24. Februar 2014

Soziales Schwimmen





"Bring dein Schwimmzeug mit, vielleicht will Papa mit dir ins Bad."
Ich bin ein Papakind. Und wenn ich meine Eltern besuche und mein Papa schwimmen gehen will, dann gehe ich mit. Ins Bad.

Das Bad ist ein Thermalschwimmbad in einem Kurort am Rande des Münsterlandes. Das Wasser ist warm und mit Sole angereichert. Unterbrochen von ein paarminütigen Ener- giepausen gibt es Wasserschwälle, die man sich auf den Nacken prasseln lassen kann und unter Wasser ein paar Düsen, die einem den Rücken oder die Beine massieren.

"Britta, komm´, wir gehen noch mal an die Düsen", sagt mein Vater und meint es ehrlich gut mit mir. Während mir ein Wasserfall auf den oberen Rücken platscht, erzählt er mir von der Düse gegenüber etwas. Ich verstehe kein Wort und das rufe ich ihm auch zu. "Papa, ich verstehe kein Wort, das Wasser ist so laut." Er schwimmt ein paar Meter zu einem Bekannten. Das Becken ist nämlich nicht nur mit Sole angereichert, sondern auch mit vielen Menschen, die regelmäßig zum Schwimmen kommen.

Während ich versuche ein paar Bahnen zu ziehen, zeigt mein Vater auf mich und erklärt: "Meine Tochter ist zu Besuch. Sie lebt in Düsseldorf und arbeitet im Reisebüro." Innerlich murmele ich "Ja, und sie hat BH Größe 85 C und trinkt gern mal ein Glas Rotwein zuviel." Aber selbst. verständlich schwimme ich zu dem Herrn mit der blau-weiß gestreiften Badekappe. "Kommen Sie hier rüber", sagt er freundlich. "Diese Düsen sind die besten. Sie sind ja nicht so oft hier." Er überlässt mir netterweise die beste Düse des Thermalbades und plaudert fröhlich.

"Das ist ja schön, dass ihr Vater wieder öfter schwimmen kommt. Das tut ja auch so gut. Für mich ist das wirklich die schönste Stunde des Tages." Ich bestätige den wertvollen Effekt des Schwimmens auf die Gesundheit meines Vaters und sage: "Wissen Sie, er ist ja nicht mehr so gut zu Fuß. Radfahren und Schwimmen klappt aber noch. Er hat ja COPD, die chronische Bronchitis". Die Gattin der blau-weiß gestreiften Badekappe lässt sich nebenan durchbrodeln und bemerkt, dass sei ja die Krankheit, die Roland Kaiser auch habe. "Ja stimmt", sagt Papa, "aber ich singe nicht so gut wie der." Er schwimmt weiter. Ich hinterher.

"Siehst du die beiden Frauen mit den grünen Badehauben im anderen Becken?" Ich nicke mein Kinn unter Wasser. "Die haben die Badehauben immer hoch geklappt, damit sie auch ja alles mitkriegen. Denen habe ich neulich zugerufen, dass sie in dieses Becken rüber-kommen sollen, weil hier mehr Evangelische baden. Ich kenne die nämlich aus der Kirche." Wir schwimmen weiter und überholen ein Grüppchen aus drei Damen bestehend. Die eine trägt keine Badekappe, es besteht - gottlob - keine Haubenpflicht, und hält ihren Kopf ganz steif über der Wasseroberfläche. "Letztes Mal war die Annette nicht da. Die kennt mein Haar ganz genau, die anderen schneiden nicht so gut wie die Annette, ihr könnt´s mir glauben."

Einmal noch an die Düse, einmal noch hin- und herschwimmen.Mein Vater berichtet, dass man über die Jahre viele Bekanntschaften im Bad geschlossen habe. "Sind auch schon viele gestorben." Dann berichtet er von Frau Heiermeier, einer Lehrerin aus Rheda-Wieden- brück. Er dachte, sie sei tot. Der Fritz aus Gütersloh habe dann auf jemanden gezeigt und gesagt "Da schwimmtse doch." Und Papa: "Aber die hatte doch 16 Jahre lang immer dieselbe gelbe Badehaube auf. Dann hat sie sich wohl eine neue gekauft."

Der Herr mit der blau-weißen Badekappe ruft ein letztes Mal rüber: "Möchten Sie nochmal an die Düse?" Ich rufe zurück, dass ich raus muss aus dem Wasser. Meine Badezeit ist abgelaufen.

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