16. Februar 2014

Guck mal, wer da schweigt

"Was sagst du denn dazu?", fragte Katja. Markus schaute kaum auf und brummte leise.
"Meinst du, wir sollten Mario und Clara nicht auch einladen? Die sind doch nett und verstehen sich gut mit Iris und Armin." Markus raschelte recht laut mit seiner Zeitung. Katja verstand. Er las und wollte nicht mit solch unwichtigen Dingen wie der Planung des Essens am nächsten Samstag behelligt werden.

Katja seufzte und ging in die Küche, um Feldsalat mit Champignons und Speck vor- zubereiten. Während sie den Speck in der Pfanne kross briet, rief sie durch die Tür: "Möchtest du Wein zum Salat?" Keine Antwort. Katja ging ins Wohnzimmer. "Möchtest du Wein zum Salat?" Markus hatte inzwischen die Fernbedienung in der Hand und blickte konzentriert auf den Bildschirm. Bei einem Selbstmordattentat in Afghanistan sind sechs italienische Soldaten ums Leben gekommen. "Wein?" Katja gab Markus noch eine Chance. "Hmja", murmelte er kaum hörbar und starrte weiter auf das helle Flackern.

Katjas spürte das Pochen in ihrer Hals-schlagader. Markus antwortete nie. Er gab unverständliche Laute von sich, ein kleines Keuchen, ein Atmen, ein Räuspern, ein Knurpseln. Ganze Sätze kamen so gut wie gar nicht aus seinem Mund, wenn Katja Markus um seine Meinung bat oder eine schlichte Frage stellte. Eine Diskussion ging nie von ihrem Freund aus. Zwei- oder Dreiwortsätze von Markus konnte man schon als Redseligkeit interpretieren. "Ja, gut." oder "Okay, morgen."

Manchmal ertappte sich Katja dabei, wie sie mit sich selbst sprach oder Antworten für Markus gab. Auf Fragen, die sie ihm gestellt hatte. Zu Beginn ihrer Beziehung war ihr seine Einsilbigkeit gar nicht aufgefallen. Im Gegenteil, sie hatte die Ruhe und Gelassenheit, die er ausstrahlte, als angenehm empfunden. Ihr Ex-Mann war ein übler Angeber gewesen, der sich am liebsten selbst reden hörte. Die Dialoge mit Markus empfand Katja mittlerweile als anstrengend.

"Guck mal, das Schiff mit den blauen Liegestühlen. Das könnte ich mir jetzt auch vorstellen. Und du?"
"Hmja."
"Oh, im Kino läuft Maria, ihm schmeckt´s nicht. Wir könnten da doch am Freitag reingehen."
"Chchhch."
"Hast du keine Lust?"
"Geht so."

Es hatte wegen Markus´Schweigsamkeit desöfteren Streit gegeben. Nein, keinen Streit. Markus stritt nicht. Katja musste sich Luft machen, wenn sie glaubte an ihrer Wut zu ersticken.

"Mensch, neben dir kommt man sich vor wie Gisela Schlüter persönlich. Giselas Schnatterbox live. Sag mir, wenn ich dir auf die Nerven gehe, aber erspar mir bitte deine gelangweilte Einsilbigkeit. Gut, dass sie auf der Arbeit wenigstens mit mir sprechen, ich würde sonst eingehen wie ´ne Primel ohne Wasser. Bin ich dir eigentlich völlig egal. Ich will mich mit dir unterhalten, ich will mit dir reden. Aber es kommt nichts, nichts, nichts!!!" Katja weinte oft. Beim Einschlafen im Bett, wenn Markus sich umdrehte und gleichmäßig zu atmen begann.

Gestern war Katja etwas früher als geplant mit dem Rad von der Praxis nach Hause gefahren. Dr. Faber hatte nur noch einen Patienten und hatte ihr gesagt, dass sie an diesem wunderschönen Spätsommertag doch einfach früher gehen solle. Katja fuhr erst die Rheinuferpromenade entlang und bog dann in den Hofgarten. Sie glaubte zunächst, sich verguckt zu haben, als sie einen Mann, der aussah wie Markus auf einer Bank sitzen sah.
Er unterhielt sich mit einem älteren Ehepaar, das die Tauben fütterte und bemerkte seine Freundin auf dem Fahrrad, die beinahe gegen eine der Laternen gefahren war, überhaupt nicht.

"Wir können essen", sagte Katja zu Markus, der weiterhin die Nachrichten verfolgte. Er knurrte leise etwas wie okay, schaltete den Fernseher aus und setzte sich an den gedeckten Esstisch. "Zum Wohl". Katja prostete ihrem Freund zu. "Mhmm" brummte er. Er stach mit seiner Gabel in die gebratenen Pilze und den Speck und begann zu kauen, nahm ein Stück Brot, brach sich ein kleineres Stückchen ab und tunkte es in das Dressing. Markus trank einen Schluck von dem Wein. Stach wieder in den Salat. Kaute. "Schmeckt es dir?" fragte Katja. "Doch" flüsterte Markus und schmatzte ein wenig.

In der Nacht schlief Katja unruhig. Immer wieder blickte sie auf die grün leuchtenden Zeiger des Weckers. 1:25. 1:55. 2:10. 2:35. Gerade als sie endlich dabei war ein- zuschlafen, fühlte sie plötzlich Markus Hand an ihrer Schulter. Mit der anderen Hand hielt er seinen Magen. Er krümmte sich vor Schmerzen. Katja drehte sich um und konzentrierte sich auf die Zeiger des Weckers. 2:40. Markus Hand rüttelte fester an ihr.

"Katja, mir ist furchtbar schlecht. Vielleicht waren die Pilze nicht okay. Oh Gott, ich glaub, ich muss kotzen. Ruf einen Arzt, schnell, den Notarzt, schnell!!!"

Es war der längste Satz, den Markus je in Katjas Anwesenheit gesprochen hatte.

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