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9. Mai 2024

Mechthild macht die Plätze klar

Ich bin ein rücksichtsvoller Mensch. 

Deshalb mache ich irre Dinge, zum Beispiel lasse ich Leute aus Zügen aussteigen, bevor ich einsteige.

Der Intercity Richtung Gera hält am Gleis 17. Neben mir am Gleis steht eine Gruppe Radfahrer, und zwar eine von der älteren agilen Sorte. Frauen und Männer in Funktionskleidung, deren bereits Anfang Mai stark gebräunte Haut von zahlreichen Radtouren und/oder Gartenarbeit zeugt. 

Der Knopf neben der Waggontür springt von rot auf grün. Ein Radfahrer ruft mir zu: „Jetzt!" und nickt heftig, im Sinne von „Nun mach schon." Ich drücke den grünen Button, die Tür öffnet sich. Es erscheint eine lächelnde Zugführerin. Der delegierende Senior hebt sein Rad an und versucht, die Schaffnerin zurückzudrängen.

„Einen kleinen Moment, bitte“, sagt sie.

„Und ich würde auch noch gern einsteigen“, sage ich. Wobei ich durchaus Verständnis dafür habe, dass es aufregend ist, in einem kleinen Zeitfenster acht Trekkingräder in einem Fahrradabteil unterzubringen.

Ich gehe durch das Fahrradabteil zu einem freien Sitzplatz am Fenster. Aus dem Radabteil hinter mir höre ich Kommandos von dem Senior, der mich vorhin hieß, die Zugtür zu öffnen. Kurz frage ich mich, ob die Bezeichnung Rädelsführer auf einer ähnlichen Gruppentour entstanden ist.

In meinem Großraumwagen übernimmt unterdessen ein weibliches Mitglied der Radtruppe das Regiment. Sie stellt fest, dass sich die reservierten Sitzplätze für die Senioren in einem Wagen am anderen Ende des Zuges befinden, ganz weit weg von den Rädern. Das geht ja nicht!

„Dann müssen wir uns hier Plätze suchen.“

Sie rennt im Gang des ICs auf und ab wie ein nervöses Kaninchen und kontrolliert die Platzanzeigen oberhalb der Sitze.

Ich nenne sie Mechthild. Sie sieht aus wie eine Mechthild, die ich kenne. Die Frau Mitte 60 ruft sehr laut: „Hier Anne, hier sind noch zwei Plätze, dahinten auch, ja, da am Fenster. Gebt mir irgendwas, mit dem ich die Sitze belegen kann.

Ich kann mir Mechthild prima am Pool eines Urlaubshotels vorstellen und murmele: „Handtücher wären gut.“

„Los, schnell! Ich brauche was, womit ich die Plätze reservieren kann.“ Sie hechtet zum Fahrradabteil, in dem die Männer die Räder befestigen. „Klaus, Klaus, gebt mir mal eure Helme und die Jacken.“ Mechthild rennt hin und her, dass ihre Brille wackelt. Ihr graues Haar klebt ihr im Nacken. Ein Mann, ich nehme an, es handelt sich um Klaus, trottet ergeben hinter Mechthild her und überreicht ihr diverse Reservierungsutensilien.

Er hat die Ruhe weg.

Mechthild ist immer noch ganz aufgeregt.

Der IC fährt los. Die restlichen Teilnehmer der Radgruppe betreten ebenfalls den Großraumwagen.

„Ich habe hier, hier und da drüben reserviert“, vermeldet die Seniorin nicht ohne Stolz. Es klingt ein bisschen so, als habe sie eine Schlacht gewonnen. Sie nimmt die beschlagene Brille von ihrer Nase und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Ich schüttele mit dem Kopf, verdrehe kurz die Augen und schaue aus dem Fenster auf vorbeiziehende Häuserreihen.

Dann fällt mir auf: Das hätte ich sein können!

Diese hektische Fürsorge, die hohe aufregte Stimmlage, die Entspannung, die erst eintritt, wenn alle sitzen und zufrieden sind.

Die Erkenntnis trifft mich plötzlich wie ein Blitzschlag:

Ich bin eine Mechthild.

Besorgt, aber übergriffig.

Nett, aber nervig.

Ich bin eine Mechthild.

Erschreckend.

Den Rest meiner Bahnfahrt überlege ich, wie ich zukünftig damit umgehen soll.

Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen.

 

28. Februar 2016

Chuck Norris hat Rücken

Lieber Horst Evers,
(lieber Herr Evers klingt zu distanziert, lieber Horst zu plump vertraulich),

ich neige zu Anglizismen, die Intellektuelle gern verteufeln. Sollen sie doch.
Nachdem ich Ihre wunderbaren Kurzgeschichten gelesen habe, fällt mir nichts Besseres

ein als: „You just made my day“. Besser noch: „You just made my weekend“.

Ich bin nämlich wieder Bahn gefahren. Jetzt können Sie nicht wissen, dass mir dauernd merkwürdige Dinge passieren, wenn ich Bahn fahre. Sie beschreiben das Alltägliche so schön, Horst (ich sag jetzt mal Horst und Sie, obwohl das den Eindruck erwecken könnte, Sie seien mein Butler oder so). Ich finde es klasse, dass Sie auch so ein Hingucker und Zuhörer sind wie ich. Sie sehen das Lustige hinter dem Offensichtlichen. Und dass Sie Ihre Alltagsgeschichten mit abstrus Hinzuerfundenem aufpeppen, gefällt mir außerordentlich.

Als ich Samstag wegen einer verspäteten U-Bahn meinen Nahverkehrszug ins Ost- westfälische verpasste, habe ich mir in der Bahnhofsbuchhandlung Ihr Buch Für Eile fehlt mir die Zeit gekauft. Was auf dem Cover stand, überzeugte mich. Andere nennen es Alltag. Horst Evers nennt es Schikane. Hörte sich lesenswert an und ist es auch.

Ich begann Ihre Kurzgeschichten im ICE zu lesen. Vorher erkundigte ich mich am Gleis bei einer zierlichen Dame mit der bei DB-Mitarbeiterinnen beliebten Granatapfelhaartönung nach der Möglichkeit, einen Aufpreis für den ICE bis Hamm zu zahlen. Sie sagte, dass das ginge und wir das gleich im Zug erledigen könnten. Ich sah sie nie wieder. 

Während ich über den von Ihnen beschriebenen Unmut über eine geschenkte Saftpresse vor mich hingeierte, kam Blake Carrington in DB-Uniform durch den Großraumwagen geschlendert. Es war natürlich nicht Blake Carrington, aber er sah aus wie der Schauspieler aus dem Denver Clan, dessen Namen ich vergessen habe. Damit mich keiner des Schwarz-fahrens bezichtigen konnte, zupfte ich vorsichtig an seinem dunkelblauen Sakko und sagte: „Entschuldigung, kann ich bei Ihnen einen Übergangstarif für den ICE lösen. Ihre Kollegin hat gesagt, das ginge.“ „Zeigensema Ihr Ticket.“ Umständlich durchwühlte ich meine Handtasche und griff nach meinem Fahrplan, hinter den ich meine Fahrkarte geheftet hatte. Blake Carrington guckte auf den Plan und murrte, das sei kein Ticket, woraufhin ich ihn auf den Anhang aufmerksam machte. „Das müsste gehen. Mein Kollege macht das für Sie.“

Piiiiep. Ich war bereits bei der Geschichte über Das Paar im Zug angelangt, da ging es los mit der Pieperei. Ich sitze im ICE auf der Rückfahrt nach Berlin und versuche, eine Geschichte zu schreiben. Das ist nicht ganz einfach, denn das Ehepaar, das mit mir am Tisch sitzt, hat offensichtlich schlechte Laune. Sie sind wohl auf dem Weg zur Familie des Bruders des Mannes. Die Frau mag diese Familie nicht. Also, glaube ich. Zumindest sagt sie: „Nee, was freu´ ich mich, die Doofköppe zu sehen.“... Piiiiep. Mensch, noch nicht mal in Ruhe lesen konnte ich. Dieses Piep-Geräusch verwirrte mich. Es hörte sich an wie ein Computerspiel, ich sah mich bereits wütend nach einem Halbwüchsigen mit Nintendo DS vor der Nase um, aber dann erkannte ich die Ursache für das Piiiiep. Weil es in dem rappelvollen Zug kaum Platz für Koffer und Taschen gab, hatte jemand sein Gepäck in den Gang gestellt, und zwar genau vor die sich normalerweise automatisch schließende Tür. War ich eigentlich die einzige, die der schrille Ton störte? Während ich über meine eventuelle Überempfindlichkeit sinnierte, erschien Chuck Norris, der Kollege von Blake Carrington. Chuck Norris hatte einen Ohrring und schlechte Laune.

„Entschuldigung, können Sie mir wohl einen Übergangstarif für den ICE bis Hamm ausstellen?“ fragte ich freundlich und hielt ihm mein Ticket ohne Fahrplan hin.
„Muss ich ja wohl“ brummelte Chuck in seinen Bart.
„Ihre Kollegin am Bahnsteig und Ihr Kollege mit den grauen Haaren meinten, das ginge.“
Muss ich ja wohl!" raunzte Herr Norris nun wesentlich lauter, so wie man eben gern mit begriffsstutzigen Leuten spricht. Ein weißhaariger Mann mit Herbert-Wehner-Brille kam herbei geeilt und fragte, ob man die Tür, die immer wieder gegen das Gepäck stieß und den furchtbaren Laut verursachte, nicht am automatischen Öffnen hindern könnte.

„Das Gepäck darf hier gar nicht stehen!“ motzte Chuck. „Wer hat das überhaupt hier hingestellt? Ich mache gleich eine Durchsage und wenn sich keiner meldet, lasse ich die Koffer wegräumen.“ Ich sagte gut hörbar zu meiner Sitznachbarin, einer älteren Damen, die ihr Gepäck auch in den Gang gestellt hatte, dass es früher am Ende der Großraum- wagen immer richtig schön viel Stauraum gegeben hätte und dass früher überhaupt alles besser gewesen sei. Die Oma sagte, sie sei gar nicht in der Lage, ihren Koffer allein in das Minifach über den Sitzen zu wuchten. „Also, ich mach das nicht für Sie!“ maulte Chuck Norris. „Ich hab Rücken.“

Die ICE-Fahrt war so unruhig, Horst, dass ich mich gar nicht auf Ihre tollen, kurzweiligen Geschichten konzentrieren konnte. Das ging erst wieder im Bummelzug von Hamm nach Lippstadt. Allein über die Namen der Stationen könnte man herrlich schreiben. Welwer. Borgeln. Wundervoll. Die auf Tiefkühltruhenniveau klimatisierte Bahn war fast leer, und so las ich voller Freude Ihren Text Niedersächsischer Herbst:

...Wer also denkt: Herbst in Berlin sei so deprimierend, deprimierender geht es gar nicht, der hat noch keinen Herbst in Niedersachsen erlebt. Das ist Herbst. Aber so richtig! Herbst mit allem Berliner Schnickschnack, doch dazu scharfer, kalter Wind, kombiniert mit einem niemals endenden Nieselregen. Gäbe es so was wie Depressionstourismus, es würden Depressionshungrige aus aller Welt kommen, um sich den Herbst in Niedersachsen anzugucken. Ein besseres, ein kompletteres Depression-all-inclusive-Angebot findet man nirgends. Und der Landkreis Diepholz wäre wahrscheinlich der Ballermann der Depressionsfreunde (...) Nicht umsonst heißt es: Je flacher die Gegend, desto tiefer die Seele und der Blick in das Glas.

Am lautesten lachte ich dann Sonntag auf der Rückfahrt von meinem Cousinentreffen (keine Doofköppe, nur nette Verwandte) über die Geschichte, in der Sie eine neue Nachricht in Ihren Mailordner bekommen. Ach guck. „Hallo Horst, Mahmud Ahmadinedschad möchte auf Facebook mit dir befreundet sein“.

Die Kurzgeschichten, die Sie sich ausgedacht haben, sind super und haben den Vorteil, dass man schnell wieder reinkommt ins Thema, wenn man im Zug ein wenig eingedusselt ist und wieder aufwacht. Gleiches gilt für ähnliche Situationen im Flieger und im heimischen Bett. Glaube ich. Deswegen empfehle ich Für Eile fehlt mir die Zeit ohne Einschränkungen, Horst.

Horst.

Ach, ich sag einfach mal Horst und Du.




Zitate aus: Horst Evers, Für Eile fehlt mir die Zeit
Copyright © 2011 Rowohlt.Berlin Verlag GmbH, Berlin

24. Februar 2014

Umzugspläne




Liebe Vermieter, lieber Chef, liebe Kundinnen und Kunden, liebe Kolleginnen, lieber Kollege, liebe Freundinnen und Freunde (ja, auch die von facebook), liebe Eltern, lieber Herzensmann,

ich kündige es vorsichtshalber heute schon einmal an, damit später keiner sagt, er hätte es nicht gewusst: Es könnte sein, dass ich bald umziehe. Und zwar nach Borgeln. Genauer gesagt, in den Bahnhof von Borgeln. 


Seit letzter Woche bin ich mir da ziemlich sicher. Letze Woche saß ich im Zug von Hamm (Westf.) nach Lippstadt. Dort holt mich für gewöhnlich mein Vater ab, wir hören im Auto WDR 4 und erzählen uns, was es Neues gibt. Ich hatte vormittags noch gearbeitet, über- haupt hatte ich in den vergangenen Wochen viel gearbeitet, ein bisschen zuviel für meinen Geschmack. Am Düsseldorfer Bahnhof herrschte wieder Chaos. Es wurden Ver- spätungen bis zu 45 Minuten durchgesagt. Wegen Personen am Gleis.

In Hamm (Westf.) verpasste ich natürlich meinen Anschlusszug, kaufte mir einen Milchkaffee mit Plastikdeckel und ein neues Buch. Meine Eltern informierte ich telefonisch.

Der RE 1 nach Minden (Westf.) stand frühzeitig auf dem Gleis, so bekam ich einen Platz am Fenster rechts und beteiligte mich an empörten Gesprächen über Leute, die Schuld daran sind, dass die Züge nicht fahren können. Die Personen am Gleis, die, die die Kabel aus den Signalen klauen. Die am meisten aufgeregte Frau verließ den Zug dann in Welver. 


Es wurde ruhiger, ich las nicht mehr, ich schaute einfach aus dem Fenster in die unauf-geregte Landschaft. Grüne Felder, die sich im Wind wogen, ein paar Bäume in der Ferne, blauer Himmel, ein paar Wolken, plattes Land. Berauschend und beruhigend zugleich erschien mir die Natur draußen vor dem Regionalzugfenster. 



„Nächster Halt: Borgeln“. Da ich die Strecke schon mehrmals gefahren bin, freue ich mich jedes Mal besonders auf Borgeln. Allein der Name des Ortes regt meine Fantasie an. Da steckt borgen drin. Und Orgeln. „Kann ich mir eine Ihrer Orgeln borgen?“ Ein Film mit dem Titel Neues aus Borgeln oder Wiedersehen in Borgeln kann einfach nicht schlecht sein. Neben der unaufgeregten Landschaft zieht mich das Bahnhofsgebäude in Borgeln in seinen Bann. 


Es sieht aus wie ein Landhaus mit einem verwunschenen Garten drum herum. Ich möchte sofort einziehen in den Bahnhof von Borgeln! Hier hätte ich Ruhe, aber eben keine Fried- hofsruhe, denn ab und zu hält ja ein Zug, der Menschen ausspuckt. Der Bahnhof von Borgeln sieht unbewohnt aus.



Weil ich nicht in einen mir völlig unbekannten Ort ziehen, also die Katze im Sack kaufen möchte, gebe ich Borgeln bei google ein und – siehe da – es gibt sogar eine Homepage meiner neuen Heimat. Darauf sieht man hübsche Fachwerkhäuser, grüne Wiesen und das Ortsschild. Borgeln, Gemeinde Welver, Kreis Soest und links Rubriken wie Kindergarten /Schule, Kirche, Termine, Kontakte. Eine herrlich unaufgeregte Homepage. Dann muss ich noch überprüfen, ob und wann ich in den Bahnhof einziehen kann. Und – siehe da – es gibt auch Hinweise auf den Bahnhof in Borgeln, genauer gesagt auf das Gasthaus „Zum Bahnhof“ in Borgeln. „Unser Motto: Herzhaft, gut und reichhaltig.“ Ich werfe meine Diätpläne über Bord und möchte sofort Gast in diesem Gasthaus sein und einen Grillteller „Soester Börde“ mit 4 Sorten Fleisch für 12 Euro genießen. Oder einen Champignon-Toast für 5 Euro. Reelle unaufgeregte Gerichte statt Schickimicki-Tranche an Dingenskirchen-Jus auf dem Teller lowfriendly serviert.

Demnächst werde ich wohl von unterwegs meinen Vater anrufen und ihm sagen, dass ich wieder später in Lippstadt ankomme. Und wenn er fragt, ob ich wieder meinen Anschluss in Hamm (Westf.) nicht bekommen habe, dann antworte ich ihm, dass ich in Borgeln aussteigen und einen Spaziergang machen muss.


Er wird das nicht verstehen, aber er wird mich auch eine Stunde später am Bahnhof abholen, wir werden im Auto WDR 4 hören und ich werde ihm eine echte Neuigkeit zu erzählen haben.

23. Februar 2014

Mein Vater, der Hoffmann und das Fräulein aus dem Schreibabteil

Als mein Vater im Alter von 14 Jahren die Schule verließ, fragte man ihn, was er denn werden wolle, Autoschlosser oder Koch. Meinem Vater war das ziemlich wurscht, er hatte keine Ahnung, wie eine Berufswahl sein Leben beeinflussen konnte. Also wurde mein Vater Hermann Koch. Die Lehrjahre waren keine Herrenjahre, der Ton in der Großküche in Witten/Ruhr war ruppig, die Scherze auf Kosten des Lehrlings zuweilen hart, die Berge Kartoffeln, die es täglich zu schälen galt, riesig. Vom Heimweh nach seinem Heimatort Willingen gar nicht zu reden.

Immerhin, Hermann kam herum. Lange arbeitete er im Brauhaus Stade in Dortmund. Es waren die 50er Jahre, es wurde gefressen nach der langen Zeit der Entbehrung. "Das war die Fresszeit", sagt mein Vater und man weiß, was er meint. Hähnchen und Haxen und Braten und Knödel, davon reichlich und mit Soße.

Und weil mein Vater gerne reiste und etwas von der Welt sehen wollte, suchte er sich eine Arbeitsstelle bei der Deutschen Bahn und wurde Koch in Zügen. Der Donau-Kurier, der D222 fuhr von Dortmund über Köln, Frankfurt, Passau nach Wien und zurück. Der Schwabenpfeil fuhr von Dortmund nach Stuttgart und wieder zurück. Die Zugrestaurants waren viel eleganter als die Bordbistros heute, Gardinen, Lämpchen, es wurde richtig eingedeckt. Eine Mikrowelle gab es nicht, kein Pling und das Essen war fertig. Gekocht wurde auf engstem Raum, Fleisch wurde richtig gebraten, der Fond als Soßenbasis genutzt, eine Hühnersuppe war vorher tatsächlich mit einem Huhn in Berührung gekommen. 
Regionale Küche war beliebt. Ab Passau gab es Kaiserschmarrn und Tafelspitz, abrechnet wurde zum Schluss und zwar in Schillingen. Die Kellner kannten die Gäste, die regelmäßig mit dem Schnellzug fuhren und im Restaurant aßen, mit Namen.

Am besten verstanden habe ich mich mit dem Hoffmann. Horst Hoffmann hieß der. Aber der Schaffner, der ist uns auf die Nerven gegangen. Der kam dauernd in die Küche, wenn ich gerade das Essen fertig hatte und der Hoffmann servieren wollte. Och, was habt ihr denn da Leckeres, Ochsenschwanzsuppe, zeig mal her die Spezialitäten. Und dann hat der einfach die Suppe gegessen und der Gast hatte es doch eilig, der musste doch bald wieder aussteigen. Und wir mussten abends erklären, warum die Einnahmen nicht stimmten. Der Schaffner hat uns furchtbar geärgert, dem wollten wir unbedingt eins auswischen.

Im Schnellzug gab es nicht nur ein schönes Restaurant und richtiges Essen und Kellner, die den Namen der Gäste kannten. Am Ende des Wagens befand sich auch ein sogenanntes Schreibabteil. Dort konnten die Geschäftsreisenden telefonieren oder bei der Zug- sekretärin einen Brief oder ein Telegramm in Auftrag geben. Die Zugsekretärin, eine Christa oder eine Karin oder Ingeborg, war sehr nett und grüßte meinen Vater, den Koch, und den Hoffmann, den Kellner, immer freundlich winkend, wenn sie den Zug betrat.
Eines Tages nervte der Schaffner schon wieder.

Och, was habt ihr da denn Schönes auf dem Teller, Kaiserschmarrn? Lasst mal probieren, hm, köstlich.

Hör mal, wenn du uns schon die Haare vom Kopf frisst, kannst du uns aber auch mal einen Gefallen tun. Bring bitte diesen Brief dem reizenden Fräulein aus dem Schreibabteil.

Nee, Jungs, dazu habe ich wirklich keine Zeit.

Der Schaffner blickte auf den Umschlag des Briefes, auf den lauter Herzchen gemalt waren und grinste. Er wolle mal nicht so sein, die junge Dame sei ja wirklich ein flotter Käfer. Sprachs und verschwand mit der Liebesbotschaft ans Ende des Zuges. Kurze Zeit später kam der Zugbegleiter wutschnaubend und mit rotem Kopf zurück. Armleuchter seien sie, alle beide. Eine Frechheit sei das gewesen. Den zerknüllten Brief warf er ihnen vor die Füße und rauschte ab.

Mein Vater und der Hoffmann feixten frohgelaunt, hoben das Papier vom Boden auf und strichen es glatt. Darauf stand geschrieben:

Ich liebe Sie. Der Schaffner

Ob der Schaffner jemals wieder Speisen aus Töpfen und vom Teller gemopst hat, daran kann mein Vater sich nicht mehr erinnern. Wohl aber daran, dass das Fräulein aus dem Schreibabteil beim Verlassen des Zuges nicht nur freundlich gewunken, sondern auch den beiden jungen Männern verschwörerisch zugezwinkert hat.

Blindes Vertrauen

"Kevin, komm´!" schreit es in mein linkes Ohr. Ich renne mit meinem Koffer, der klein, aber sauschwer ist, die Treppe hinunter. Vier Minuten zum Umsteigen in Hamm (Westf) bedeuten einen Spurt von Gleis 2 zum Gleis 11. Kevin, den ich in den Menschenmassen nirgendwo entdecken kann, kommt offenbar nicht. "Kevin, kohomm´!" Als ich den Fuß der Treppe erreicht habe, höre ich nurmehr "e..i, o...o. e..i., .o...o." Vom Befehl der Mutter bleiben nur noch ein paar Vokale übrig, die im murmelnden Stimmengewirr und krächzenden Lautsprecherdurchsagen untergehen.

Ich nehme die Treppe zum Gleis 11 in großen Schritten und schaffe es tatsächlich gerade so, in meinen Zug nach Düsseldorf zu steigen, der pünktlich abfährt. Wieder wende ich mich meiner Lektüre "Im Café der verlorenen Jugend" zu und versuche, trotz der Enge im Wagon und der damit verbundenen Unruhe zu lesen.

In Essen Hbf bleibt der Zug sehr lange am Gleis stehen. Hatte ich mich nicht eben noch über den pünktlichen Zug gefreut und im Stillen der Deutschen Bahn meinen Respekt gezollt? Der Lautsprecher im Großraumwagen knistert und der Zugführer sagt an, dass wir für unbestimmte Zeit in Essen festsitzen werden, weil zwischen Mülheim und Duisburg eine nicht auszumachende Anzahl von Personen auf den Gleisen herumlaufe. Wo ist meine Pumpgun, wenn ich sie mal brauche? Ich würde die Gleise schon freipusten, aber hallo!

Noch habe ich gute Laune. Noch erfreue ich mich an meiner Fantasie, die mich mit meinem Koffer auf der Zugtoilette (falls nicht defekt!) verschwinden, mich in mein Superwoman-Kostüm hüpfen und mich den Zug an Mülheim und Duisburg vorbei tragen lässt. Es passiert aber nichts, außer dass sich immer mehr Menschen, die dem Irrglauben "Toll, ich habe den Zug nach Düsseldorf noch gekriegt" unterliegen, in die Bahn zwängen. Langsam werde ich klaustrophobisch und frage mich und die Mitfahrer, die mich einkeilen, warum wir nicht die S-Bahn nehmen, die doch offenbar noch fährt. Die Mitreisenden sehen mich stupide an, ähnlich wie die Elois Rod Taylor in der "Time Machine" Verfilmung. Den Leuten ist einfach nicht zu helfen, sollen sie doch den Morlocks in die Höhle folgen bzw bis zum Einbruch der Dunkelheit in diesem sauerstoffarmen Zug sitzen bleiben. Ich nehme mein Gepäck und steige über wenig erfreute Menschen aus dem Zug.

Als ich gerade am Bahnsteig in die S-Bahn einsteigen will, scheppert es aus den Laut- sprechern "Die einzige Verbindung Richtung Düsseldorf und Köln, die momentan fährt, ist die S-Bahn am Gleis 16". Na, bitte, aber auf mich hört ja keiner! Die S-Bahn wird voller und voller, die Tokioer U-Bahn zur Rush Hour ist dagegen die reinste einsame Insel. Ich würde gern aufhören zu jammern, aber ich kann nicht. Die Luft in der S-Bahn ist stickig. Präpubertierende Lolitas quatschen ältere Herren an, die das auch noch lustig finden. Es gibt mehr S-Bahn-Stationen zwischen Essen Hbf und Düsseldorf Hbf als Naomi Campbell Sozialstunden aufgebrummt bekommen hat. Ich halte mich mit meinem kleinen Finger an einer Metallstange fest, während ich mein Gepäck zwischen meine Beine geklemmt ausbalanciere. Ich habe kein Deo dabei. Und keine Pumpgun.

Neben mir steht ein Mann. Er ist blind. Keine Begleitung, keinen Hund. Nur einen weißen Stock. Er überlegt laut, ob er mit der S-Bahn nach Köln fahren soll. Ich erfahre, dass Mannheim sein eigentliches Ziel ist und rate ihm davon ab, mit diesem Bummelzug, der an jeder Milchkanne hält, weiter als bis Düsseldorf zu fahren. Nachdem ich ihm erzähle, dass ich in Düsseldorf aussteige, fragt mich der Blinde, ob ich ihn in einen Zug Richtung Mannheim setzen kann. Klar mache ich das, aber erst muss ich den Asphalt des Gleises vom Düsseldorfer Hbf küssen und mein Gepäck so schultern, dass ich den blinden Herrn an die andere Seite nehmen kann. Nein, tatsächlich erfasst er meinen Arm und wir wackeln so zum Fahrplan.

Mir fällt erst jetzt auf, wie rücksichtslos die Menschen sind, wenn es darum geht, ihren Zug zu erwischen. Mindestens dreimal werden wir angerempelt. Ich erkläre dem Blinden zwei zeitnahe Alternativen und mache ihm Vorschläge, wie er am besten weiterfahren soll. Er bemerkt: "Wenn Sie jetzt gerade nicht gesprochen hätten, hätte ich die Lautsprecher-durchsagen verstanden." Darf man einen Mann ohne Augenlicht einen Klugscheißer nennen? Ich sag mal nix, denke mir aber meinen Teil. Der eine Zug Richtung Mannheim hat 30 min, der andere Zug Richtung Köln nur 15 min. Verspätung. Beim Einfahren der letzteren Bahn bitte ich einen aussteigenden Schaffner, dem blinden Herrn doch den schnellstmöglichen Anschluss von Köln nach Mannheim zu nennen. Er schnauft, dass der Zug total überfüllt sei und er keine Zeit hätte. Der Blinde ist erstaunlich relaxed, meint, er müsse dann mal sehen (?), wie er weiterkommt, und bedankt sich überschwenglich für meine Hilfe. Ich schäme mich ein bisschen für den "Klugscheißer" und schiebe den Mann in einen Großraumwagen. Die Türen schließen sich.

Endlich kann ich nach Hause. Ich weiß nicht, wie ich diese Horrortour überstanden habe. Ohne Deo. Und ohne Pumpgun.

Marlon!

Ich bin heute wieder Zug gefahren. Allerdings nur von Düsseldorf nach Essen und nach einem Meeting von Essen nach Düsseldorf zurück. Kurze Strecke, kurzer Artikel, ist ja logisch. Mein Regionalzug ist mir vor der Nase weggefahren, und weil ich nicht auf den nächsten Regionalzug warten will, gönne ich mir ein Intercity-Ticket. Blöd nur, dass dieser wiederum soviel Verspätung hat, dass ich genauso gut die nächste Regionalbahn hätte nehmen können. Ich bin an einem Punkt, wo mir das Denken schwer fällt. Sagen Sie mal, sind Sie auch so matschig im Kopf bei diesem feuchtwarmen Wetter? Ich könnte den ganzen Tag schlafen. Das teure Ticket ist bereits gezogen, also nehme ich auch den teuren Zug und hoffe, dass dieser nicht so voll ist.

Pustekuchen. Es ist ein Tag vor einem Feiertag, da sind alle Züge voll. Ich finde einen Platz in einem Großraumwagen mit ziemlich vielen Kindern. Als ich sitze und der Zug losfährt, ahne ich, dass die Verfügbarkeit des Platzes in direktem Zusammenhang mit den minderjährigen Mitreisenden steht. Den ziemlich vielen Kindern ist ziemlich langweilig, weshalb sie ziemlich laut sind. Besonders lebhaft gebärdet sich Marlon. Erst sehe ich ihn gar nicht, dafür höre ich seine Mutter: „Marlon, Marlon! Komm bitte wieder hierher und setz dich neben mich. Marlon, nein, du gehst nicht in den anderen Wagen, bleib hier. MARLON!“ Ein Baby schreit, ein größeres Mädchen steht auf dem Sitz und schaut sich die Erwachsenen an, die tumb auf die Bildschirme ihrer Laptops starren. Plötzlich steht ein kleiner süßer dunkelblonder Junge mit einem hellblauen Comic-Shirt vor dem Platz einer ernst dreinschauenden älteren Dame mit schwarz gefärbtem Haar und sieht sie sich eine Weile an. Die ältere Dame liest weiter in ihrem Buch, schaut nicht auf, sagt nichts. Der Kleine ist circa 2 Jahre alt, aber da verschätze ich mich gern mal. Er läuft sehr gut, vor allem seiner Mama weg, über die Sprachentwicklung kann ich allerdings nicht viel berichten. Meistens lacht er.

Der Zug hält in Duisburg. Marlon möchte gern aussteigen und versucht dies auch.
„Marlon, Marlon. Du kommst sofort zu mir. Geh aus der Tür. Komm hierher. MARLON!“ Die Mutter steht auf und schleift ihren grinsenden Spross durch den Gang zurück zu seinem Sitz. Zwei Minuten später steht Marlon wieder vor der Frau mit den schwarz gefärbten Haaren, die ihn wieder nicht beachtet. Ich frage mich, woher Kinder diese unbändige Energie hernehmen und woher die Mütter die Nerven. Der kleine Junge sagt nun „Hallo“ zu der lesenden Frau, lacht und küsst sie – wie durch eine spontane Eingebung – auf ihr Knie. Da die ältere Dame auch darauf nicht reagiert, vermute ich, dass sie während dieser Reise ihre letzte angetreten hat.

„Marlon, komm jetzt bitte. Lass die Leute in Ruhe. MARLON!“ Der Kleine dreht sich um, sieht mich, feixt und küsst ebenfalls mein Knie. Ich sage: „Du bist ja vielleicht lustig. Küsst hier einfach so rum. Gibt’s dich auch in größer?“ Kaum ausgesprochen, steht ein vielleicht fünfjähriger Junge, höchstwahrscheinlich Marlons Bruder, wie aus dem Nichts neben mir und küsst meine Wade (ich habe immer die Beine übereinander geschlagen, ja, ich weiß, dass man das nicht tut, weil das zu Krampfadern führt). Nun traue ich mich nicht mehr die „Gibt´s dich auch in größer?“-Frage zu stellen. Wer weiß, wohin das führt? Marlon küsst noch fröhlich den Arm der Mitreisenden schräg vor mir, da erhebt sich seine Mama von ihrem Platz und fängt ihn wieder ein.

Weil ich am Düsseldorfer Hauptbahnhof ausgestiegen bin, weiß ich nicht, ob Marlon und sein Bruder weitergeküsst haben. Ich fand die ganze Knutscherei irgendwie merkwürdig. Aber erscheint einem bei diesem feuchtwarmen Wetter nicht alles ein wenig diffus?

Im Nachhinein habe ich das Gefühl, mir das alles nur eingebildet zu haben.

Eine Knutschi Morgana. Oder so.

16. Februar 2014

Mein Vater, der Hoffmann und die Sache mit dem Schlüssel

Mein Vater Hermann kochte Ende der 50er Jahre in der winzigen Küche des D-Zuges von Dortmund nach Wien Kaiserschmarrn und Tafelspitz. In Passau wurden die D-Mark Einnahmen verblombt, das Personal wechselte. Nur mein Vater, der kochte über die damals noch existierenden Landesgrenzen hinweg. Und Horst Hoffmann aus Leipzig, mit dem mein Papa sich angefreundet hatte, kellnerte auf der gesamten Strecke. „Der Hoffmann war gutaussehend und charmant und der fröhlichste Mensch, dem ich je in meinem Leben begegnet bin. Er begrüßte die Gäste durchs Mikrofon und sagte: `Guten Tag, meine Dame und Herren, ich hoffe Sie sind heute mit der linken Rheinseite zufrieden.´ Die Zuggäste applaudierten dann immer.“

Spätabends, so gegen halb 11, kam der Zug am Wiener Westbahnhof an. Von dort aus fuhren Hermann und Hoffmann, der Zugkellner, mit der Straßenbahn zum „Glockner-Stüberl“, einer Gaststätte, in der die Deutsche Bundesbahn Zimmer für die Angestellten angemietet hatte. Die Bediensteten teilten sich 4-Bett-Zimmer und natürlich wurde für diejenigen, die die Tagesschicht beendet hatten, nicht extra die Bettwäsche gewechselt. „Die Betten waren quasi immer warm“, sagte mein Vater, „aber wir waren sowieso so müde, das war uns doch egal.“ Der Schaffner, der die Billets in der Tram vom Haupt- bahnhof zur Haltestelle beim „Glockner-Stüberl“ verkaufte, kannte meinen Vater und den Hoffmann bereits. „Ah, da seid´s ihr ja wieder, hobt´s ihr endlich Feierabend?“ Eine elegant gekleidete Dame mit schwerem Gepäck stand etwas ratlos im Wagon. „Aaaah, die Frau Komtess, küss die Hoand. Nach voarn, bittä, die Frau Komtess, nach voarn.“ Hermann und Hoffmann standen der Frau im Weg und so flüsterte der Tramschaffner ihnen zu: „Nun losst amol die Fregottn vorbei.“

Das Verhängnisvolle an der Schlafstätte über dem „Glockner-Stüberl““ war die Gaststätte unter dem Zimmer und der Bierausschank. „Heute gehen wir nicht da rein“ hatten Horst und Hermann sich schon am Morgen vorgenommen. „Wir gehen direkt aufs Zimmer und schlafen und sparen unser Geld.“ Nun, am Abend, hatte sich die Meinung geändert. „Komm, Hermann, auf ein Bier, dann schläft es sich besser“, lockte der Hoffmann und mein Vater überlegte nicht lang. Natürlich trank man, bis die Schänke schloss, und wie viele Gasthäuser in Bahnhofsnähe schloss sie spät. Der Rausch am nächsten Morgen währte lang. Zu lang. Mein Vater, der Koch, und Hoffmann, der Kellner, verschliefen. Der D-Zug in die Gegenrichtung war ohne die beiden losgefahren. Die jungen verschlafenen Burschen gerieten in Aufruhr. „So schön waren wir ja nicht, dass der Zug auf uns wartete.“ Sie hatten die Generalschlüssel zur Küche, zur Speise- und Kühlkammer und zum Getränke- lager. Es war klar, dass die Zuggäste im Speisewagen nicht versorgt werden konnten. Das würde Ärger geben.

Die Zuggäste auf der Strecke Wien Westbahnhof – Dortmund bekamen auf ihrer Reise nichts zu essen und zu trinken. Sie saßen an Tischen ohne Tischdecken und spielten Karten, um sich die Zeit zu vertreiben. „Heutzutage wären wir sofort unseren Job losgewesen. Wir bekamen damals drei Wochen Berufsverbot. Das bedeutete, dass mein Vater und der Hoffmann drei Wochen keinen Pfennig verdienten.

Ob die beiden danach jemals wieder das „Glockner-Stüberl“ betraten, weiß ich nicht.
Ich werde meinen Vater gleich mal anrufen und ihn fragen.

Wie ich einmal fast nicht in Köln ankam

Meine Freundin Martina und ich haben uns zum Kölner Weihnachtsmarkt verabredet. Jaja, ich kann sie vor meinem geistigen Auge sehen, die Düsseldorfer Naserümpfer. „Wieso fährt die nach Köln, wir haben einen schönen Weihnachtsmarkt mitten in der Stadt?“ Die Düsseldorfer Naserümpfer wissen nicht, dass Martina in Euskirchen lebt und wir uns in Köln entgegenkommen. Sie wissen vielleicht auch nicht, dass ich zugereiste Düsseldorferin bin und deshalb die Düsseldorf-Köln-Fehde allenfalls augenzwinkernd unterstütze. Jeder Jeck is anders, sag ich immer.

Ich habe ein klitzekleines Pünktlichkeitsproblem, deshalb habe ich mir einen Zug aus- gesucht, der eine Viertelstunde vor Martinas Eifel-Express am Kölner Hauptbahnhof ankommt. Ein Blick auf die Zuganzeige im Eingangsbereich des Düsseldorfer Hauptbahnhof bestätigt es wieder: Meistens kann ich gar nichts für meine Unpünktlichkeit. Mein Zug hat 25 Minuten Verspätung! Hektisch überfliegt mein Blick den gelben Fahrplan am Gleis. Ha, da geht noch ein anderer Zug nach Köln-Deutz, von dem aus könnte ich notfalls ze Foß zum Hauptbahnhof jonn. Er fährt in zwei Minuten, ich hetzte die Treppe (na gut, Rolltreppe) zum Gleis hoch und springe in den Großraumwagen. „Lange keinen Sport mehr getrieben“, deutet mir meine Schweratmigkeit. Egal. Ich sitze.

Das Schöne am Bahnfahren ist, dass man aus dem Fenster schaut, Landschaften vorbei, ziehen sieht und seine Gedanken schweifen lassen kann. Ich brauche keine Musik aus dem Ipod (liegt zu Hause), ich kann auch so abschalten. „Nächster Halt: Neuss Hauptbahnhof“. Neuss? Wieso Neuss? Der Regionalzug fährt normalerweise über Benrath und Langenfeld und Leverkusen. Es gibt eine S-Bahn-Strecke zwischen Düsseldorf und Köln, die Fahrt dauert EWIG, die bin ich in umgekehrter Richtung schon einige Male nachts gefahren, als nichts anderes mehr fuhr. Hilfe.

„Nächster Halt: Holzheim“ Ich ahne bereits, dass ich nicht – wie geplant – binnen 30 Minuten am Kölner Hauptbahnhof ankommen. „Nächster Halt: Kapellen.“ Die Bahn zuckelt weiter und ich ärgere mich jetzt schon über mich selbst. Neben klitzekleiner Unpünktlichkeit ist Unkonzentriertheit, zum Beispiel beim Lesen eines Fahrplans eine weitere Schwäche von mir. „Nächster Halt: Grevenbroich“ Diese Fahrt wird EWIG dauern, das weiß ich nun. Mist, ich habe noch nicht mal was zum Lesen dabei. Ohne Lesestoff halte ich maximal 30 Minuten aus und wenn ich den richtigen Zug genommen hätte.Für meine Unterhaltung sorgen stattdessen drei Kinder im Alter von circa 12 Jahren. Zwei Jungs und ein Mädchen. Der Kleine mit dem dunklem Flaum auf der Oberlippe ist der Chef. Das Mädchen deutet auf ihn und sagt: „Ey, der ne, der schlägt Mädschn. Echt, Alter.“ Das Kind mit dem Fastschnäuzer sagt stolz: „Ja, Alter, klar schlagisch Mädschn. Und alte Leute.“ Na, bravo. Solche Kids fehlen mir noch zu meinem Zugfahrtglück. Weiter geht die Unterhaltung der „Kinder“. Junge: „Du kannst mir mal einen blasen.“ Mädchen: „Ey, komm, verpiss disch, Mann. Du fuckst misch total ab.“ Wieso habe ich meinen Ipod vergessen? Leider kann ich nicht weghören. Es geht mindestens noch eine Viertelstunde so: „Verpiss disch.“ - „Fick disch.“ - „Verpiss disch.“ - „Fick disch.“

Die junge Frau, die den Kindern gegenüber sitzt, starrt konzentriert in ihr Buch. Die älteren Zuggäste um mich herum rutschen unruhig hin und her. Ab und zu hör ich ein 
„Ach, Gott“ oder ein „Herrje“. Als das hochqualifizierte Gespräch der Kids eine gewisse Dezibelzahl überschreitet, reicht es mir endgültig. Ich stehe auf, mache mich größer, als ich ohnehin schon bin und sage ziemlich laut: „Hey! Geht das hier auch leiser? Ihr nervt total!!!“ Der Chef mit dem Bärtchen guckt auf seine Knie und murmelt „Ja, ja“. Ich setze mich wutschnaubend auf meinen Platz zurück. Die Unterhaltung wird tatsächlich etwas leiser, aber leider kann ich das „Fick disch“ immer noch hören. Die Bahn fährt im Schneckentempo durch lauter Dörfer. Gutsdorf, Frimmersdorf. Paffendorf. Quadrath-Ichendorf. Ich sehe aber gar keine Ortschaften, nur neblige Felder und Bahnhofsschilder. In Horrem steigt die wohlerzogene Brut endlich aus dem Zug, nicht ohne an meine Scheibe zu klopfen und sich freundlich mit Stinkefinger zu verabschieden.
Martina simse ich, dass ich nicht weiß, ob und wann ich heute noch in Köln eintreffen werde und dass ich gleich anfange vor Wut zu heulen. Fahre seit über einer Stunde durch ein mir völlig unbekanntes Gebiet. Können die Kölner mir doch gleich sagen, dass sie mich nicht haben wollen. Drecksköln.

„Nächster Halt: Köln-Ehrenfeld.“ Köln-Ehrenfeld. Ehrenfeld, wie der Stadtteil von Köln? Köln wie die Domstadt Köln, in der seit nunmehr einer Dreiviertelstunde meine Freundin aus Euskirchen wartet? Ich schluchze leise auf und simse: „Fast da.“ Eine Viertelstunde und eine tröstende Umarmung später gehe ich mit Martina die Treppe zum Dom hinauf. Ich brauche einen Glühwein und eine belgische Waffel. Zur Beruhigung. Und nach einer weiteren Stunde finde ich, dass Köln einen wirklich hübschen Weihnachtsmarkt hat, vor allem den am Altermarkt.. Als es dunkel wird, leuchten die Lichter in den Baumkronen. Schön.

Für die Rückfahrt kaufe ich mir in der Bahnhofsbuchhandlung etwas zum Lesen. Vorsichtshalber. Ich bin übrigens in den richtigen Zug gestiegen. Die Erftbahn über Paffendorf, Frimmersdorf und Gutsdorf fährt eine Minute später am gegenüberliegenden Gleis los. Aber dieses Mal bin ich hochkonzentriert.