige auf eine weitere Gruppe currywursttellertragender Kantinenbesucher und fragen den WW-Mitarbeiter "Na, mit wievielen Points haben wir es denn hier zu tun?" - "26 Punkte, mit Mayo 30." Als ich selbst vor Jahren Mitglied der Weight Watchers war, durfte ich nur 29 Points verzehren. Pro Tag.

Der Guido verteilt fleißig Flyer und schaut, ob man außer neuen Kunden auch einen neuen Partner akquirieren kann. Leider Fehlanzeige. Zum Schluss dürfen wir uns am Buffet bedienen. Der Guido isst Lachs mit Nudeln, obwohl er Currywurst ohne Weiteres essen könnte. Und ich esse Salat, während ich auf die Pommes am Nachbartisch schiele.
Irgendwann ist die Aktion vorüber und wir fahren mit den restlichen Katalogen und dem Smartchen wieder in unser Büro. Wir riechen nach Pommesfett, vom Schleppen tut uns der Rücken weh, der Guido war erfolglos, was den neuen Mann angeht. Aber wir haben uns redlich bemüht. 

Knapp 30 Personen haben an dem Gewinnspiel teilgenommen. Zwei männliche haben Gutscheine im Wert von 150 und 100 Euro gewonnen. Auf die Email, dass Sie Gewinner sind und gern die Gutscheine bei uns abholen können, habe ich seit Wochen keine Antwort erhalten.

Vermutlich handelt es sich um zwei Herren, die nicht in den Urlaub fahren. 
Ziemlich sicher sogar.

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