16. Februar 2014

Mein Vater, der Hoffmann und die Sache mit dem Schlüssel

Mein Vater Hermann kochte Ende der 50er Jahre in der winzigen Küche des D-Zuges von Dortmund nach Wien Kaiserschmarrn und Tafelspitz. In Passau wurden die D-Mark Einnahmen verblombt, das Personal wechselte. Nur mein Vater, der kochte über die damals noch existierenden Landesgrenzen hinweg. Und Horst Hoffmann aus Leipzig, mit dem mein Papa sich angefreundet hatte, kellnerte auf der gesamten Strecke. „Der Hoffmann war gutaussehend und charmant und der fröhlichste Mensch, dem ich je in meinem Leben begegnet bin. Er begrüßte die Gäste durchs Mikrofon und sagte: `Guten Tag, meine Dame und Herren, ich hoffe Sie sind heute mit der linken Rheinseite zufrieden.´ Die Zuggäste applaudierten dann immer.“

Spätabends, so gegen halb 11, kam der Zug am Wiener Westbahnhof an. Von dort aus fuhren Hermann und Hoffmann, der Zugkellner, mit der Straßenbahn zum „Glockner-Stüberl“, einer Gaststätte, in der die Deutsche Bundesbahn Zimmer für die Angestellten angemietet hatte. Die Bediensteten teilten sich 4-Bett-Zimmer und natürlich wurde für diejenigen, die die Tagesschicht beendet hatten, nicht extra die Bettwäsche gewechselt. „Die Betten waren quasi immer warm“, sagte mein Vater, „aber wir waren sowieso so müde, das war uns doch egal.“ Der Schaffner, der die Billets in der Tram vom Haupt- bahnhof zur Haltestelle beim „Glockner-Stüberl“ verkaufte, kannte meinen Vater und den Hoffmann bereits. „Ah, da seid´s ihr ja wieder, hobt´s ihr endlich Feierabend?“ Eine elegant gekleidete Dame mit schwerem Gepäck stand etwas ratlos im Wagon. „Aaaah, die Frau Komtess, küss die Hoand. Nach voarn, bittä, die Frau Komtess, nach voarn.“ Hermann und Hoffmann standen der Frau im Weg und so flüsterte der Tramschaffner ihnen zu: „Nun losst amol die Fregottn vorbei.“

Das Verhängnisvolle an der Schlafstätte über dem „Glockner-Stüberl““ war die Gaststätte unter dem Zimmer und der Bierausschank. „Heute gehen wir nicht da rein“ hatten Horst und Hermann sich schon am Morgen vorgenommen. „Wir gehen direkt aufs Zimmer und schlafen und sparen unser Geld.“ Nun, am Abend, hatte sich die Meinung geändert. „Komm, Hermann, auf ein Bier, dann schläft es sich besser“, lockte der Hoffmann und mein Vater überlegte nicht lang. Natürlich trank man, bis die Schänke schloss, und wie viele Gasthäuser in Bahnhofsnähe schloss sie spät. Der Rausch am nächsten Morgen währte lang. Zu lang. Mein Vater, der Koch, und Hoffmann, der Kellner, verschliefen. Der D-Zug in die Gegenrichtung war ohne die beiden losgefahren. Die jungen verschlafenen Burschen gerieten in Aufruhr. „So schön waren wir ja nicht, dass der Zug auf uns wartete.“ Sie hatten die Generalschlüssel zur Küche, zur Speise- und Kühlkammer und zum Getränke- lager. Es war klar, dass die Zuggäste im Speisewagen nicht versorgt werden konnten. Das würde Ärger geben.

Die Zuggäste auf der Strecke Wien Westbahnhof – Dortmund bekamen auf ihrer Reise nichts zu essen und zu trinken. Sie saßen an Tischen ohne Tischdecken und spielten Karten, um sich die Zeit zu vertreiben. „Heutzutage wären wir sofort unseren Job losgewesen. Wir bekamen damals drei Wochen Berufsverbot. Das bedeutete, dass mein Vater und der Hoffmann drei Wochen keinen Pfennig verdienten.

Ob die beiden danach jemals wieder das „Glockner-Stüberl“ betraten, weiß ich nicht.
Ich werde meinen Vater gleich mal anrufen und ihn fragen.

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