16. Februar 2014

Wie ich einmal fast nicht in Köln ankam

Meine Freundin Martina und ich haben uns zum Kölner Weihnachtsmarkt verabredet. Jaja, ich kann sie vor meinem geistigen Auge sehen, die Düsseldorfer Naserümpfer. „Wieso fährt die nach Köln, wir haben einen schönen Weihnachtsmarkt mitten in der Stadt?“ Die Düsseldorfer Naserümpfer wissen nicht, dass Martina in Euskirchen lebt und wir uns in Köln entgegenkommen. Sie wissen vielleicht auch nicht, dass ich zugereiste Düsseldorferin bin und deshalb die Düsseldorf-Köln-Fehde allenfalls augenzwinkernd unterstütze. Jeder Jeck is anders, sag ich immer.

Ich habe ein klitzekleines Pünktlichkeitsproblem, deshalb habe ich mir einen Zug aus- gesucht, der eine Viertelstunde vor Martinas Eifel-Express am Kölner Hauptbahnhof ankommt. Ein Blick auf die Zuganzeige im Eingangsbereich des Düsseldorfer Hauptbahnhof bestätigt es wieder: Meistens kann ich gar nichts für meine Unpünktlichkeit. Mein Zug hat 25 Minuten Verspätung! Hektisch überfliegt mein Blick den gelben Fahrplan am Gleis. Ha, da geht noch ein anderer Zug nach Köln-Deutz, von dem aus könnte ich notfalls ze Foß zum Hauptbahnhof jonn. Er fährt in zwei Minuten, ich hetzte die Treppe (na gut, Rolltreppe) zum Gleis hoch und springe in den Großraumwagen. „Lange keinen Sport mehr getrieben“, deutet mir meine Schweratmigkeit. Egal. Ich sitze.

Das Schöne am Bahnfahren ist, dass man aus dem Fenster schaut, Landschaften vorbei, ziehen sieht und seine Gedanken schweifen lassen kann. Ich brauche keine Musik aus dem Ipod (liegt zu Hause), ich kann auch so abschalten. „Nächster Halt: Neuss Hauptbahnhof“. Neuss? Wieso Neuss? Der Regionalzug fährt normalerweise über Benrath und Langenfeld und Leverkusen. Es gibt eine S-Bahn-Strecke zwischen Düsseldorf und Köln, die Fahrt dauert EWIG, die bin ich in umgekehrter Richtung schon einige Male nachts gefahren, als nichts anderes mehr fuhr. Hilfe.

„Nächster Halt: Holzheim“ Ich ahne bereits, dass ich nicht – wie geplant – binnen 30 Minuten am Kölner Hauptbahnhof ankommen. „Nächster Halt: Kapellen.“ Die Bahn zuckelt weiter und ich ärgere mich jetzt schon über mich selbst. Neben klitzekleiner Unpünktlichkeit ist Unkonzentriertheit, zum Beispiel beim Lesen eines Fahrplans eine weitere Schwäche von mir. „Nächster Halt: Grevenbroich“ Diese Fahrt wird EWIG dauern, das weiß ich nun. Mist, ich habe noch nicht mal was zum Lesen dabei. Ohne Lesestoff halte ich maximal 30 Minuten aus und wenn ich den richtigen Zug genommen hätte.Für meine Unterhaltung sorgen stattdessen drei Kinder im Alter von circa 12 Jahren. Zwei Jungs und ein Mädchen. Der Kleine mit dem dunklem Flaum auf der Oberlippe ist der Chef. Das Mädchen deutet auf ihn und sagt: „Ey, der ne, der schlägt Mädschn. Echt, Alter.“ Das Kind mit dem Fastschnäuzer sagt stolz: „Ja, Alter, klar schlagisch Mädschn. Und alte Leute.“ Na, bravo. Solche Kids fehlen mir noch zu meinem Zugfahrtglück. Weiter geht die Unterhaltung der „Kinder“. Junge: „Du kannst mir mal einen blasen.“ Mädchen: „Ey, komm, verpiss disch, Mann. Du fuckst misch total ab.“ Wieso habe ich meinen Ipod vergessen? Leider kann ich nicht weghören. Es geht mindestens noch eine Viertelstunde so: „Verpiss disch.“ - „Fick disch.“ - „Verpiss disch.“ - „Fick disch.“

Die junge Frau, die den Kindern gegenüber sitzt, starrt konzentriert in ihr Buch. Die älteren Zuggäste um mich herum rutschen unruhig hin und her. Ab und zu hör ich ein 
„Ach, Gott“ oder ein „Herrje“. Als das hochqualifizierte Gespräch der Kids eine gewisse Dezibelzahl überschreitet, reicht es mir endgültig. Ich stehe auf, mache mich größer, als ich ohnehin schon bin und sage ziemlich laut: „Hey! Geht das hier auch leiser? Ihr nervt total!!!“ Der Chef mit dem Bärtchen guckt auf seine Knie und murmelt „Ja, ja“. Ich setze mich wutschnaubend auf meinen Platz zurück. Die Unterhaltung wird tatsächlich etwas leiser, aber leider kann ich das „Fick disch“ immer noch hören. Die Bahn fährt im Schneckentempo durch lauter Dörfer. Gutsdorf, Frimmersdorf. Paffendorf. Quadrath-Ichendorf. Ich sehe aber gar keine Ortschaften, nur neblige Felder und Bahnhofsschilder. In Horrem steigt die wohlerzogene Brut endlich aus dem Zug, nicht ohne an meine Scheibe zu klopfen und sich freundlich mit Stinkefinger zu verabschieden.
Martina simse ich, dass ich nicht weiß, ob und wann ich heute noch in Köln eintreffen werde und dass ich gleich anfange vor Wut zu heulen. Fahre seit über einer Stunde durch ein mir völlig unbekanntes Gebiet. Können die Kölner mir doch gleich sagen, dass sie mich nicht haben wollen. Drecksköln.

„Nächster Halt: Köln-Ehrenfeld.“ Köln-Ehrenfeld. Ehrenfeld, wie der Stadtteil von Köln? Köln wie die Domstadt Köln, in der seit nunmehr einer Dreiviertelstunde meine Freundin aus Euskirchen wartet? Ich schluchze leise auf und simse: „Fast da.“ Eine Viertelstunde und eine tröstende Umarmung später gehe ich mit Martina die Treppe zum Dom hinauf. Ich brauche einen Glühwein und eine belgische Waffel. Zur Beruhigung. Und nach einer weiteren Stunde finde ich, dass Köln einen wirklich hübschen Weihnachtsmarkt hat, vor allem den am Altermarkt.. Als es dunkel wird, leuchten die Lichter in den Baumkronen. Schön.

Für die Rückfahrt kaufe ich mir in der Bahnhofsbuchhandlung etwas zum Lesen. Vorsichtshalber. Ich bin übrigens in den richtigen Zug gestiegen. Die Erftbahn über Paffendorf, Frimmersdorf und Gutsdorf fährt eine Minute später am gegenüberliegenden Gleis los. Aber dieses Mal bin ich hochkonzentriert.

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