16. Februar 2014

Nichts sehen, nichts hören

Es liegt bestimmt daran, dass ich im Moment so viel um die Ohren habe. Im Januar haben Reisebüromitarbeiter immer viel um die Ohren, denn da kommen alle auf einmal und wollen ihren Urlaub buchen und der Chef/die Chefin genehmigt den wann? Genau, im Januar. Diese Buchungen sind die Grundlage der Existenz meines Arbeitsplatzes, deshalb will ich nicht jammern, sondern mich freuen. (Die Autorin strahlt und frohlockt) ICH FREU MICH!!!

Nun gibt es gewissen Eintrübungen meiner Freude, nicht nur während meiner Arbeitszeit, sondern auch davor und danach. Aber das ist (die Autorin schlägt sich mit der rechten Faust in die Herzgegend) ALLES MEINE SCHULD, MEINE EIGENE SCHULD. Ich höre extrem gut, vor allem Dinge, die ich nicht hören will. Die Jungens mit Auswanderungsgeschichte (Migrationshintergrund sagt man nicht mehr, sagt der Förderschullehrer meines Vertrauens) der Bahn. Der eine zum anderen: „Hey, am Wochenende kommt meine Cousine, Alter. Nach zwei bis drei Wodka Red Bull macht die alles, mach die dir klar, Alter.“ Meine Magensäure steigt an. Hirn an Faust, Hirn an Faust: Ausfahren. Es kostet mich sehr viel Anstrengung, mich nicht in das Gespräch einzumischen. Oder vorgestern Morgen. Ich warte in der Altstadt auf meine Straßenbahn Richtung Arbeitsstätte. Die kommt laut Anzeige in 6 Minuten. „Ihr Trümmerfotzen“, tönt es hinter mir und ich drehe mich um. Ein Mann, dessen Kleidung sicher irgendwann einmal recht elegant war, nun aber deutliche Spuren der Abnutzung aufweist. „Ihr Trümmerfotzen. Ficken und gefickt werden, das ist alles, was ihr könnt.“ Ich sehe auf den Anzeiger. Es dauert immer noch 6 Minuten, bis meine Bahn kommt. „Ihr seid das Ergebnis von schmutzigem Sex. Ficken und gefickt werden. Abspritzen und Eisprung haben euch zu dem gemacht, was ihr seid. Am besten, ihr erledigt euch selbst. Am besten, ihr vergast euch.“

Noch 5 Minuten. Ich drehe mich um und schaue mir den Mann noch einmal an, dessen Weisheiten alle Menschen, die vielleicht wie ich noch nicht gefrühstückt haben und nun auf ihre Füße starren oder flehentlich in die Richtung blicken, aus der die Bahn kommt, so als würde dieses Flehen das Erscheinen selbiger beschleunigen. „Jaaaa, ficken, mehr könnt ihr nicht, ihr Fotzen.“ Hm, ich könnte die Polizei anrufen. Kurz überkommt mich der Scham des Sichspießigfühlens und der Ordnungshörigkeit, da wird hinter mir weiter proklamiert. „Erledigt euch selbst, ihr, die ihr nur aus Sperma entstanden seid.“ Der Prediger rotzt im hohen Bogen seinen Auswurf über seine dreckige Sporttasche. Nun lauter: „Ihr Trümmerfotzen, ihr seid es nicht wert zu existieren, vergast euch selber.“ Ich bekomme unbändige Lust, den Mann zu schlagen, richtig einen auf seine Brille. Stattdessen sage ich halblaut: „Halt die Fresse.“ Die Frau, die neben mir vorgibt ein Buch zu lesen, schaut auf und lächelt leicht verzweifelt in meine Richtung. Auf dem Anzeiger steht die Bahn kommt. Sofort. Die Bahn kommt aber nie sofort, wenn ich sie dringend bräuchte. Sie kommt immer nur dann sofort, wenn ich ein wenig verspätet zur Haltestelle jogge und sie mir vor der Nase wegfährt. „Nichts weiter als ein Klumpen Schleim seid ihr gewesen, entledigt euch eurer selbst.“
Ist es ein Wunder, dass immer mehr Ipod-Autisten unsere Welt bevölkern und laute Musik durch ihre Mikro-Kopfhörer jagen?

Samstags oder sonntags gehe ich schwimmen. Der Schulter wegen und damit sie nicht versteift. Leider muss ich mich auch am Wochenende manchmal aufregen. Es ist aber (die Autorin schlägt sich erneut mit der Faust in die Herzgegend) MEINE SCHULD, MEINE EIGENE SCHULD. Ich könnte ja einfach schwimmen, auch um die Gruppe Senioren herum, die im Wasser stehen und quatschen. Sie machen Politik. Der Steinbrück, der Gierschlund, und der Brüderle und, noch schlimmer, die Journalistin!!! Warum, warum nur kann ich das nicht einfach ignorieren, mich freuen, dass die alten Menschen sich hier im Schwimmbad treffen und sich unterhalten, statt in einem Café? Stattdessen führe ich innere Monologe. „Aha, erzählt ihr später zu Hause, ihr seid schwimmen gewesen? Ihr schwimmt gar nicht, ihr stellt euch in Badebekleidung ins Wasser, quatscht und versperrt Schwimmwilligen wie MIR die Bahn!“ Ich weiche freundlich aus ins Nichtschwimmerbecken, wo mir ein Kind eine grüne Schwimmnudel auf den Kopf haut. Süüüüß, der Kleine. (die Autorin lächelt ihr schmerzverzehrtes Lächeln, obwohl sie gern die Nudel entwenden würde).

Ich weiß, was Sie denken. Unentspannt, die Frau ist total unentspannt. Die braucht dringend Urlaub. Sie haben ja sooo Recht. Das Problem ist, dass im Urlaub andere Urlauber sind. Die, die vom Oberkellner einen tiefen Hofknicks erwarten, weil sie sich schon zum ZWEITEN MAL herabgelassen haben, dieses Hotel aufzusuchen. Die, die ganz laut verkünden, dass es im Hotel XY letztes Jahr ein wesentlich umfangreicheres Dessertbuffet gab und das man von dem nur 3-Meter-langem in dieser Unterkunft enttäuscht, ja, richtig-gehend enttäuscht sei. Es müsste meiner Ansicht nach viel mehr Amokläufe in Hotels als in Schulen geben. Ich nehme an, es werden regelmäßig Deeskalationsschulungen durch-geführt.

(Autorin schnauft, sie schnauft viel in letzter Zeit, vor allem, wenn der Lebens-abschnittspsychologe ihr mitteilt, sie solle das alles entspannter sehen, dann wird die Autorin zum HB-Männchen).

Ich habe ehrlich Angst um mich. Und um alle, die zur falschen Zeit am falschen Ort das Falsche sagen.

Eine einsame Almhütte wäre schön. Ein ruhiger gemütlicher Platz auf einem schönen Fleckchen Erde und nix drum herum außer Natur. Wie, das Klo ist draußen? Wie, ich muss mich in einer eiskalten Quelle waschen?

IHR HABT SIE WOHL NICHT MEHR ALLE!!!

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