21. Februar 2014

Hinterm Brenner scheint fast immer die Sonne

„Katzenfutter“, die alte Frau spuckte ihre Worte in meine Richtung, „das reinste Katzenfutter is des.“ Ich räumte den Teller mit den Spaghetti Tonno ab. Fast alles hat sie darauf gelassen. Der Geruch des Tunfisches stieg in meine Nase. Ich verstand, was die Alte gemeint hatte, als sie von Katzen-futter sprach, nachdem ich sie gefragt hatte, ob es denn geschmeckt habe. „Komm, Mutter, wir müssen weiter.“ Der Sohn warf mir einen entschuldigenden Blick zu und wartete, bis sich die kleine Frau mit der altrosé farbenden Mütze bei ihm untergehakt hatte. Am Nachbartisch bellte einer in sein Handy. „Ich brauche noch eine Stunde, hab mir gerade einen Kaffee getrunken nach dem langen Stau. In Feucht-Ost bin ich. Ja, in der Raststätte.“ Ich nahm die leere Tasse, stellte sie auf den Teller mit den Spaghetti und ging zur Küche. „Lissi, du hast längst Feierabend“, rief Toni, der Küchenchef. „Hast du kein Zuhause?“ Klar hatte ich ein Zuhause, eine 50qm Wohnung mit Küche, Bad, ohne Balkon. In der Anne-Frank-Straße wohnte ich, ich war nach der Trennung von Markus vor drei Jahren dort eingezogen. Seitdem lebte ich also allein, mause- allein. Toni hatte Recht. Ich hatte seit einer Stunde Feierabend, aber vielleicht kam der Karl ja noch.

Gerade als ich in meine Jacke schlüpfte und nach meiner Tasche griff, sah ich durch die Küchentür Karl die Gaststätte betreten. Er schaute sich um. Suchte er mich? Schnell glitt ich aus meiner Jacke und warf sie zusammen mit der Tasche in den Spind. Ich spuckte in meine Hände und strich mir über mein Haar, obwohl ich wusste, dass das zwecklos war. Es kräuselte sich sowieso, vor allem bei den feuchten Dämpfen in der Küche. Wie zufällig ging ich an Karl vorbei, der mit seinem Tablett an der Kasse stand. Gulaschsuppe und eine Apfelschorle hatte er sich ausgesucht. Wie immer. „Lissi, warte“, er ging mit dem Tablett hinter mir her. „Hast du einen Moment für mich? Komm, setz dich her zu mir.“ Natürlich setzte ich mich. Mein Dilemma war, dass ich nicht allzu sehr den Eindruck erwecken wollte, mich für Karl zu interessieren. Andererseits war mir wichtig, den Kontakt aufrecht zu erhalten. „Und, wie hat´s dir gefallen?“ fragte er und sah mir dabei direkt in die Augen, die ich niederschlug wie ein dummer verliebter Teenager. „Mein Buch, wie hat´s dir gefallen?“

Ich räusperte mich. Klar, ich hatte sofort mit Karls Buch angefangen, als er es mir in die Hand gedrückt hatte. „Straßenpoesie“ hieß es. Lauter Gedichte standen darin, die hatte Karl geschrieben. Er war ein richtiger Autor und hatte mir erzählt, dass er schreibt, meistens abends, wenn er auf irgendeinem Parkplatz in Bergamo oder Bratislava in der Koje seines Lkws lag. Und weil ich alles über Karl wissen wollte, hatte ich mich nach Feierabend auf die Getränkekästen draußen vor der Küche gesetzt und das leicht zerfledderte Buch gelesen. „Gut. Gut hat es mir gefallen?“ „Welches Gedicht mochtest du am liebsten?“ fragte mein Gegenüber. „Das, wo du spät abends hinter der tschechischen Grenze einen Parkplatz suchst“ „Das mit den Nutten?“ Ich wurde rot. „Ja.“

Wir hatten uns das erste Mal vor drei Wochen unterhalten. Gesehen hatte ich Karl schon öfter und – ich weiß nicht warum – ich mochte ihn einfach. Seine Jeanshemden, seine Stiefel, die blonden dichten Haare. Ich mochte sogar seine Segelohren und hoffte, dass er mich bemerken würde.

Eine Schönheit bin ich nicht. Im Gegensatz zu meiner Schwester Susan. Wir sind sogar Zwillinge, aber das bemerkt keiner. Wir sind zweieiig. Ich bin klein und ziemlich rund, also breit wie hoch, meine Brüste sind okay und mein Hintern so groß wie Brasilien. Susan ist mittelgroß und schlank, und seit sie ihre Nase verkleinern lassen hat, hat sie auch größere Brüste. Das kam so, dass der Chirurg sich nach der OP direkt in meine Schwester verguckt hat. Dr. Berthold Dotterweich meinte, lediglich den Busen müsste er ihr noch ein wenig richten, ansonsten wäre Susan perfekt. Nun wohnten sie in einer schicken Altbauwohnung mit Tiefgarage und Dachterrasse im Nürnberger Stadtteil St. Johannis. Auf den Partys, die meine Schwester und mein Schwager geben, fühlen sich meine Mutter und ich fehl am Platz. Dr. Dotterweich wird nach ein paar Glas Whisky ziemlich unangenehm. „Und das ist Lissi, die Schwester von Susan. Kaum zu glauben, nicht wahr?“ Dann legt er den Arm um seine Frau, knetet ein wenig eine ihrer Brüste und sagte selbstgefällig lächelnd: „Und das sind die Meisterdinger von Nürnberg.“ Diesen Spruch in Anlehnung an die Meistersinger hatten wir schon mehrere Male über uns ergehen lassen. „Schokomaus, reich uns doch noch ein paar von deinen leckeren Häppchen.“

Allein dieser Spitzname reicht aus, meinen Schwager unsympathisch zu finden. Meine Schwester und ich sind nämlich Mischlinge. Meine Mutter hatte Mitte der 70er Jahre in einem Bamberger Billardcafé, das bei US-Soldaten sehr beliebt war, meinen Vater kennen gelernt. Ruckzuck war sie schwanger gewesen und George, der Neger aus South Carolina, hatte sie anstandshalber geheiratet. Meine Großeltern waren entsetzt über die Schande und brachen den Kontakt zu ihrer Tochter ab. George ging auf Befehl der Army zurück in die Vereinigten Staaten und nahm seine Frau und die beiden Babys mit. Weil unsere Eltern sich kaum kannten und weil meine Mutter die Sprache nicht verstand, gab es Streit. Ich kann mich nicht mehr an das Haus, in dem wir lebten, erinnern, nur an zwei weiße Schaukelpferde aus Holz. Die blieben in Greenville, als unsere Mama die Koffer und uns packte und wieder nach Nürnberg zurückging. Sie fand eine bezahlbare Wohnung in Schweinau, in der sie heute noch lebt. Geheiratet hat sie nie wieder. 

Susan war sentimentaler als ich, was unseren Daddy anging. Sie scheute noch nicht einmal davor, Kai Pflaume um Hilfe zu bitten. Es wurde ein Film gedreht, wie Herr Pflaume durch Greenville rennt und meinen Vater sucht, den er dann endlich beim Billard spielen im Veteranen-Club ausfindig machte. Der alte schmächtige grauhaarige Farbige, der bei der Nachricht, seine Töchter würden ihn seit langem suchen (was nicht stimmte, Susan vermisste ihn, ich nicht) theatralisch zu weinen anfing, war nicht der Mann von den Fotos, die unsere Mama in ihrer Nachttischschublade aufbewahrt hatte. Nachdem ein Treffen unter Tränen stattfand, hatten wir noch zwei-, dreimal etwas von Daddy George gehört. Dann brach die Verbindung wieder ab.

Diese meine Familiengeschichte hatte ich Karl, dem Lkw-Fahrer und Dichter, vor drei Wochen bei unserem ersten Gespräch erzählt. Vorher hatte ich mehr absichtlich als aus Versehen die Reste der Apfelsaftschorle beim Abräumen des Tabletts über die Jeans geschüttet. „Wenn du mich kennen lernen willst, dann sag das doch einfach.“ Seine Offenheit hatte mich zum Lachen gebracht. Und weil ich Feierabend hatte und weil ich unbedingt mehr über Karl erfahren wollte, legte ich die Schürze und das Papierhütchen ab und setzte mich an seinen Tisch. Nun saßen wir wieder beieinander. Ich war noch etwas verlegen, wenn wir so nah beieinander saßen und über seine Gedichte sprachen. 

Meistens starrte ich aus dem Fenster der Raststätte in den Regen oder zupfte an den kleinen Knötchen meiner Strickjacke. „Dieses Wetter macht mich fertig, Lissi“, Karl seufzte. „Zum Glück habe ich morgen früh eine Tour nach Bergamo. Hinterm Brenner scheint fast immer die Sonne, kannst du drauf wetten.“ „Italien...das wäre schön, ich war nur einmal in Italien, als ich acht war. Auf einem Campingplatz in Cattolica.“ Karl drückte meine Hand. Er wollte, dass ich mitkomme. „Komm mit“, sagte er. „Es wäre großartig, wenn du mit mir nach Bergamo fahren würdest.“ Ich bekam Angst und sagte, dass ich morgen arbeiten müsse und nicht einfach so losfahren könne. „Meld dich krank, Lissi. Oder sprich mit Toni, der freut sich doch für dich, dass du mal rauskommst.“

Am nächsten Morgen um vier stand ein Lkw vor der Anne-Frank-Str. 8. Der Fahrer hupte fröhlich, als er mich mit kleinem Gepäck in der Haustür stehen sah. Er sprang aus dem Fahrerhaus, nahm mir meine Reisetasche ab und ließ mich in der Beifahrertür einsteigen. „So viel Platz“, rief ich erstaunt. Zwischen den Sitzen erblickte ich einen Karton mit Karls „Straßenpoesie“ Er war meinem Blick gefolgt und meinte: „Die verschenke ich an Kollegen, die ich unterwegs treffe. Ein paar habe ich sogar schon verkauft. Mach es dir bequem, Lissi.“ Ich lehnte mich zurück in den Sitz und noch bevor wir auf die Autobahn fuhren, war ich eingeschlafen. Als ich erwachte, wurde es gerade hell. Ich schaute auf das Bergpanorama vor mir. Etwas Schöneres hatte ich noch nicht gesehen. Links neben mir saß Karl und trank Kaffee aus einem Thermobecher. Ich sah sein dichtes blondes Haar und seine Segelohren und war glücklich. „Wo sind wir“, fragte ich verschlafen. „in zehn Minuten hinterm Brenner. Du wirst sehen, da scheint die Sonne. Hinterm Brenner scheint fast immer die Sonne.“ Ich ließ die Scheibe des Beifahrerfensters herunter und atmete tief durch. 

Es roch nach Frühling.

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