17. Februar 2014

Ich liebe dich wie Apfelmus

Mama war nicht da. Sie mag es nicht, wenn ich die Schubladen des Wohnzimmerschranks aufziehe, um die Alben und losen Bilder herauszuholen. Ach, lass doch die ollen Fotos.
Ich bin ein Mensch, der sehr in der Vergangenheit lebt. Das ist nicht immer schön. Weil ich schlecht vergessen kann, bin ich nachtragend wie ein Elefant (hatte ich schon mal Tante Brigitte erwähnt, die mich im Kindergarten Kakao mit Haut trinken ließ?).

Ich liebe die ollen Fotos. Vor allem die, auf denen meine Mutter als junge Frau eine Polonaise auf einem Heimatabend in Going anführt. Davon will sie heute nichts mehr wissen. Wie schade. Die alten Autos, Papas hellgrauer Opel Rekord, mit dem er damals mit seinem Kumpels durch ganz Jugoslawien bis Priština gefahren ist. Von dieser Reise existieren tolle Bilder, sogar laufende, von Super 8 auf Videokassette und später auf 

DVD überspielt.

Mama war nicht da. Ich konnte also hemmungs- los nach alten Alben suchen. Beim Herausziehen des Italienurlaub-Albums entdecke ich mein längst verloren geglaubtes Poesiealbum. Ein quadratisches Buch mit Patchworkmuster. Fast ehrfürchtig öffnete ich das Büchlein. Dies ist das Poesiealbum von B.M. steht da in Drittklässlerschreibschrift. Drum herum kleben Glanzbilder, nostalgische Engel und Blumen mit silbernem Glitzer.

Du bist mein Glück,
du bist mein Stern,
auch wenn du schimpfst
hab ich dich gern.

Dies schrieb dir deine Schulkameradin Manuela im September 1977

 

Der Schrift nach zu urteilen, hatte ihre Mutter das Sprüchlein geschrieben.

Die damals neue Klassenkameradin Gabriele, ein tschechischer Turnfloh, hatte oft den Tintenkiller benutzt, eigentlich ein Unding. Sie hatte allerdings Probleme mit der deutschen Sprache.

Ich lak auf Laube und schlif,
da kam ein Engel rein und rief,
Gabi, Gabi, du must dich beeilen.
Du must noch in Britas Alpum schreiben.

 
Was aus der wohl geworden ist?

Die Pferdemädchen, also die die einen Zopf trugen, jeden Tag in den Stall rannten und dauernd mit Pferdenamen um sich warfen, umklebten das Geschriebene mit lauter Pferdestickern. Ich fand das doof, weil ich das alberne Pferdegetue doof fand.
Da waren mir die Bernhard & Bianca Aufkleber, mit denen Dirk sein tolles, leicht abgewandeltes Gedicht schmückte, viel lieber. Ich hatte ihn ausdrücklich um den Vers, den er mir in der großen Pause vorgetragen hatte, gebeten. Später erzählte er mir, dass seine Mutter absolut dagegen war, was ich überhaupt nicht verstand.

Ich liebe dich wie Apfelmus,
so zärtlich wie Spinat.
Mein Herz schlägt wie ein Pferdefuß,
wenn ich dich seh´, du A...ch mein
lieber Sonntagshut, fiel mir in die Sch...ad
ja nichts, wird ja wieder abgeputzt.


Meine Lehrer und Lehrerinnen mussten auch ins Album schreiben, behielten das gute Stück gern über die kompletten Sommerferien und sagten auf Nachfrage, ob man denn sein Album zurückerwarten dürfe, dass sie bisher nicht die Zeit gefunden hätten.

Wann hat das aufgehört mit den Poesiealben? Ist die Welt irgendwann zu prosaisch geworden für kleine schlaue fromme Sprüche? Als wir auf die weiterführenden Schulen gingen, wurden Poesiealben von asiatisch anmutenden Büchlein abgelöst. In die sogenannten Diaries wurde freier Text geschrieben, etwa so

Ich heiße XY und wurde am 02.02.1968 in Göttingen geboren. Meine Hobbies sind Fußball, Lesen und ins Kino gehen. Ich mag: den FC Bayern, Sheking Stievens und Linsensuppe. Ich mag nicht: den HSV und Quitenmarmelade.

Meine favorisierten Popsänger änderten sich ständig. Ich erinnere mich an meine Eintragungen, die sich ungefähr so angehört haben durften

Ich mag: Inga, Jennifer und Elke, Nena, Adicolor-Turnschuhe und Spaghetti. Ich mag nicht: Atomwaffen, Mathe, Spinnen und Rosenkohl.

Später, als ich mich nirgendwo mehr verewigte, wurden die Diaries durch Meine Schulfreunde-Bücher ersetzt, inhaltlich ähnlich wie die Vorläufer, aber mit Vorgaben.
Diese Bücher gibt es immer noch, gern im Lillifee oder Wilde Kerle Look.

Neulich durfte ich in das Freundebuch meines Patenkindes schreiben. Als ich sie fragte, wer denn Frau XY sei, meinte sie: "Das ist meine Klassenlehrerin. Die hat das Buch die ganzen Ferien gehabt und hat nicht geschafft da rein zu schreiben."

Es ist irgendwie beruhigend, dass sich manche Dinge offenbar nie ändern wer
den.

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