24. Februar 2014

Frau Fritze, das Schwimmen und die Liebe


Manchmal frage ich mich, warum ich mich für den Beruf der Reiseverkehrskauffrau entschieden habe. In meiner Bewerbung, die ich 1990 verschickt hatte, schrieb ich: „Ich mag den Umgang mit Menschen“. Damals war ich 22 Jahre alt und der Umgang mit Menschen war bisher meistens angenehm gewesen. Nun gehe ich mein halbes Leben einer beruflichen Tätigkeit nach, in der ich täglich Kontakt mit Menschen habe. Menschen sind sehr unterschiedlich. Es gibt nette Menschen, dankbare und herzliche Menschen. Es gibt Menschen, die alles besser wissen, es gibt Menschen, die alles, wirklich alles wissen wollen („Wie hoch sind die Wellen in Südthailand? Meine Frau ist Brillenträgerin.“ – „Gibt es Pastinake von Alete in der Hotelanlage auf Kos? Mein Kind isst nur Pastinake.“) Es gibt Menschen, die behandeln Dienstleister und Verkäufer grundsätzlich von oben herab. Und zum Glück gibt es Menschen wie Frau Fritze.

Frau Fritze hat schon mehrfach ihren Urlaub in unserem Reisebüro gebucht. Heute sitzt sie das erste Mal bei mir. Sie hört ein bisschen schlecht. Ich jedoch könnte ihr stundenlang zuhören, sie ist einfach reizend. Frau Fritze erzählt, dass sie sich für eine Woche mit einer Freundin aus München auf Mallorca treffen möchte. „Wir gehen dort zum Schwimmfest nach Palma, wissen sie, wir machen Seniorenschwimmen.“ Das finde ich bemerkenswert und frage, welche Schwimmart sie bevorzugt. Brust und Kraul. Rücken ginge eventuell auch noch. Nur zum Schmetterling hätte ihr immer die Kraft gefehlt. Und sie bevorzugt Kurzstrecken, weil sie ab 100 Meter Probleme mit der Luft bekommt. „Ich habe COPD.“ Gutes Thema, an dieser Lungenkrankheit leidet mein Vater auch, zur Zeit besonders schlimm, deshalb liegt er im Krankenhaus. 


„Bei Überanstrengung wird es viel schlimmer.“ Wir unterhalten uns, während ich für sie die angenehmsten Flugzeiten und Preise checke. „Bitte nicht Abflug mitten in der Nacht, in meinem Alter muss ich mir das nicht mehr antun.“ Frau Fritze ist 90. Ich bin noch beeindruckter und frage, ob es noch viele Damen in ihrer Altersklasse gibt. Es seien nicht mehr allzu viele, aber es gäbe ein paar, die noch schneller wären als sie. Die Russin zum Beispiel, gegen die sie bei den Masters in Jalta angetreten sei. Da war sie aber vor den Wettbewerben am Flughafen gestürzt.

„Ich nehme immer ein Doppelzimmer zur Alleinbenutzung. Mein Lebensgefährte ist ja leider vor ein paar Jahren verstorben. Ich war seine Jugendliebe und wir haben uns durch das Schwimmen wiedergetroffen.“ Jetzt will ich alles wissen. So viel Zeit muss sein. Frau Fritze erzählt, dass sie mit 18 Jahren im Schwimmverein Magdeburg einen schüchternen Verehrer hatte. Mit den Verabredungen hatte es irgendwie nicht geklappt und dann sei der junge Mann in den Krieg eingezogen worden. Während des Krieges hat Frau Fritze dann einen anderen Mann kennengelernt und ihn geheiratet, auch einen Schwimmer, mit dem sie nach den ersten Schwimm-Meisterschaften nach dem Krieg in den Westen gegangen sei. Dieser Mann verstarb schon in den 70er Jahren. Anfang der 90er Jahre begegnete Ingeborg Fritze ihrem Gerhard und traf ihn immer wieder bei Schwimmveranstaltungen. Nachdem dieser verwitwet war, bat er Ingeborg zu einer Verabredung zum Kaffee. Danach war klar, dass die Gefühle auch nach 50 Jahren noch bestanden. „Als er mich seinem Sohn vorgestellt hat, sagte er, dass ich seine große Jugendliebe sei.“ 1997 zogen beide zusammen, da war Frau Fritze schon 75 Jahre alt. Sie nahm mit ihrem Lebensgefährten an allen Deutschen, Europa- und Weltmeisterschaften der Masters teil. „Er ist 2002 leider gestorben. Im Wasser.“

Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Mir fällt nur ein, dass sie und ihr Partner wenigstens ein paar schöne gemeinsame Jahre hatten. Frau Fritze darf gar nicht daran denken, was hätte passieren können, wenn der blöde Krieg nicht dazwischen gekommen wäre. Frau Fritze bucht und bedankt sich für die schöne Unterhaltung, die gute Beratung und geht.

Natürlich „google“ ich sie sofort und finde heraus, dass Ingeborg Fritze von 2001 bis 2011 allein fünf Weltrekorde erschwommen hat. Sie hat zehn Weltmeister- und 25 Europameister-Titel und an 48 Deutschen Meisterschaften teilgenommen. Hätte sie heute nicht bei mir gebucht, hätte ich das nie erfahren.

Als ich mich damals um den Ausbildungsplatz in einem Reisebüro beworben habe, war der Umgang mit Menschen mein Hauptbeweggrund. Dieser Umgang wird von Tag zu Tag anspruchsvoller. Danke, Frau Fritze, dass Sie heute da waren. Sie sind einer der Gründe, warum ich gern hier sitze.

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